Kreise – Samstag, 27. September 2014

… und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm | oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

 

Nach der „ungebundenen Sehnsucht“ musste so was jetzt kommen, das war hoffentlich klar 🙂 Hier ist der ganze Text:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

(Quelle: rilke.de)

 

Auch eines „meiner“ ganz persönlichen Rilke-Gedichte. Okay, da ist natürlich das Wort „Gott“ drin, was die meisten zum Flüchten bringt, Entschuldigung, keine böse Absicht. Bleibt vielleicht noch ein bisschen.

Was wäre denn, wenn man jenen Begriff mal rauslässt, ihn also eben nicht religiös auslegt, sondern das Gedicht einfach so liest:
Jemand lebt sein Leben um einen gewählten Mittelpunkt herum, „in wachsenden Ringen“, wie Jahresringe eines Baumes, bis zum Lebensende.
Das machen viele. Künstler zum Beispiel, Menschen, die sich an etwas, was sie (meist? oft?) als größer als sie empfinden, hingeben.
Dieses Etwas wird als „uralt“ (also „ewig“?) empfunden, genauso wie die Bewegung, und der Sprecher zögert, seine Rolle gegenüber diesem Etwas zu definieren: ein Falke (der in dem Turm sein Nest bauen könnte, also daran teilhaben, eine Form von Kommunikation, ein Darin-Sein); ein Sturm (dessen Gewalten den Turm umschmeicheln, aber vielleicht auch beschädigen könnten, also eine ambivalente Haltung); oder ein „großer Gesang“ (über die Schönheit des Turms(?)), auf jeden Fall vermutlich eine zustimmende, wenn nicht sogar anbetende Haltung.

Das ist eigentlich genau die Haltung gegenüber etwas (und ich sage absichtlich nicht, gegenüber jemandem), das man liebt (oder ablehnt, ich bin der Meinung, dass Liebe und Hass beides Zeichen einer intensiven Hingabe sind, also zwei Seiten einer Medaille). Teilhaben, kaputtmachen, anbeten. (Wobei ich nicht glaube, dass ich dem Sturm gerecht werde.)

Ich mag meine Überlegungen nicht mit „Gott“ in Bezug setzen, das mag jeder selbst tun oder lassen. Ich kann nur sagen, dass ich in diesem Gedicht eine liebende (ja, Absicht) Ehrfurcht vor etwas sehr Großem fühle. Und ja, da bin ich dabei.

Übrigens gibt es dieses Gedicht auch im Rilke-Projekt, mit Mario Adorf und Montserrat Caballé.

Habt ein schönes Wochenende!

 

turm glastonbury tor – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

6 Kommentare zu “Kreise – Samstag, 27. September 2014

  1. Wunderbare Gedanken dazu. Ich bleib auch zuerst an ‚Gott‘ hängen. Das ist die Erziehung, die uns noch in den Knochen steckt. Aber die Weisheit Rilkes ist dennoch nachdenkenswert. Manche Gedichte zeichnet aus, dass man sie immer wieder lesen kann und dass man immer wieder Neues entdeckt.

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    • Ja, und das Problem ist, dass bei „Gott“ bei vielen die Klappe fällt. Was wirklich nicht von Vorteil ist, denn damit wird alles Transzendente in die Esoterik-Ecke gedrängt, und da ist es, bei allem Respekt, meiner Meinung nach nicht gut aufgehoben.

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  2. Gott bei Rilke zu streichen, gerade in diesem (meinem Lieblings-)Gedicht… Denkt man Rilkes Ader zur Mystik mit, werden die Sprachbilder schon aus sich heraus klarer.

    Aber damit möchte ich nicht sagen, mir gefiele dein Ansatz nicht.

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    • Schuldig im Sinne der Anklage, ich kann dir nur recht geben. Man kann (ich will) Gott bei Rilke nicht streichen. Aber gerade deswegen habe ich es mal versucht, als Experiment … es sind ja nicht alle Mystiker.
      Willkommen auf meinem Blog!

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