Wasser zum Zweiten

Lieder wollte ich singen über die Schönheit und die Bedeutung des Wassers. Dann sagt eine Stimme „Mittelmeer“ und ich verstumme, weil mir die Realität auf den Kopf fällt und in den Ferienbildern Ertrunkene treiben. Ich denke an den Zeitpunkt zurück, als der SPIEGEL mit „Festung Europa“ titelte (das ist lange her, ich weiß nicht mehr wann), und ich begriff, dass meine Ideen über Freiheit, Gleichheit, Mitmenschlichkeit ziemlich elitär sind, weil ich als Europäerin auf der reichen Seite des großen Zauns geboren wurde … und ja, ich weiß, dass es auch bei uns viele Zäune gibt, es muss mich keiner erinnern.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich kann irgendwie auch nicht nichts sagen. Weder Politiker zu beschimpfen noch Petitionen zu zeichnen erscheint mir als gangbare Lösung für ein Problem, um nicht zu sagen für eine Konstitution der Welt, das/die um vieles größer als mein Einzel-Ich, sogar als mein Einzel-Staat ist. Dennoch: es ist nicht richtig. Ich bin furchtbar unglücklich.

 

Sturm hoch am Abendhimmel,

Zornigen Meeres Gesang –
Sturm auf dem Meer und Gedanken,
Viele Gedanken, so bang –
Sturm auf dem Meer und Gedanken,
Schwellnder Gedanken Klang –
Schwarzen Gewölkes Gewimmel,
Zornigen Meeres Gesang.

(Afanassi Afanassjewitsch Fet)

 

Sturmfront Nordsee – 365tageasatzadayQuelle: Ichmeinerselbst

 

14 Kommentare zu “Wasser zum Zweiten

  1. Liebe Christiane,
    mir geht es ähnlich wie Dir, nur ich bin zornig, weil das Grundübel in den Staaten, aus denen diese Flüchtlinge kommen, liegt und an denen, die sehr gut daran verdienen; ist ähnlich wie bei der Prostitution.
    Menschenhandel ist ein widerliches, leider lohnendes Geschäft.
    Zudem kommt ja auch noch der Dünkel der weißen Rasse zum Tragen, denn fast alle haben ja den „menschlichen Makel“ schwarz zu sein. Und es ist nicht unbedingt die Politik, die so denkt, es ist die große Masse, die sich hinter der Aufregung versteckt, nur da wird geheuchelt, was das Zeugs hält.
    Unser Staat kann eins tun: seine Bürokratie abbauen und den Menschen, die es wirklich bis zu uns geschafft haben, so rasch wie möglich eine Eingliederung anzubieten, vor allem Arbeit. Denn das suchen die meisten und wollen nicht untätig in den Asylantenheimen rumsitzen. Und dabei ist es egal, ob sie Wirtschaftsflüchtlinge oder politisch Verfolgte sind.
    Schweigeminuten/Betroffenheitsmienen empfinde ich als Hohn, bei dem, was auf der Welt geschieht, wären wir nur noch sprachlos.
    Viele der Ertrunkenen lassen zu Hause hochverschuldete Angehörige zurück, weil die hofften, die Schulden irgendwann mit überwiesenem Geld zurückzahlen zu können. (Ich habe mal ein Buch einer betroffenen Afrikanerin darüber gelesen). Denen geht es jetzt noch schlechter als vorher und sie haben keinerlei Anrecht auf Hilfe.

