Einfach perfekt – Dienstag, 11. November 2014

Manches Schöne ist unvollendet reizvoller als allzu vollendet.

(François VI. Duc de La Rochefoucauld)

 

Ich kann perfekte Menschen nicht ausstehen. Perfekte Wohnungen schon gar nicht. Um perfekte Kinder *grusel* habe ich mich nie gekümmert, weiß aber, dass es das gibt. Und dem Anspruch, ein „perfektes“ Leben zu führen, habe ich schon immer leicht kopfschüttelnd gegenübergestanden.

Okay, frage ich mich, woher kommt der Wunsch nach Perfektion? Ich denke, Perfektion verleiht Sicherheit. Man hat alles richtig gemacht. Einfach perfekt. Der Ehrgeiz ist gestillt, man hat alles erreicht: einfach perfekt. Der Status, die Fassade ist errungen oder wird gewahrt – einfach perfekt. Mein Haus, mein Urlaub, mein Auto, mein Garten, meine Kinder, mein Körper, meine Beziehung, mein Sex. Einfach perfekt. Langweilig? Nicht doch.

Wenige geben zu, nach Perfektion zu streben. Von der gesellschaftlichen Akzeptanz abgesehen, ist es ja nicht so, dass das Arbeiten daran keinen Spaß machen würde, und da wird es interessant. Glück wird mit Perfektion gleichgesetzt. Nur das Optimum gilt, also gib gefälligst 100 %. Oder mehr.

Und dann die Katastrophe: man kann die Ansprüche, die man (oder andere) an sich selbst gestellt hat, nicht (mehr) erfüllen. Und fliegt raus aus dem perfekten Leben. Manche schaffen es zurück in das grelle Licht, manche nicht. Viele wollen nicht mehr. Wohin dann?

Willkommen in einer anderen Welt, wo die Äpfel einen Stich haben dürfen und der Kaffee nicht unbedingt aus Hochglanzmaschinen sprudelt. Wo Herz (und Gemeinschaft) ebensoviel (oder mehr) zählt wie Erfolg. Wo das Lachen (und das Weinen) lauter ist. Und offener. Wo die Frage zählt: was willst DU eigentlich?

Auch ich mag es, meine 100 % zu geben. Aber nicht für irgendeine Anerkennung, die auch ausbleiben kann. Für mich, weil ich mein (unperfektes) persönliches Bestes suche. Weil ich Grenzen ausloten und vielleicht sogar überschreiten will. Weil ich Fragen stelle und Antworten suche. Weil Glück eine Momentaufnahme ist, ein flirrender Flügelschlag Ewigkeit.

 

Spinnennetz im Morgentau – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

26 Kommentare zu “Einfach perfekt – Dienstag, 11. November 2014

  1. Mit Perfektionismus hatte ich viele Jahre meines Lebens zu kämpfen; das alles hat mich doppelt oder dreifach angestrengt…
    nun bin ich froh, dass diese Zeiten längst vorüber sind, obwohl im Beruf natürlich schon eine gewisse Perfektion einfach von mir verlangt wird…
    Liebe Morgengrüße
    vom Lu

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  2. Warum lässt du dich nicht auf das „alles ist subjektiv“ ein? Es ist doch aber so. Perfekt für den einen muss noch lange nicht perfekt für den anderen bedeuten. Perfekt im Job sein ist meist unabdinglich, man denke an einen Hirnchirurgen, der sich heute mal seinen „Unperfekten“ nimmt. Nicht gut.
    Ist es nicht einfach so, dass Menschen sich ihr Leben so schön wie möglich machen möchten und auch gern sollen? Perfekt IST subjektiv. Und es muss auch nicht negativ sein, etwas perfekt haben zu wollen, denn auch wenn man kein Millionär mit Hauspersonal und Privatjet ist, kann man sich sein eigenes „perfektes“ Eckchen im Leben freihalten und sich daran erfreuen. Graduelle Perfektion ist doch eine wunderbare Sache. Vielen Dank für deine Denkanstöße.

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    • Du, natürlich ist das so. Deshalb auch das kleine „(ja)“ hinter der Aussage, das du anscheinend überlesen hast.
      Mein Punkt war, dass sich viel zu viele Leute viel zu oft Zwängen/Ansprüchen unterwerfen, die nicht ihre sind. Wenn du dich beispielsweise entscheidest, dein Leben der Vervollkommnung deines Gartens zu widmen: toll! Ich stehe in der vordersten Reihe und klatsche Beifall! Wenn du aber nur in deinem Garten werkelst, weil sonst die Nachbarn lästern, dann (verstehe ich das zwar immer noch, aber) finde ich das problematischer. Und dass in manchen Berufen Perfektion eigentlich unerlässlich ist, ist eh klar.
      Danke für deinen Kommentar!

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