Bobby McFerrin: Ein Abend ohne Glanz

„Wohin man auch hört, es wird viel zu viel geredet.“

(Bobby McFerrin im Interview mit Christoph Forsthoff, SÜDWEST PRESSE, 19.06.2015, Quelle)

Er will nicht nach „Don’t worry, be happy“ befragt werden, mag Interviews anscheinend generell nicht besonders und erklärt, er „denke nicht, dass ich überhaupt etwas sagen müsste“ (ebd.). Stimmt. Muss er auch nicht. Es geht auch ohne. Quod erat demonstrandum.

Gestern Abend, kurz nach 20 Uhr in der voll besetzten Hamburger Laeiszhalle. Die Türen schließen, zwei Männer betreten unter ohrenbetäubendem Applaus die Bühne und legen sofort los. Begrüßung? Spontane Kommunikation mit dem Publikum? Fehlanzeige bis sparsam. Noch eher Corea als McFerrin. Beide wirken sehr auf einander bezogen, haben ohne jeden Zweifel Spaß aneinander und miteinander, aber was man da erlebt, ist eher Pflicht, nicht Kür.

Virtuos sind beide, gar keine Frage, und ich bin aus dem Staunen und Hören nicht herausgekommen. Live ist eben doch etwas anderes als aus der Konserve, ich versank hingerissen im Rausch des Hörens und Beobachtens und könnte/werde es mir stundenlang weiter antun. Ich bin allerdings nicht sehr versiert, was Jazz angeht, hatte mir im Vorfeld diverse Konzerte mit McFerrin (und Chick Corea, zum Teil) angehört und dachte, ich wüsste ungefähr, was auf mich zukäme. Na ja. „Hits“ waren gestern jedenfalls kaum welche dabei.

McFerrin und das Publikum, das ist ein Kapitel, das niemals fehlen darf, das Bobby McFerrin auch gekonnt abarbeitet, indem er seine Zuhörerschaft dirigiert und zum Mitsingen animiert. Das Haus spielt begeistert mit. Schließlich hält McFerrin ein Mikro hoch und bittet Mutige zur Bühne. Und so standen, wie nachlesbar bei allen Konzerten dieser Reihe, dann ein paar mehr oder weniger schüchterne Menschen vor ihm, gaben begeisternde Töne von sich und improvisierten mit dem großen Meister. Da blitzte zum ersten Mal dann das auf, von dem ich eigentlich mehr erwartet hatte: Kontakt zum Publikum, freigiebiges Geben und Nehmen, Übermut, Spielerei.
Danach ziemlich schnell das Ende, inklusive Zugabe, nach knapp zwei Stunden.

Fazit: Da haben zwei ihr Programm abgearbeitet. Auf faszinierende Art und Weise, gar keine Frage. Aber der Funke, der aus einer ungewöhnlichen Hörerfahrung einen großen Abend gemacht hätte, der fehlte mir. Schade. Ich hatte mir mehr erhofft.

 

 

15 Kommentare zu “Bobby McFerrin: Ein Abend ohne Glanz

  1. Der Glanz fehlte, dieses besondere Flair?
    Das ist dann immer sehr, sehr schade, denn es ist durch nichts zu ersetzen, nicht mal durch erprobtes routiniertes Können.

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  2. Das glaub ich Dir gerne. Mir geht es häufig so. Frau hate eine andere Vorstellung u. die wurde nicht erfüllt.
    Am letzten Freitag ist es mir bei einer Lesung auch mal wieder passiert…

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  3. habs gelesen und erkenne, wie sehr recht Du hattest, liebe Christiane. Dieser Artikel spricht Dir vermutlich voll aus dem Herzen, vermute ich jetzt mal *lach* und es ist ja kein kleines Käseblättchen, das das alles schreibt!

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    • Ich habe nur meinen Eindruck beschrieben, und der war, dass mir was gefehlt hat, der „Glanz“, wie ich es genannt habe. Ich gehe einfach davon aus, dass der Typ von der Welt mehr Ahnung von der Materie insgesamt hat; und ja, Wasser auf meine Mühlen ist das schon.

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  4. Schade, gerade von McFerrin ist man eigentlich mehr gewöhnt. Vielleicht erwartet man aber auch gerade von ihm mehr als von anderen.
    Von Hancock hatte ich eigentlich eher wenig in der Richtung erwartet, mehr den coolen Jazz, für den er nun mal steht. Und dann kam ein wirklich mitreißendes Konzert. Natürlich ohne aktive Zuschauerbeteiligung, das geht bei der Musik nicht, aber es kam eben sehr viel rüber, auch von seinen Mitmusikern.

    So ist das vermutlich, wenn man einen Ruf weg hat. Dann muss man immer liefern, was diesmal offensichtlich nicht geklappt hat.

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  5. Hi, das ging mir im Konzert mit den beiden in Frankfurt ähnlich. Nur war ich hinterher wesentlich enttäuschter. Viel Geld ausgegeben, ca. anderthalb Stunden (maximal 80 Minuten) zwei begnadeten Musikern zugehört, die sich für ihr Publikum nicht so recht zu interessieren schienen. Als Zugabe durften zwei oder drei Fragen gestellt werden. Und nur die Improvisationen fand ich irgendwann eintönig… Schade eigentlich. LG, Anna

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    • Du glaubst gar nicht, wie sehr es mich erleichtert, von dir zu hören, dass es auch bei dir so war. Also habe ich keinen „Shit happens“-Abend erlebt, sondern die beiden sind die ganze Zeit so drauf! Und die Karten waren auch bei uns sauteuer. Auch wenn es die Enttäuschung nicht schmälert: Vielen Dank an dich für das offene Wort!
      Liebe Grüße
      Christiane

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