Männer muss man lenken.

„Sag doch endlich auch mal was!“

Nichts würde passieren. Sie seufzte. Sicherheitshalber setzte sie sich ihm gegenüber auf die Couch, damit er ihr nicht ausweichen konnte. Alt war er geworden. Und fett am Bauch. Warum hatte sie eigentlich ausgerechnet ihn geheiratet? Sie hätte Bessere haben können, Männer, an deren Seite etwas aus ihr geworden wäre. Aber damals schien er eine gute Wahl zu sein, und er hatte seine attraktive Frau auf Händen getragen. Anfangs.
„Männer muss man lenken“, hörte sie ihre Mutter sagen. Sie hatte es versucht, wirklich. Leider hatten weder ihr Mann noch die Kinder mitgezogen. Dabei hatte sie doch immer nur für alle das Beste gewollt! Eine glückliche Familie, ein schönes Alter. Und schließlich durfte man auch zeigen, wer man war und dass es einem gutging, nicht wahr?

Ihre Wünsche interessierten keinen. Nicht mal Großmutter war sie geworden. Sie wäre so gern von reizenden Enkelchen umgeben gewesen, die ihre Oma natürlich über alles geliebt hätten. Aber die Kinder hatten sich ihre guten Ratschläge strikt verbeten. Und ihr Mann mochte nicht mit ihr diskutieren. Drehte sich weg, wenn sie ihm sagte, warum es falsch war, was er machte. Schwieg einfach. Tagelang.

Sie nahm einen kräftigen Schluck aus ihrem Glas. Das gefiel ihm auch nicht, sie hatte es an seinen Blicken gesehen. Aber egal, hörte er denn auf sie? Und sowieso war ihm der Hund bestimmt wichtiger, immerhin tat der Köter alles, was er wollte.

Sie zuckte zusammen, weil sein Hörgerät ein wenig pfiff, als er aufstand. Umständlich rückte er es wieder zurecht.

„Ich mach noch eine Runde mit dem Hund.“ Er nickte ihr zu und ging an ihr vorbei nach draußen.

Was war aus ihrem Leben geworden? Und warum? Sie hatte sich das jedenfalls anders vorgestellt.

 

Altes Paar – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Sie war der Meinung, dass Namen nichts zur Sache täten, sie hätte aber ein Recht darauf, die Dinge richtigzustellen. Bitteschön.
Mein Dank gilt immer noch Jutta Reichelt für den Satz „Sag doch endlich auch mal was!„, der die beiden ans Licht holte.

 

26 Kommentare zu “Männer muss man lenken.

  1. Klasse! Natürlich wissen wir “eigentlich”, dass es immer mindestens zwei Wahrheiten gibt – aber fallen wir nicht dennoch immer wieder darauf rein, die eine Version, die wir (zunächst) kennen für die richtige, einzig nachvollziehbarenz halten? Und schön, wie hier die unterschiedlichen Details wieder auftauchen. Ich bin ja ein großer Fan des Hörgerätes … Vielen Dank und herzliche Grüße!

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    • Schön, dass es dir gefällt! Deswegen habe ich ja die andere Seite ermutigt, hervorzukommen, in der Annhame, dass sie alles sehr anders sieht …. Auch wenn das „Original“ (wie ich gestern irgendwo schrieb, es gibt im weiteren Sinne ein menschliches Vorbild) eben so ein Hörgerät trägt, habe ich es tatsächlich mit Bedacht eingebaut. Ich nehme das für ein Lob, danke dir sehr!
      Liebe Grüße
      Christiane

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  2. Wie treffend Du mit beiden Geschichten („ich mach noch eine Runde mit dem Hund“) die traurige Stimmung zwischen den Eheleuten eingefangen hast. Ich sehe sie förmlich vor mir, muss mich nur in der Nachbarschaft umsehen 🙂

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  3. guuuute Version der anderen Seite, liebe Christine.
    Nun finde ich sie nicht mehr so unsympatisch wie nach dem Text aus seiner Sicht, aber ihn finde ich auch nicht unsymatisch, es ist das alte Lied.

    Die Vorstellungen driften im Laufe der Jahre auseinander und jeder ist enttäuscht vom anderen, zieht sich in ein selbstgebasteltes Schneckenhaus zurück.
    Sie trinkt und er mag den Hund mehr als sie.

    Die Kinder sind aus dem Haus und die Eltern sind beide einsam, obwohl sie zweisam sind…

    Liebe Grüße zum Samstagabend von Bruni

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    • Ich glaube auch, dass das nicht so selten ist, liebe Bruni, in der einen oder anderen Ausprägung.
      Sie denkt, dass sie ein Recht darauf hat, dass alles so ist, wie sie es sich vorstellt. Er fühlt sich verarscht, weil er doch auch alles richtig gemacht hat, warum ist er nicht glücklich, und vor allem, warum sie nicht?
      Viele Fragen, viele Vorstellungen …
      Liebe Grüße
      Christiane

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  4. es ist vielleicht einfach die Alltäglichkeit, die aneinandervorbei leben produziert…und eine Heirat, die aus einer jungen Leidenschaft heraus passierte, hinter der keine echte Liebe steckte u. sich auch nie entwickeln konnte – aus dem einen oder anderen Grund…
    tja, und aus ist die weibliche Vorstellung vom Prinzen auf dem weißen Roß und seine von der weiblichen Gottheit, die ja nur eine sterbliche Frau ist und wie er ist sie vom Leben gebeutelt.

    Eine schwierige Sache, liebe Christiane, die unentwegt zu erkennen ist, wo wir hinsehen und wir wünschen uns mit aller Inbrunst jemanden, mit dem es anders sein könnte…

    Lächelnde Grüße von Bruni

    PS ich kann mir wundervoll einen Prinzen mit Fehlern und Schwächen auf einem weißen Einhorn oder einem grünen Schimmel *g* vorstellen, der ein Hörgerät trägt, von mir aus auf beiden Seiten 🙂

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