… aber wir haben Blumen

Ich bin heute gefragt worden, wie sich „die Deutschen“ denn gerade so fühlen würden und habe lange überlegt. Schließlich habe ich gesagt: verunsichert. Noch mehr so, als ob man auf dünner werdendem Eis läuft. Da das kein angenehmer Zustand ist, werden die Meinungen/Parolen auf allen Seiten lauter, unbedingter und emotionaler geäußert. Oder man spricht gar nicht darüber, dass man (möglicherweise) Angst hat und verstummt, oder tut betont so, als ob nichts wäre. Oder verdrängt. Oder grübelt. Oder …

Jedem seine eigenen Strategien.

Ich bin auf das folgende Video gestoßen (worden), das mich berührt hat. Ein Vater und sein kleiner Sohn werden, wie angemerkt wird, am Ort der Pariser Bataclan-Anschläge interviewt. Es ist auf französisch (mit englischen Untertiteln) und sehr kurz, daher habe ich es übersetzt. (Kann mir jemand von euch Französisch-Könnern mal sagen, ob das Kind a) changer maison im Sinn von „umziehen“ oder „wegziehen“ oder hier auch im Sinn von „das Land verlassen“  gebraucht, ob b) partir nicht auch „sterben“ bedeuten kann und ob c) die englischen Untertitel korrekt sind?)

 

 

Reporter: Verstehst du, was passiert ist? Verstehst du, warum diese Leute das gemacht haben?
Kind: Ja, weil sie wirklich, wirklich gemein sind. Schlechte Menschen sind nicht sehr nett. Und … wir müssen sehr vorsichtig sein, weil wir umziehen müssen.
Vater: Oh nein, mach dir keine Sorgen. Wir müssen nicht wegziehen. Frankreich ist unsere Heimat.
K: Aber da gibt es schlechte Leute, Papa.
V: Ja, aber es gibt überall schlechte Leute.
K: Sie haben Gewehre, sie können uns erschießen, weil sie wirklich, wirklich gemein sind, Papa.
V: Das ist okay, sie haben vielleicht Gewehre, aber wir haben Blumen.
K: Aber Blumen machen nichts, sie sind für …, sie sind für …
V: Natürlich machen sie was, schau doch, jeder legt Blumen hin. Das ist, um gegen Gewehre zu kämpfen.
K: Das ist, um zu beschützen?
V: Genau.
K: Und die Kerzen auch?
V: Das ist, um an die Leute zu erinnern, die uns gestern verlassen haben.
K: Die Blumen und die Kerzen sind hier, um uns zu beschützen.
V: Ja.
R: Fühlst du dich jetzt besser?
K: Ja, ich fühle mich besser.

 

Einen friedlichen Tag, eine friedliche Woche euch!

 

Blumen – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

27 Kommentare zu “… aber wir haben Blumen

  1. Heute hat mir eine Freundin in wortbehagen von der Angst geschrieben. Ansonsten kommt sie nicht wohl wirklich nicht so klar zum Ausdruck… Aber das dünner wrdende Eis trifft es gut!

    Zum Interview würde ich denken, daß es einfach nur a) umziehen bedeutet, vielleicht sogar wörtlich *das Haus wechseln*, weil es die Sprache des Kindes ist.
    Zu b) meine ich, daß es auf keinen Fall sterben bedeutet.

    Einen sehr nachdenklichen Gruß von Bruni

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    • Ach Bruni, die wenigsten sprechen über ihre Ängste, weil die meisten mit „Angst“ „Schwäche“ assoziieren. Außerdem ist diese Angst eher diffus … finde ich.
      Was das Interview angeht, so spricht der englische Untertitel bei b) von „gone away“ und gemeint sind die Opfer. „To be gone“ kann durchaus „gestorben sein“ bedeuten, daher die Nachfrage nach „partir“. Was a) angeht, frage ich, weil der Vater sagt, dass Frankreich die Heimat sei, aber auch „maison“ verwendet. Ich mein ja nur … und hoffe auf Aufklärung.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  2. Tut mir Leid, ich kann das auch nicht aufklären, aber so im Zusammenhang gesehen scheinen mir deine Vermutungen richtig zu sein.
    Was für ein kluges Kind und was für ein Vater! Sehr anrührend diese kleine Szene.
    Angst in dem Sinne habe ich bis jetzt nicht, aber große Besorgnisse.
    Friedliche Grüße, Ingrid

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  3. ja, so ist es wohl. Aber die Angst ist doch so ein starkes Gefühl, wieso sollte sie eigentlich Schwäche bedeuten? Vorsicht auf jeden Fall, und so könnte man die Schwäche als Stärke sehen *lächel*- Verrückte Gedanken…

    Tja, wenn die Opfer gemeint sind, sieht es wohl anders aus. Ich habe mich an Deiner schönen Übersetzung orientiert.
    Bei changer maison denke ich daran, daß Heimat ja wie ein Haus ist, in dem nan sich wohl, sich zuhause füht

    LG von mir

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    • Weil Angst emotional angreifbar macht, liebe Bruni, wie schön für dich, dass du das nicht zu wissen scheinst *seufz*.
      Ich warte immer noch auf die Französisch-Profis 😉
      Liebe Grüße
      Christiane

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  4. Wissen tue ich es schon, liebe Christiane, aber ich weise es von mir, verstecke sie vor meinen Emotionen. Würden sie sich verbinden/verbünden, dann hätte ich schlechte Karten, denn dann schleicht die Panik dicht dahinter.

    Ich bin gespannt!

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  5. Was für ein vertrauensvoller Dialog… mitten ins Blumenmädchen Herz getroffen… über Ängste sprechen ist so wichtig, ansonsten lässt man sie wachsen zu einer Größe, die ihnen nicht gebührt…
    Ein ganz feiner Beitrag von dir über die Momentane Verunsicherung und Trauer… 😀

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  6. Ein berührendes Video und ein wunderbarer Vater, der sicher einen mitfühlenden Sohn heranzieht …
    Changer de maison bedeutet „umziehen/wegziehen“, kann aber auch im weiteren Sinne „außer Landes gehen“ bedeuten. Weiterhin wird gesagt, dass die Leute „Blumen da lassen, um ihr Mitgefühl auszudrücken“. „Compartir“ = mitfühlen.

    Deine Übersetzung ist übrigens sehr gut zutreffend, Christiane. Vielen Dank.

    In diesen Zeiten brauchen wir Licht …

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    • Ha, dankeschön, Iris! „Compartir“ hab ich noch nicht mal verstanden, mein „partir“stammt aus dem Satz, wo der Vater die Kerzen erklärt … „le gens“ (gens? Leute?), „qui sont partir“. Meine ich jedenfalls zu hören.
      Auf jeden Fall vielen Dank für das „außer Landes gehen“, das war der Sinn, der sich mir erschloss.
      Ja. Licht. Keine grellen Flutlichtstrahler. Einfach Licht. Überall.
      Liebe Grüße
      Christiane

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