Ich setzte den Fuss in die Luft

Ich setzte den Fuss in die Luft
und sie trug.

(Hilde Domin, Nur eine Rose als Stütze)

 

Dass ich dieses Zitat sehr mag, habe ich ja schon häufiger dokumentiert. Aber es hat einen ganz aktuellen Bezug zum heutigen Datum. Heute ist nämlich der neunte Todestag von Hilde Domin, die 2006 im Alter von 96 Jahren starb, und es war ihr so wichtig, dass sie es in abgeänderter Form zu ihrem Grabspruch machen wollte: „Wir setzten den Fuss in die Luft | und sie trägt.“ (Aussage aus dem Film „Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin“, im Trailer auf 1:54. Auf ihrem Grab steht dennoch „trug“ (Foto Grabplatte), warum auch immer.)

Da ich bin, wie ich nun mal bin, wollte ich wissen, woher das Zitat stammt und fing an zu graben. Es stammt nämlich NICHT aus einem Gedicht, sondern es ist das Motto des zweiten Teils „Nur eine Rose als Stütze“, ihrem gleichnamigen ersten Gedichtband von 1959.

Gibt es noch mehr Informationen dazu? Ja! Die Biographie von Marion Tauschwitz¹ belegt diesen Satz als aus einem Brief an ihren Bruder John Lorden stammend (vermutlich 1958) und taucht tief in ein dunkles Kapitel ihres Lebens ein.

Hilde Domins Briefe sind nur teilweise herausgegeben², sie war eine überaus ausdauernde Briefeschreiberin. In jenem (möglicherweise nicht abgeschickten Brief) gibt sie darüber Auskunft, wie sie 1951 aus einer tiefen inneren Krise heraus zum Schreiben kam. Ihre Mutter war gestorben (an Unterzuckerung, Hilde Domin begreift ihren Tod als Form von Selbstmord; eine Katastrophe), ihr Mann stand ihr nicht bei.
„Als Mutter starb und es das einzige Mal im Leben war, dass ich eine Stütze gebraucht hätte, statt zu stützen, dass ich der Empfangende hätte sein müssen, da verliess er mich. […] Ich fand mein Leben mit einem Schlage als widerlegt, wenn die Liebe diese einzige ihr auferlegte Probe nicht ertrug. […] Aber Leben mochte ich auch nicht mehr. […] Da wurden mir die Gedichte gegeben. Ich setzte den Fuss in die Luft und sie trug. Ich ging weg in eine eigene Welt.“

Später schreibt sie: „1951, als ich zu schreiben begann, wurde mir, wie jedem, der beginnt, alles bis dahin Getane zur Vorgeschichte. […] So ist es eine Tatsache, daß meine Gedichte zu den gelesenen gehören. In anderen Worten, sie werden ‚gebraucht‘. Dabei ist ein Gedicht, glaube ich, kein Gebrauchsgegenstand wie andere, es nützt sich nicht ab. Vielmehr gehört es zu jenen magischen Gebrauchsgegenständen, die, wie der Körper der Liebenden, in der Anwendung erst richtig gedeihen.“³

 

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Quelle: Sämtliche Gedichte4

 

¹ Marion Tauschwitz: Hilde Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin. Biografie. TB. VAT Verlag Andre Thiele, Mainz 2011, S. 229

² Die Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm 1931–1959. Hrsg. v. Jan Bürger u. Frank Druffner unter Mitarbeit von Melanie Reinhold. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 258

³ Hilde Domin: Gesammelte autobiographische Schriften. Fast ein Lebenslauf. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, Auflage: 3 (15. März 2006), S. 29/30

4 Hilde Domin: Sämtliche Gedichte. Hrsg. v. Nikola Herweg + Melanie Reinhold. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 47

 

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13 Kommentare zu “Ich setzte den Fuss in die Luft

  1. Oh vielen Dank für die Recherche. Das ist wahnsinnig interessant. Ich liebe Rosen über alles, auch wenn das banal ist. Ich liebe auch da Gedicht a rose is a rose is a rose, da meine Mutter jahrelang auf einem tshirt ruf Bis es kaputt war. <3

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  2. Pingback: Das fliegende Fahrrad | mozartzuvielenoten – Blog von Martin Grütter

  3. Danke für die Anregung, mindestens ein Entdeck- und Vertiefexemplar von Hilde Domin werde ich mir umgehend zulegen. Dabei wird es sicher nicht bleiben…

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