    Dein ausgesuchtes Gedicht gefällt mir sehr, beruhigt etwas den Sturm, der in mir tobt.

    aufgewühlte Grüße
    Karin

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    • Es ist ähnlich wie bei der Geschichte mit der GermanWings-Maschine: plötzlich sind die eigenen Befindlichkeiten relativ nebensächlich …
      Du sagst das, was auch ich denke. Ich bin mit Absicht nicht mal so weit eingestiegen, denn dann will ich irgendwann nicht mehr aufhören. Außerdem geht es hier wirklich um das, als was ich es bezeichnet habe: Weltpolitik. Die diskutiere ich gern, aber nicht hier.
      Ja, Weltpolitik ist wichtiger als Katzengedöns, und ich rufe nicht dazu auf, die Augen zu verschließen. Aber ich will viel lieber über etwas schreiben, was ich ändern kann oder zu dem ich einen persönlichen Bezug habe. So zornig ich, wie du, auch bin.

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  2. Für die Weltpolitik sind andere zuständig, ich kann nur versuchen, den richtigen Leuten meine Stimme zu geben, kann mich hier vor Ort ehrenamtlich betätigen (was ich aber z.B. auch nicht mache) und das, was ich um mich herum gestalten kann, ist wichtig für mich und meine Familie. Dafür bin ich auch verantwortlich und das entspricht sicher dem, was Du oben geschrieben hast. Ich versuche, allen mit Respekt und Freundlichkeit zu begegnen, um mich herum ist tout le monde an Bevölkerung.
    Die ganz normalen Alltagsdinge, das Schöne an Literatur, Kunst, Musik, die Natur, unsere Zwei- und Vierbeiner haben hier im Blog den größeren Stellenwert für mich als die Weltpolitik.
    Manches Geschehen macht nur manchmal wütend und auch darüber dürfen wir schreiben, aber es sollte uns nicht beherrschen, zumindest nicht in unserer Art von Blog.
    sei herzlich gegrüßt

    Karin

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  3. Eine miese Geschichte, die schon lange passiert.
    Leider können wir nichts ändern, liebe Christiane, aber wir bemerken deutlich was da alles im argen liegt.
    Der Begriff Festung Europa ist mir heute morgen in der Tageszeitung wieder begegnet u. viele Aussagen darüber, daß etwas geschehen muß von EU-Seite.
    Klar muß etwas geschehen, hätte längst geschehen müssen.
    Die Grenzen zu sichern und zu denken, nu isses gut, ist ein Hohn, nichts anderes.
    Klar muß oder sollte ich in den betroffenen Ländern etwas ändern, aber wenn es funktionieren soll, dann braucht es auch große Hilfe von außen.

    Im Moment sieht es doch noch so aus:

    Von Politikern wird schon viel zu lange gefaselt, geheuchelt
    und die Ärmsten der Armen statt geborgen, bedenkenlos abgewiesen und heimtückich gemeuchelt…

    Das Mittelmeer ein Massengrab. Entsetzen packt mich

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    • Das Problem ist, meiner Meinung nach, dass in der Weltpolitik auf die Interessen Einzelner (selbst einzelner Gruppen) keine Rücksicht genommen wird. Keine böse Absicht, das ist einfach der Mechanismus des Systems. Das führt dazu, dass wir als ethisch denkende Menschen (zum Beispiel) die Grundzüge des Systems ablehnen müssten, in dem wir leben. Aber vor diesem Hintergrund begreife ich alle Forderungen, das System grundlegend zu verändern, als naiv, da, wenn das passieren würde, alles zusammenkracht (wenn du von einem Auto ein Rad abmachst, fährt die Karre auch nicht mehr). Und dagegen waren die Folgen des Zweiten Weltkriegs ein Kaffeekränzchen.
      Ja, aber. Ich weiß. Ich doch auch 😦

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  4. Es ist Absicht, daß die Meinungen einzelner nicht beachtet werden, es ist schlicht und ergreifend Ignoranz.
    Was nicht in den Kram (du kannst auch System sagen) passt, wird nicht beachtet, wird totgeschwiegen, bis dann alle Welt auf die Barrikaden geht und es massivste Proteste hagelt, die auch die Wirtschaft bedrohen könnten. Dann passiert evtl. etwas. So scheint es jetzt zu sein – hoffe ich sehr.

    Lieber Abendgruß von mir

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