Ein Stück Himmel

… oder die Sache mit den Zitaten.

Da schenkt mir der Herr autopict ein toll trauriges Zitat über Regen. Pluviodingsda, ihr erinnert euch. „I always like walking in the rain, so no one can see me crying.“ (Charlie Chaplin) Das Problem dabei ist die Urheberangabe: Chaplin. Es ist nämlich nirgendwo belegt, wo/ob er das gesagt hat, wir haben das Thema in den Kommentaren beackert. Sollte sich also unter meinen Lesern ein Chaplin- oder sonstiger Zitatexperte befinden, wäre ich für Hilfe oder gar Aufklärung dankbar.

Da es inzwischen in Hamburg nicht mehr regnet, finde ich gerade auch andere Zitate gut. Das nächste, das mich begeisterte, war (danke, Karin):

Versuche stets, ein Stückchen Himmel über deinem Leben freizuhalten. (Marcel Proust)

Mein Detektor sprang an. Hört sich das wie Proust an? Hmhm. Weiß ich genug über Proust, um das beurteilen zu können? Hmmmmmmmmmnein. Also ging ich in die Forschung per Suchmaschine. Das deutsche Zitat wird ohne Quellenangabe überall Proust zugeschrieben. Das hat eine Aussagekraft von knapp über Null. Die deutsche und die englische Wikiquote führen es nicht. Verdammt. Also habe ich mich auf die französische Seite begeben. Da mein Schulfranzösisch de facto nicht mehr vorhanden ist, ein echtes Wagnis. Et voilà, da war was: Tâchez de garder toujours un morceau de ciel au-dessus de votre vie, (…)  MIT Quellenangabe. Nun war ich mir unsicher, ob das Zitat zu der Übersetzung passte und fragte die wertgeschätzte Frau Myriade, die mir schnell kundig Auskunft gab: ja, aber keine gute Übersetzung.

Ich hatte unterdessen schon bei den Bücherhallen gestoppt und auf Verdacht die angegebene Quelle, nämlich den ersten Band von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ausgeliehen.

Und siehe da:

Versuchen Sie immer, ein Stückchen Himmel über Ihrem Leben zu bewahren.

(Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 1 „Auf dem Weg zu Swann“, Reclam 2013 (in der Übersetzung von Bernd-Jürgen Fischer), S. 99)

Ich bin glücklich. Schnell noch ein Bild dazu gebastelt (ja, das ist eine Montage, falls sich wer an das Bullauge erinnert) und mich gefreut, dass ich die Zugvögel kürzlich erwischt habe. Ein Stückchen Himmel, ein freier Platz zum Atmen, wo die Winde wehen und die Gedanken unbelastet ziehen.
Jetzt warte ich auf blauen Himmel, aber ich muss zugeben, es sieht auch heute nicht danach aus.

 

Bullauge mit Zugvögeln – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst | Klick macht groß

 

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44 Kommentare zu “Ein Stück Himmel

  1. Hallo Christiane. Ich habe im Archiv gestöbert. Mit folgendem Ergebnis: Das Zitat und der die Zuschreibung sind nicht korrekt. Es muß heißen: «I always like walking in the rain, so no one can see my tears.» – Der Urheber ist in meinen Unterlagen «Smohalla», ein Schamane der Indianer Nordamerikas, circa 1970 – ein Foto findet sich hier.

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  2. Schön, Deine Montage, liebe Christiane.
    Ich hätte nicht gezweifelt, daß es von Herrn Proust ist *g*.
    Mit gefiel es, ich nahm es an und grübelte nicht.
    Dabei bin ich oft ziemlich kritsich, was Aussprüche angeht.
    Aber ich gestehe, daß ich absolut kein Proustkenner bin, eher
    das Gegenteil und für mich passte es also.

    Es ist so oder so ein wundervoller Ausspruch, denn ein Fleckchen Blauhimmel/Tag ist wichtig für die Seele und für den Körper auch, denn dann gehen wir freudig nach draußen und verstecken uns nicht wegen Bibberkälte oder Nieselregen hinterm Ofen.

    Himmel steht ja auch für Freiheit und jedem sollte ein Stück der großen Freiheit gehören und nicht nur einigen wenigen und priviligierten.

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  3. So, ich hab auch nochmal reh-scherschiert.
    Und das Reh sagt: Keine Ahnung.
    Ich hatte eine überzeugte Meinung gefunden, das Chaplin Zitat komme nun doch von Atkinson, und dann habe ich noch irgendwo gelesen „Autor unbekannt“. Das wäre plausibel, dann dann passt das auch mit den vielen Autoren und jeweils ohne Quelle, wenn auch mehrheitlich CC zugesprochen, was damit aber nicht nachgewiesen ist.
    Nun ja, muss ich eben auch mit mehr Vorsicht zitieren. Wobei ich meistens Songtexte zitiere, die sind tatsächlich belegbar, von daher vielleicht aber egal und so und überhaupt. Hm!
    Übrigens ist „Ein Stück Himmel“ eine alte TV-Serie….
    Was mich dazu verleitet, dies aufzugreifen und doch noch was zu bloggen, was mich schon seit Wochen umkreist aber nicht landen will. Ich bin ja eigentlich etwas knapp diese Tage…
    🙂

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    • Als ich heute an diesem Text herumschraubte, fiel mir die Serie auch wieder ein, allerdings nicht, ob ich sie gesehen habe. Hm. Was man nicht alles vergisst.
      Danke für die Befragung des Rehs. Ich gehe dazu über, zu glauben, dass es NICHT Chaplin war (auch auch nicht Atkinson) und hoffe auf einen Beweis, irgendwie, irgendwo, irgendwann. 😉

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      • Ich hab das garantiert gesehen, kann mich allerdings nicht mehr erinnern. Damals gab es ja auch nur drei Sender…
        Ansonsten warte ich hier auch geduldig.
        Wobei es interessant ist zu sehen, wie dieser Satz in die Welt hinaus fliegt, alles ohne Nachweis.
        🙂

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        • Für mich ist das Spielerei, allerdings mit ernstem Hintergrund, Verlässlichkeit von Informationen und so, nicht alles glauben, was man liest etc. Außerdem spiele ich gern Detektiv, was das angeht *achselzuck*.
          Schönen Tag dir!
          Christiane

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  4. Pingback: Ein Stück Himmel *) | autopict

    • Proust, also seine „Suche nach der verlorenen Zeit“ steht bei mir auf der Liste der (ungelesenen) Bücher, vor denen ich einen Heidenrespekt habe. Man braucht einfach einen langen Atem dafür.
      Nun weiß ich, dass viele das auch vom „Herrn der Ringe“ behaupten, den ich spannend und viel zu kurz fand und finde, also habe ich Hoffnung 😉
      Proust ist sicher jemand zum Oft-Lesen.
      Liebe Grüße
      Christiane

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    • Ich mag das Zitat sehr, bekenne aber, ansonsten vollständig Proust-unkundig zu sein. Wie schön, dass es Sie dennoch hierherzog. Ich hinterlegte gern Kekse speziell für sie, wenn das hülfe. (Eher mit Schokolade?)
      Vergnügt
      Christiane

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Ja, eben. Und du so?

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