Pidder Lüng

Weil ich auf der Sail war und weil ich daher gerade mit Seemannsgeschichten und Seemannsluft infiziert bin, und weil ich neulich schon auf Nis Randers angesprochen wurde … ich bin über Pidder Lüng gestolpert. Kennt ihr Pidder Lüng? Speziell in Nordfriesland ist das eine häufiger anzutreffende Figur.

Ich spreche von der Ballade von Detlev von Liliencron und sie „beschreibt historisierend den Widerstand der mittelalterlichen friesischen Bevölkerung, personalisiert in der Figur des Sylter Fischers Pidder Lüng, gegen die dänische Herrschaft, für die Henning Pogwisch, Amtmann von Tønder, steht“ (Wikipedia, Quelle). In dem Wikipedia-Artikel finden sich auch Verweise, zum Beispiel zum tatsächlichen Verhältnis zwischen Friesen und Dänen.

Wie es sich für eine gute Ballade gehört, ist sie ellenlang, daher möchte ich dem Text den Hinweis auf die Vertonung von Achim Reichel vorausschicken: Tut euch das an, hört rein, der wertgeschätzte Herr ist immerhin Rockmusiker und hat sich um die nicht-klassische Vertonung deutscher Gedichte und Balladen sehr verdient gemacht.

 

„Frii es de Feskfang,
Frii es de Jaght,
Frii es de Strönthgang,
Frii es de Naght,
Frii es de See, de wilde See
En de Hörnemmer Rhee.“

Der Amtmann von Tondern, Henning Pogwisch,
Schlägt mit der Faust auf den Eichentisch:
Heut fahr ich selbst hinüber nach Sylt
Und hol mir mit eigner Hand Zins und Gült.
Und kann ich die Abgaben der Fischer nicht fassen,
Sollen sie Nasen und Ohren lassen,
Und ich höhn ihrem Wort:
Lewwer duad üs Slaav!

Im Schiff vorn der Ritter, panzerbewehrt,
Stützt sich finster auf sein langes Schwert.
Hinter ihm, von der hohen Geistlichkeit,
Steht Jürgen, der Priester, beflissen, bereit.
Er reibt sich die Hände, er bückt den Nacken.
Der Obrigkeit helf ich die Frevler packen;
In den Pfuhl das Wort:
Lewwer duad üs Slaav!

Gen Hörnum hat die Prunkbarke den Schnabel gewetzt,
Ihr folgen die Ewer, kriegsvolkbesetzt.
Und es knirschen die Kiele auf den Sand,
Und der Ritter, der Priester springen ans Land,
Und waffenrasselnd hinter den beiden
Entreißen die Söldner die Klingen den Scheiden.
Nun gilt es, Friesen:
Lewwer duad üs Slaav!

Die Knechte umzingeln das erste Haus,
Pidder Lüng schaut verwundert zum Fenster heraus.
Der Ritter, der Priester treten allein
Ober die ärmliche Schwelle hinein.
Des langen Peters starkzählige Sippe
Sitzt grad an der kargen Mittagskrippe.
Jetzt zeige dich, Pidder:
Lewwer duad üs Slaav!

Der Ritter verneigt sich mit hämischem Hohn,
Der Priester will anheben seinen Sermon.
Der Ritter nimmt spöttisch den Helm vom Haupt
Und verbeugt sich noch einmal: Ihr erlaubt,
Daß wir euch stören bei euerm Essen,
Bringt hurtig den Zehnten, den ihr vergessen,
Und euer Spruch ist ein Dreck:
Lewwer duad üs Slaav!

Da reckt sich Pidder, steht wie ein Baum:
Henning Pogwisch, halt deine Reden im Zaum.
Wir waren der Steuern von jeher frei,
Und ob du sie wünschst, ist uns einerlei.
Zieh ab mit deinen Hungergesellen,
Hörst du meine Hunde bellen?
Und das Wort bleibt stehn:
Lewwer duad üs Slaav!

Bettelpack, fährt ihn der Amtmann an,
Und die Stirnader schwillt dem geschienten Mann:
Du frißt deinen Grünkohl nicht eher auf,
als bis dein Geld hier liegt zu Hauf.
Der Priester zischelt von Trotzkopf und Bücken
Und verkriecht sich hinter des Eisernen Rücken.
O Wort, geh nicht unter:
Lewwer duad üs Slaav!

Pidder Lüng starrt wie wirrsinnig den Amtmann an.
Immer heftiger in Wut gerät der Tyrann,
Und er speit in den dampfenden Kohl hinein:
Nun geh an deinen Trog, du Schwein.
Und er will, um die peinliche Stunde zu enden,
Zu seinen Leuten nach draußen sich wenden.
Dumpf dröhnt’s von drinnen:
Lewwer duad üs Slaav!

Einen einzigen Sprung hat Pidder getan,
Er schleppt an den Napf den Amtmann heran
Und taucht ihm den Kopf ein und läßt ihn nicht frei,
Bis der Ritter erstickt ist im glühheißen Brei.
Die Fäuste dann lassend vom furchtbaren Gittern,
Brüllt er, die Türen und Wände zittern,
Das stolzeste Wort:
Lewwer duad üs Slaav!

Der Priester liegt ohnmächtig ihm am Fuß;
Die Häscher stürmen mit höllischem Gruß,
Durchbohren den Fischer und zerren ihn fort,
In den Dünen, im Dorf rasen Messer und Mord.
Pidder Lüng doch, ehe sie ganz ihn verderben,
Ruft noch einmal im Leben, im Sterben
Sein Herrenwort:
Lewwer duad üs Slaav!

(Detlev von Liliencron, Pidder Lüng, Quelle)

 

 

 

7 Kommentare zu “Pidder Lüng

  1. ich brauch nicht reinzuhören, liebe Christiane, ich kenne sie gut und gerade dieser Text ist einer der eindrücklichsten und erschreckendsten auf dieser einen CD von ihm.
    Wenn ich sie höre und der Amtmann von Tondern kommt, dann bekomme ich regelmäßig Gänsehaut, so dicht bringt er das Entsetzen rüber.

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  2. Ich finde die Art seiner BalladenLiedbearbeitung wirklich gut, liebe Christiane. Ich liebe diese alten Balladen und wollte mir die Regenballade von ihm anhören. Da waren aber dann auch andere Schätzchen von mir mit drauf *g* und seitdem höre ich sie mir manchmal an.
    Jetzt mußte ich ein Weilchen suchen, aber nun liegen beide CDs neben mir. Der Wassermann und die Regenballade.
    In der CD Regenballade ist auch der Zauberlehrling enthalten u. den liebe ich auch sehr. Ich habe ihn auch noch als wunderfeines Bilderbuch u.habe es vor Jahren meinen Kindern mit Vorliebe vorgelesen… *lach*. Davon gibt es auch iene spezielle Version von mir selbst *g*, aber natürlich nicht gesungen *hihi*

    Liebe Abendgrüße von Bruni

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    • Den „Wassermann“ habe ich auf dem Rechner und diverse Mal hoch und runtergehört, die „Regenballade“ nicht … (warum eigentlich nicht?) Ich finde das gut, dass und wie jemand wie er die alten Volkslieder aufpeppt. Und den Zauberlehrling, ach, davon gibt es soooo viele Varianten, Disney inklusive, die müsste man mal sammeln …. ;-)

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