Der Tantenmörder – Mittwoch, 26. November 2014

Ich hab’ meine Tante geschlachtet, | Meine Tante war alt und schwach; | Ich hatte bei ihr übernachtet | Und grub in den Kisten-Kasten nach.

Da fand ich goldene Haufen,| Fand auch an Papieren gar viel | Und hörte die alte Tante schnaufen | Ohn’ Mitleid und Zartgefühl.

Was nutzt es, daß sie sich noch härme – | Nacht war es rings um mich her – | Ich stieß ihr den Dolch in die Därme,| Die Tante schnaufte nicht mehr.

Das Geld war schwer zu tragen,| Viel schwerer die Tante noch. | Ich faßte sie bebend am Kragen | Und stieß sie ins tiefe Kellerloch. –

Ich hab’ meine Tante geschlachtet, | Meine Tante war alt und schwach; | Ihr aber, o Richter, ihr trachtet | Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.

(Frank Wedekind, Der Tantenmörder, 1905)

 

Gegen allzuviel vorweihnachtliche Kuscheligkeit (und Stress) hilft (vielleicht) eine ach so böse Moritat. Willkommen im literarischen Bänkelsang. Die Groteske ist von Wedekind gewollt, das Schrecklich-Grausige ist gewollt, das Stück basiert auf einer wahren Geschichte, sagt Wikipedia. Brecht hat mit Mackie Messer das Ganze später auf die Spitze getrieben.

Ich habe es immer als Parodie auf die Darstellung der alltäglichen Katastrophen in Fernsehen und Zeitungen begriffen und geliebt.  Es gehört auch zu dem Fundus, den ich aufsagen kann, wenn gefordert, und ich darf sagen, dass es ältere weibliche Verwandte durchaus verunsichert hat. (Will man das? JAAAAAAAAA. :-) Na gut, bezogen auf Weihnachtsgeschenke vielleicht nicht zu sehr. Und vielleicht sollte es auch nicht das Gedicht zum Geburtstag sein. Oder gerade? ;-) )

Genießt den Tag!

 

Mord – 365tageasatzaday.wordpress.comQuelle: Pixabay