Körper und Seele – Sonntag, 16. November 2014

Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare.

(Christian Morgenstern, Stufen)

 

Wann immer mir dieses Zitat begegnet ist, war es, soweit ich das erinnere, in einem psychosomatischen Zusammenhang. Soll heißen, die Seele juckt, der Mensch kratzt sich (Neurodermitis; nein, ich will nicht näher darauf eingehen). Das ist ja auch okay und bestimmt richtig.

Wenn man es aber nicht in einen medizinischen Kontext stellt, dann ärgert es mich. Heißt es doch dann, dass jemand, der sichtbar unvollkommen, „hässlich“ (bitte, ich will den Begriff nicht diskutieren), behindert etc. ist, eine ebensolche Seele hat. Heißt, dass man vom Äußeren auf das Innere schließen kann. Und davon (und von den Folgen derartiger Einschätzungen) hatten wir schon genug, danke.

Bevor ich also dem von mir eigentlich sehr geschätzten Urheber des Zitats mit einem empörten Achselzucken die Autorität absprach, ging ich auf Quellensuche. Und stellte verblüfft fest, dass mein Zitat falsch war. Richtig heißt es nämlich:

Der Körper, der Übersetzer der Seele (Gottes) ins Sichtbare.

So. Das versöhnte mich nicht nur schlagartig mit Herrn Morgenstern, sondern bescherte mir ein neues Buch für meine Leseliste, nämlich das, woraus dieses Zitat stammt: Stufen. Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen. Der Autor von Palmström beschritt also auch mystische Pfade. Hochinteressant.

 

Sonnenuntergang – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay