Gruß von Herrn Freud – Donnerstag, 23. Oktober 2014

Ich will in das Grenzenlose | Zu mir zurück.

(Else Lasker-Schüler, Weltflucht)

 

Eines der angeblich unbekannteren Gedichte von Else Lasker-Schüler ist „Weltflucht“, das mit obigen Zeilen beginnt. Auch wenn ich dazu neige, mir Zeilen aus Gedichten rauszupicken und mir darauf meinen eigenen Reim zu machen, muss ich doch gestehen, dass mir Sätze wie: O, ich sterbe unter Euch! | Da Ihr mich erstickt mit Euch. viel zu pathetisch und abgehoben sind, wenn sie sich nicht auf eine konkrete Situation beziehen.

Allerdings musste ich, als ich über diese Aussage nachzudenken begann, feststellen, dass ich seit Jahren der festen (irrigen) Meinung war, das Gedicht begänne mit: Ich will das Grenzenlose in mir zurück. Das ist für mich ein derartiger (entlarvender, wichtiger) Unterschied, dass ich mich immer noch frage, wie mir das passieren kann – bei meinem textversessenen Hirn überaus ungewöhnlich. Und daher Gruß an Freud, hier hat mich ein Freudscher erwischt.

Ich will das Grenzenlose in mir zurück. Ja. Ja. Damit mag ich leben.

 

milchstraße sternenhimmel – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

19 Kommentare zu “Gruß von Herrn Freud – Donnerstag, 23. Oktober 2014

  1. Vielleicht hat sie mit diesem Gedicht etwas ausgedrückt, das erst Jahre später Überlebensstrategie für viele Künstler wurde und einen Namen bekam: innere Emigration. | Ich kann ihre Gedanken gut verstehen. Angesichts des Zustandes dieser Gesellschaft heute, ist jeder Tag ein Ankämpfen gegen den Fluchtreflex „meinwärts“.

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  2. War keine irrige Annahme. Guckst Du hier:

    http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_022.htm

    Ich mag Deine Version von dem Grenzenlosen in Dir, dass Du es zurück willst. Aber auch das Original gefällt mir.

    Ich versuche mich mal an der Deutung der Unterschiede der beiden Verse:

    Deine Version

    besagt, dass es einen Verlust gab, dadurch, dass Mensch mehrere Grenzen in sich aufgerichtet hat. Ebenjener Mensch wünscht sich diese „grenzenlose Zeit“ zurück, weil ebenjener Mensch diese „begrenzte Zeit“ als vielleicht einengend, zu klein etcpp empfindet.

    Frau Lasker-Schülers Version

    besagt, dass Mensch einen bestimmten Ort in sich verlassen hat, der aber existiert.

    So verstehe und lese ich es.

    Liebe Grüße

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    • Ich beziehe „grenzenlos“ eben nicht auf Zeit. Für mich gibt es einen bestimmten Ort/Zustand in mir, von dem ich mich entfernt habe und den ich zurückwill. Um ihn – Fortführung – in mein Leben zu integrieren, NICHT um dort zu bleiben, so verlockend das auch das eine oder andere Mal sein mag. Und, um das auszuschließen, dass man sich eine „Auszeit“ nimmt, halte ich ebenfalls für gut und richtig. Wichtig ist der Weg zurück, und dass er gegangen wird.

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      • Ja, genau das meinte ich ja. 🙂 Dass Du (= Mensch) ebenjenen Ort in sich entfernt / zerstört hat und dieser Ort nun fehlt und Mensch ihn wieder zurück will. Das dieser Ort einer sei, an dem es dauerhaft zu verweilen sei, so hatte ich es nicht gemeint oder verstanden.
        Auszeiten sind definitiv wichtig für Körper, Geist und Seele.

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