Den Teufel würde sie tun!

Sie würde es versuchen. Sie würde weggehen. Ach ja? Heute … morgen … nächsten Monat … gar nicht. Sie riss gedankenverloren das letzte Blütenblatt aus und starrte auf den gelben Überrest. Gar nicht! Endlich mal eine Gegenstimme. War ja nicht so, dass sie es nicht probiert hatte. In Gedanken. Sie hatte das süße Gift gekostet und saß schon halb auf dem Rand ihres Nestes.

Alle, die wichtig waren, hatte sie befragt, allen hatte sie zugehört. Alle hatten „Ja, wenn du meinst, dann mach doch, die Chance bekommst du nie wieder!“ gesagt. Wag doch mal was, du Angsthase! Traust dich wohl nicht, hatte sie herausgehört.
Selbst ihr Lieblingskerl war dafür, von dem sie im Stillen annahm, dass er sich selbst gern befreit hätte. Die Kollegen, die ihr gut zuredeten und ihr sagten, dass sie sich freuten, sie in der neuen Stadt willkommen zu heißen. Die wenigen Freunde, die ihr versichert hatten, dass Freundschaft nicht von der Entfernung abhängig wäre, und von denen sie wusste, dass sie ihnen glauben konnte. Die neue Stadt, die sie bereits durchstreift hatte, und die sich mit fremden Farben, großen Geschichten, wilden Versprechungen, aufregenden Gerüchen und herbem Charme in ihre Träume geschlichen hatte.

Alles so schön bunt hier? Etwas stimmte nicht. Nachts hatte sie Bilanz gezogen, mit einer Flasche Wein und ganz nüchtern. Wieder und wieder. Je mehr sie darüber nachdachte, desto schlechter ging es ihr. Wieso konnte sie ihr Herz nicht vorwegwerfen und ihm hinterher springen?
Der Mann, für den ihr Umzug der Vorwand sein würde, sie nicht mehr zu sehen.
Die Firma, die ihren Arbeitsplatz so schnell wegrationalisieren wie neu schaffen konnte, und der sie nicht über den Weg traute. Aus Gründen.
Die Freunde, die plötzlich nicht mehr um die Ecke sein würden, wenn sie sie brauchte.
Die bittere Einsicht, dass sie furchtbar gern vor ihrer eigenen Unzufriedenheit mit sich und allem, was in ihrem Leben schief hing, davongelaufen wäre. Dass die große Stadt sie auch deshalb mit dem Versprechen eines Neuanfangs ködern konnte. Und dass sie gegangen wäre, wäre sie 20 Jahre jünger gewesen.

So oder so, das Leben, das sie geführt hatte, war schon fast kaputt, die Veränderung vor der Tür, die Zukunft ungewiss. Ausnahmsweise war nichts davon wirklich ihre Schuld. Wofür sollte sie sich also entscheiden, für Pest oder Cholera? Sie atmete tief durch.

Hier stehe ich und kann nicht anders. Es geht nur nach vorn. Was willst du? Nochmal Zelte abbrechen und los?

NEIN. ICH BIN HIER ZU HAUSE.

Das kam schnell und ohne nachzudenken und fühlte sich echt an. Ihre Sehnsucht, schon infiziert mit den Sirenengesängen der neuen Stadt, begann sofort zu ziehen.
Ach, hör schon auf, sagte sie. Für dich finden wir auch noch eine Lösung.

Sie schleuderte das zerrupfte Gänseblümchen in den Sand und hob den Kopf. Den Teufel würde sie tun und durch den Reifen springen. Bleiben war kein Versagen.
Der Geruch des Flusses schwappte träge durch ihr Bewusstsein, Möwen kreisten über ihr und schrien. Sie blinzelte in die Sonne, streckte sich, bis ihre Knochen knackten und fühlte sich wohl. Unsagbar leicht. Lebendig. Tatendurstig. Dankbar. Und jetzt würde sie nach Hause gehen.

 

Jutta (Reichelt) habe ich für den Anlass zu danken. Gestern hat sie eine Schreibanregung in die Runde geworfen: „Sie wird es endlich versuchen! Heute! Oder spätestens morgen …“ Und prompt sagte mein Kopf: Neee, wird sie nicht. Warum sollte sie? … und begann eine Geschichte zu spinnen. Wer mich kennt, weiß, dass sie nicht akut und nicht unautobiographisch ist; man möge mir aber auch die dichterischen Freiheiten verzeihen …

 

Weißer Margeritentraum – 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay

 

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