Sonne. Himmel. Frühling.

„Der Regen kann auch mal Schnee sein“, tönt die Stimme leicht fassungslos aus meinem Radio, „und nicht vergessen, heute ist der 31. März, das ist kein Aprilscherz.“ Aus Schleswig-Holstein meldet eine Anruferin eine sich schließende Schneedecke.
Nun, bisher kann ich sagen, dass es bei mir „nur“ regnet, und zwar ausdauernd, und zwar so sehr, dass der Fellträger, der die erste Türöffnung verpasst hatte, draußen Lärmterror anfing, um mir mitzuteilen, dass er 1. anwesend, 2. nass und 3. hungrig sei. So kanns gehen.
Aber die Vögel singen wie verrückt.

 

Sonne. Und noch ein bißchen aufgetauter Schnee
und Wasser, das von allen Dächern tropft,
und dann ein bloßer Absatz, welcher klopft,
und Straßen, die in nasser Glattheit glänzen,
und Gräser, welche hinter hohen Fenzen
dastehen, wie ein halbverscheuchtes Reh…

Himmel. Und milder, warmer Regen, welcher fällt,
und dann ein Hund, der sinn- und grundlos bellt,
ein Mantel, welcher offen weht,
ein dünnes Kleid, das wie ein Lachen steht,
in einer Kinderhand ein bißchen nasser Schnee
und in den Augen Warten auf den ersten Klee…

Frühling. Die Bäume sind erst jetzt ganz kahl
und jeder Strauch ist wie ein weicher Schall
als erste Nachricht von dem neuen Glück.
Und morgen kehren Schwalben auch zurück.

(Selma Meerbaum-Eisinger, Frühling)

 

Zu Selma Meerbaum-Eisinger ist viel gesagt und noch mehr geschrieben worden. „Selmas Leben war kurz. 18 Jahre lang hat sie gelebt. Selma Meerbaum-Eisinger starb am 16. Dezember 1942 im deutschen Arbeitslager Michailowska.“ Was übriggeblieben und auf abenteuerliche Weise gerettet worden ist, sind 57 Gedichte, geschrieben an den/gewidmet dem Mann, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben wünschte. Auch er kam um. Über ihre Freundin, Renée Abramovici-Michaeli, erreichten die Gedichte Israel und fanden schließlich ihre Öffentlichkeit. Hier gibt es die ganze Geschichte.

Einige ihrer Gedichte sind vertont worden. Nicht nur die wunderschöne Umsetzung von „Frühling“ (mit Inga Humpe) kann hier nachgehört werden.

 

Frühlingsregen – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

35 Kommentare zu “Sonne. Himmel. Frühling.

  1. Heute müßte man hier ein Video drehen: 14° lichtblauer Himmel, 5 Minuten später alles grauwolkig und Regenschauer, dann Sturm in heftigen Böen, dann wieder strahlend blau, die Meisenfamilien mit Moosbärten unerschütterlich ihre Nester auspolsternd…..der diesjährige Frühling scheint ein stürmischer Geselle zu sein -:)))
    Das Frühlingslied der Selma ist wunderschön , obwohl ihr Schicksal immer wieder traurig stimmt.
    Der Sir hat heute sein Außenklo verweigert, da könnte ihn ja ein Regentropfen treffen oder der Wind sein Fell durcheinanderbringen.
    sturmumtoste Grüße vom Dach -:)))

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    • Das Wetter wechselt hier ähnlich schnell, liebe Karin, auf 14 °C (wow!) und lichtblau haben wir es hier zwar noch nicht gebracht, aber der Rest kommt schon hin.
      Der Fellträger sitzt am Fenster und schmachtet die Meisen draußen an, war aber bisher klug genug, nicht rauszuwollen. Einmal feuchtes Fell am Tag reicht!
      Ich kannte von Selma Meerbaum-Eisinger bisher recht wenig, mag aber die Vertonungen, hast du da mal reingehört?

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      • Liebe Christiane, wenn Du Meerbaum-Eisinger in die Suchzeile oben rechts auf meinem Blog eingibst, wirst Du viele Gedichte von ihr bei mir entdecken und auch die Vertonungen dazu. Inga Humpes Vertonung kannte ich nicht, war eine schöne Entdeckung bei Dir .Auf YouTube kannst Du auch schöne Fundstücke aufstöbern.
        Jürgen Serke hat den Gedichtband Ich bin in Sehnsucht eingehüllt von ihr herausgegeben, er lohnt die Anschaffung.

        liebe vor-aprilige Grüße gen Norden

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        • Freut mich, dass du die Inga-Humpe-Version magst! Auf YouTube hatte ich gesehen, dass es einiges gibt, hatte allerdings speziell zu diesem Gedicht etwas gesucht und war nicht so glücklich mit meinen Funden.
          Danke, ich schau bei dir diesbezüglich gern rein.
          Liebe Grüße, Christiane

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        • Diese Version ist die schönste! Sie ist auch auf meiner CD
          *In Sehnsucht eingehüllt*, die mir ein lieber Freud vor einigen Jahren schenkte und ich war damals hingerissen von diesen Gedichten, die ich vorher nicht kannte, nicht mal ihren Namen, und ihr viel zu kurzer Lebenslauf wühlt mich immer wieder sehr auf.

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  2. Das ist ein sehr schöner Eintrag von dir, liebe Christiane,
    sowohl was deine persönlichen Zeilen angeht, wie auch die feinen Gedichtzeilen der viel zu jung verstorbenen Autorin…

    so etwas macht mich immer traurig…
    was haben doch diese Kriege hier:
    https://finbarsgift.wordpress.com/2015/03/24/unvergessen/
    für Opfer gekostet, vor allem auch, was Kunst und Literatur und Musik anging/angeht: Jehan Alain, August Macke, Georg Trakl, um nur 3 Namen solcher Kriegsopfer stellvertretend zu nennen…

    dir einen schönen Tag,
    liebe Grüße
    Finbar

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    • Ja, und wenn man dann liest, mit welcher Begeisterung teilweise in die Kriege gezogen wurde, dann schaudert es mich doppelt. Meine Eltern gehörten zur gleichen Generation wie deine übrigens, beiden hat der Krieg die Jugend genommen …
      Liebe und auch nachdenkliche Grüße, Christiane

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  3. meine Eltern auch, liebe Christiane, diese nicht erlebte Jugend u. das Trauma des Krieges ließ sie anders sein, als wir sie gerne gehabt hätten.
    Wenigstens war es bei mir so…

    Begeisterung für Kriege, ganz egal, wofür gekämpft und gemordet wird, werde ich niemals verstehen können

    Zu Selmas Leben und Gedichten habe ich seit Weihnachten
    noch den Band von Marion Tauschwitz mit einem sehr schönen und einfühlsamen Vorwort von Iris Berben und den Worten von Selma darin

    Ich möchte leben
    Ich möchte Lasten heben
    und möchte kämpfen und lieben und hassen
    und möchte den Himmel mit Händen fassen
    und möchte frei sein und atmen und schrei´n
    Ich will nicht sterben: Nein.

    Und dann dieses grausame Ende…

    und hilflos und gleichzeitig wütend macht es mich und an alle die anderen unnützen gemeinen unmenschlichen Morde darf
    ich nicht denken… sonst sehe ich die Sonne nicht mehr, die
    endlich mal einen Kleinen Moment hier zu mir herein scheint

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  4. Mein Vater war nur einfacher Soldat und kam als Spätheimkehrer erst Ende 1951 aus der russ. Gefangenschaft zurück und verstarb mit 71 Jahren; noch nicht einmal im Alter war es ihnen vergönnt, lange zusammen zu sein. Meine Mutter wurde 94 Jahre alt.
    Mich hat dieses Schicksal immer wütend gemacht, weil ich es so ungerecht empfand und wie dankbar kann ich dagegen sein, bisher fast 70 Jahre in Frieden leben zu dürfen.
    All die vielen Menschenleben, die dieser Krieg auch an Zivilisten, Kindern gekostet hat und nur, weil sich die Menschen von falschen Verlockungen blenden ließen. Sind wir nicht heute auch oft dieser Gefahr ausgesetzt…es sind andere Blender, aber nicht minder raffiniert.

    auch nachdenkliche Grüße von mir

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    • Ja, und der Krieg findet in der westlichen Welt heute an anderen Fronten statt. Aber es gibt Krieg außerhalb unserer „Festung Europa“, wir dürfen das nicht vergessen, denke ich.

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