Herbsttag – Mittwoch, 24. September 2014

… wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben | und wird in den Alleen hin und her | unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke)

 

Ich liebe dieses Gedicht, seit ich es entdeckt habe, da war ich noch ziemlich jung. Schon damals hat mich die letzte Strophe beeindruckt und ein bisschen erschreckt. Auch das hat sich nicht geändert, obwohl ich inzwischen weiß, dass ich, wenn ich unruhig bin, nicht „wandere“, sondern mich eher zu Hause verkrieche. Und schon immer wollte ich es zum Herbstanfang (hab ich ja fast geschafft) irgendwo in die Welt setzen, eben weil es eines „meiner“ Gedichte ist.

Aber was für schöne Bilder dieses Gedicht kreiert! Sonnenuhren, die ihren Dienst einstellen, weil Schatten (also Wolken) auf ihnen liegt, Herbststürme (die mich immer Mitfliegen-Wollen lassen) und letzte reifende Trauben (als Metapher schon fast todessehnsüchtig, na gut, Rilke halt). Und dann dieser emotionale Umschlag in die letzte, einsame „Herbst (des Lebens)“-Strophe, sozusagen endgültig in Richtung Moll. Großartig.

 

Herbsttag

 

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Aus: Das Buch der Bilder)

 

Herbst – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

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6 Kommentare zu “Herbsttag – Mittwoch, 24. September 2014

  1. „Wer jetzt allein ist…“ Seit 2009 begleitet mich dieses Gedicht. Ich hatte mich zu der Zeit von einer Beziehung gelöst, die mich sonst wohl… Und jetzt erst scheine ich wieder offen für eine neue Beziehung zu sein…So lange hat es gedauert…

    Gefällt 1 Person

    • Es dauert so lange, wie es dauert. Ich hab mich auch schon sehr über diese ganzen Beziehungsratgeber geärgert, die einem suggerieren, spätestens nach ein paar Monaten müsste man doch wieder frei für einen Neuanfang sein … sondern wäre doch irgendwas nicht okay. Nein. Und ich kenne noch andere, denen es auch nicht anders geht.
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  2. „Es dauert so lange, wie es dauert.“ Das sehe ich genauso.

    Nur hatte ich schon einige Male geglaubt, daß diese Beziehung für mich verarbeitet und abgeschlossen sei, um dann doch eines Besseren belehrt zu werden.

    Sogar jetzt, im Januar, kam noch etwas hoch und zwar sehr heftig. Das hat mich reichlich überrascht.

    Ratgeber sind nett und nett ist auch eine Kuh auf der Weide. 😉

    Ich möchte mit mir glücklich sein; was interessiert mich da, wie andere das sehen, wenn ich es bin?

    Ich weiß, wie schön es mit der passenden Partnerin sein kann und wie einsam und… mit der Partnerin, die eben nicht passt.

    Und wenn es nicht passt, ist es ungeschickt, sich zu verbiegen. Es macht nicht glücklich.

    Liebe Grüße,
    Frank

    Gefällt 1 Person

Ja, eben. Und du so?

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