Wer redet, ist nicht tot – Donnerstag, 11. Dezember 2014

Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot …

(Gottfried Benn, Kommt – unbedingt ganzes Gedicht hier lesen & hören)

 

Eigentlich auch ein guter (Unter-) Titel für einen Blog, diese Zeile von Benn. Wer redet, ist nicht tot.

Ein Gedicht über Einsamkeit. Vielleicht ein Hilferuf. Die Bitte, sichtbar zu werden. Singen im Dunkeln.
Wir sind mitten in der Vorweihnachtszeit, Friede-Freude-Lichterglanz-Geschenke-Vorbereitungen-Odufröhliche. Christkind kommt bald. Freut euch!

Was ist mit denen, die keinen (mehr) haben, dem sie etwas schenken können? Nein, sich selbst etwas zu schenken ist etwas ganz anderes, als für irgendwelche Liebsten Geschenke auszusuchen. Was ist mit denen, für die die (Vor-) Weihnachtszeit mit so vielen bösen/traurigen/herzzerreißenden Erinnerungen gespickt ist, dass sie sie am liebsten überspringen würden? Die, nach denen an Weihnachten kein Hahn kräht, wo kein Telefon klingelt und die höchstens in irgendwelchen Predigten vorkommen („… denken wir auch an diejenigen, die nicht …“). Und ich meine nicht die, die unter Brücken schlafen, ich meine die unauffällig Einsamen.

Wer redet, ist nicht tot. „Zu Weihnachten hat überall die Familie Vorrang“, sagte mir eine alte Frau, die mit ihrem Alleinleben gut zurechtkam, sich aber vor den Feiertagen ein wenig fürchtete. „Das ganze Jahr über habe ich kein Problem, aber an Weihnachten hat keiner Zeit, da sind alle beschäftigt.“

Die Sache ist doch: Um aus etwas ausbrechen zu können („Scheißweihnachten, wir machen gar nichts, wir schenken uns nichts, dieses ganze leere Getue“), muss man den Rahmen haben, den man verlassen will. Wer kein „wir“ hat, für den ändert sich alles. Den liebt keiner. Der steht abseits. Der gehört nicht zum Fest der Familie. Der muss neu definieren. Der erkennt den anderen vielleicht an der verstohlenen Sehnsucht im Blick. Oder an den Alkoholvorräten. Aber was ändert oder hilft das. Kommt, öffnet doch die Lippen, wer redet, ist nicht tot. Nun denn.

 

Gottfried Benn ca. 1951; Zeichnung von Tobias Falberg.

Gottfried Benn ca. 1951; Zeichnung von Tobias Falberg.

 

Benn starb 1956 an (zu spät diagnostiziertem) Knochenkrebs. Dieses Gedicht gehört zu seinen letzten Arbeiten.

 

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