Über die Schwelle

Regen fällt.
Morgendämmerung.
Auf meiner Brust ein schweres Gewicht.
Zusammengerollt, pustend im Schlaf.
Ein bepelztes Ohr zuckt vor meinem Kinn.
Beweg dich bloß nicht.
Regen prasselt auf das Dachfenster.
Wind rauscht nass im Baum.
Die Kirchturmuhr schlägt.
Du hast alle Zeit der Welt.
Ein Nachen treibt vom Licht ins Dunkel.
Dort steht der Traumgott
lächelt
und breitet seine Arme aus.
Willkommen, kleine Schwester.

Nachen. Seit mehreren Tagen verfolgt mich dieses Wort. Genauer, seit ich das Foto dazu gemacht habe. Ein Nachen, habe ich nachgeschlagen, ist „ein schmales, langes Wasserfahrzeug, das hauptsächlich auf Binnengewässern im Nahbereich eingesetzt wird“ (Quelle) und durch Muskelkraft angetrieben wird. „In den Fluss- und Auenlandschaften Süddeutschlands wird der traditionell aus Eiche gefertigte Fischer- und Fährkahn auch als Nachen oder Nache bezeichnet“, weiß die Wikipedia, und auch: „Außerhalb der Fluss- und Auenlandschaften Süddeutschlands ist das Wort Nachen häufig nur noch aus der Literatur, insbesondere aus Poesie, Mythologie und aus den Gemäldesammlungen der Kunstmuseen bekannt“ (Quelle).

Das erklärt mir meinen Kontext, denn ich kenne das Wort nur aus der Literatur, im Ohr habe ich ein wunderschönes Gedicht von Josef Weinheber: Im Grase.

Das Foto wiederum zeigt ein einzelnes Blütenblatt einer indischen Lotosblume, das auf einem See treibt. Dazu demnächst mehr Bilder, die Schönheit des Lotos verdient unbedingt einen Extraeintrag.

Habt ein schönes Wochenende!

 

Lotosblütenblatt – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst | KLICKEN MACHT GROSS!

 

28 Kommentare zu “Über die Schwelle

  1. Als Kinder bzw. Jugendliche hatte wir uns einen „Nocha“ selbst gebaut (mit Hilfe der Erwachsenen, welche auch den Namen verwendeten) Das andere Boot war eine „Zuin“ (i.e Zille).
    Heute baut man keine Boote mehr selbst.
    LG Erich

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  2. wieder ein neues lyrisches Fundstück für meine andere Blogkladde, schöööön und beim Nachen habe ich sofort Tübingen, den Hölderlinturm vor Augen…zum Main paßt kein Nachen, zum Neckar sofort.
    Dein Lotusnachen ist Poesie pur!
    frierende Grüße von mir an Dich -:)))

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      • Ich lagere immer die häuslichen Winterklamotten in einem Rollkoffer im Keller ein, ich habe ihn heute hochgeholt und ausgepackt und sitze nunmehr gefleect mit Odlounterbux in meinem Lesesessel und mache morgen die Heizung an, wenn das so bleibt und morgen früh zum Müsli die Milch warm -:)))
        galgenhumorige Grüße in Deinen Abend, liebe Christiane
        Letztes Jahr im November hatten wir Sommertemperaturen, vielleicht kommt er dann wieder zurück -:)))

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  3. Dein Foto ist wunderwunderschön, liebe Christiane, und das Wort Nachen für ein schmales, schlankes Boot ist mir sehr geläufig.
    Barke aber auch und Du hast sehr recht, es sind Worte, die man eher in der Lyrik findet, kaum in der Realität.
    Wenn ich an Nachen denke, dann sehe ich diesen Nachen, der vom Ufer abgestoßen wird, der eine Last trägt, die nicht mehr zurückkommen wird, ein kostbare Last, einen verstorbenen Menschen auf seinem allerletzten Weg…
    Nein, es ist nicht unsere Realität, hier spricht eher die Lyrik.

    Ein Nachen in der Realität wäre auch für mich einer auf dem Neckar in Tübingen *lächel*

    Liebe Grüße in die Nacht zum Montag
    von Bruni

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    • Danke! Zu „Barke“ habe ich auch eine Gedichtassoziation …
      „Ausgesetzt | In einer Barke von Nacht | Trieb ich | Und trieb an ein Ufer.“ (Quelle) Das liebe ich sehr.
      Morgen ist erst Sonntag, Bruni, das MUSS ich korrigieren!
      Liebe Nachtgrüße
      Christiane vor Mitternacht

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  4. *g*, ach ja, natürlich ist heute Sonntag. Na sowas. Das war ich wohl etwas verwirrt als ich schrieb 🙂 Kann bei mir schon mal passieren *verschmitzt guck*

    Da hast Du ein wunderfeines von ihr ausgesucht. Ich liebe diese Dichterin sehr u. ich verstehe sie so gut. Für sie war wirklich die Liebe Heimat u. kein Land ihre wirkliche mehr, nachdem auch sie Deutschland verlassen mußte, wenn sie überleben wollte.

    Bei mir finde ich die Barke auch, genau 2x, aber komischerweise nirgendwo einen Nachen…

    Boot auf dem Wasser,
    Barke im Wind

    Ich treibe geschwind,
    das Ziel liegt weit

    Es liegt in der Zeit
    Bin ich bereit?

    Sturm über dem Meer,
    Lenken fällt schwer

    Ich schwanke im Wind,
    bin schwach wie ein Kind

    fühle mich klein,
    bin sehr allein

    Doch halt!

    Eine Pause im Toben,
    mein Blick geht nach oben

    Ein Licht,
    das sich im Blau bewegt,
    als weisendes Zeichen
    am Himmel steht

    und es klärt sich mein Blick
    für das nächste Stück…

    Da ich selbst der Schreiber bin, brauchst Du Dir wegen des Copyright keinerlei Sorgen zu machen *lächel*

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    • Liebe Bruni,
      dankeschön! 🙂 Auch für den Copyright-Hinweis *gg*
      Ja, es ist komisch, man scheint manche Wörter lieber zu mögen (vom Klang, vom Ansehen) als andere, nicht?
      Ich zum Beispiel mag „Barke“ lieber als „Nachen“, und es gibt kein „warum“. Sehr merkwürdig.
      Liebe Sonntagsgrüße
      Christiane

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  5. Das ist einfach zu erklären, liebe Christiane! 🙂 , meine ich wenigstens…

    Es klingt viel besser, die Melodie des Wortes
    B a r k e
    ist einprägsamer und bleibt nachhaltig erhalten.

    Der Nachen dagegen verschwindet zu schnell aus dem Augenwinkel…

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    • Und was ich meine, liebe Bruni, ist, dass all diese Erklärungen völlig subjektiv und daher nicht übertragbar sind.
      Wobei ich gern wüsste, ob sich die Sprachwissenschaft dieses Themas schon mal angenommen hat … 😉

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  6. *g* keine Ahnung. Hätte ich dieses eine Semester nicht verpasst, wegen meines doofen Bruches, hätte ich mal fragen können…

    Es könnte sein, daß es mal wieder regional sehr unterschiedlich ist; manche Sprachlandschaften sind stark u. andere eher schwach. Kommnt also drauf an, wo der Nachen eher gebraucht wurde und wo man vielleicht die Barke bevorzugte…

    Alles pure Spekulation von mir 🙂
    Aber das alles ist hochinteresssant und die alten Begriffe sind meist wunderschön.

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