In Rot.

Sie schaut aus dem Fenster des Konferenzraums. Eigentlich starrt sie die beschlagene Scheibe an und sieht fast nichts von dem beginnenden Abend und den Lichtern der Stadt, das ist aber auch nicht wichtig. In ihrem Kopf dreht sich alles, ihre Gefühle rasen.
Er ist es nicht, der neue Kollege in ihrer Arbeitsgruppe, er sieht ihm nur ähnlich. Wie typisch, dass nur das schon reicht, dass Herz und Hirn das volle Programm aufrufen.

***

Zweieinhalb Jahre habe ich nichts von dir gehört. Die Kommunikation aufrechtzuerhalten war noch nie deine Stärke. Du tust, was dir passt und bist einfach … verschwunden. Und jetzt platzt du wieder in mein Leben und willst was? Dass ich deine Entschuldigung akzeptiere? Ja, das kann ich, ich habe dir nie Schlechtes gewünscht. Dass wir dort weitermachen, wo wir aufgehört haben? Irgendwie? Weder du noch ich glauben doch wirklich, dass das funktioniert, oder? Der Wurm war drin, es war sogar mehr als einer. Wir haben unser Ding gegen die Wand gefahren, und auch wenn du dich öfter als einmal und freiwillig als „beziehungsunfähig“ bezeichnet hast, ich war nicht unbeteiligt. Du hast mir oft genug gesagt, dass ich gehen sollte, dass es für mich besser wäre, und es klang schon so, als ob du es auch so gemeint hättest. Wäre es gewesen, weiß ich heute, allerdings dachte ich, ich bin für dich da, ich schenke dir meine Zuversicht. Ich habe an uns, an dich geglaubt. Reden wir mal nicht von Liebe. Wenn du da warst, warst du mein Mittelpunkt. Geistig. Körperlich. Wie ich das genossen habe, beides zu haben, kluge Männer sind nicht so häufig, wie die meisten von sich denken … Umgekehrt ist es ähnlich, das hast du mir oft genug versichert, aber hast du dich eigentlich für mich interessiert oder nur für dieses fragile „Wir“?
Wie oft ich mich nach dir gesehnt habe in den letzten Jahren, in denen du wieder auf die Beine kommen musstest, ohne mich, wie du sagst. Alle Brücken abgebrochen, das Adressbuch verbrannt, erst jetzt hast du mich per Zufall wiedergefunden, nachdem du mich verzweifelt über das Netz gesucht hast. Auch diese Geschichte nehme ich dir ab, ich kenne ja dich und die Anfänge davon und du hattest mich vorgewarnt. Nur geglaubt hatte ich dir damals nicht.

Oh, bitte, ich weiß zu schätzen, dass du nicht einfach vor meiner Tür aufgetaucht bist. Und nun frage ich mich: Gibt es immer noch Platz für dich in meinem Herz? Ach, du bist nicht einfach zu ersetzen, das weißt du, ich denke, auf einem Stück Herz wird für immer dein Name stehen. In Rot. Bloß, auch ich musste überleben in diesen Jahren, musste wachsen und Dinge über mich lernen. Keine schlechte Sache, aber das mit dir hätte ich mir gern erspart. Es ging tief, eine fette Narbe ist draus geworden, und wenn ich dran rühre, tut es immer noch weh. Beim nächsten Mal bin ich klüger. Hoffe ich.

Wenn ich mal so ehrlich bin, wie ich sein sollte: Du bist für mich wie die Flasche für den Trinker. Du vereinnahmst mich, weil du so bist wie du bist, und ich steige voll darauf ein … weil es für den Moment so geil ist. Dann vergesse ich mich, dann gibt es nur noch dich, und keiner ist wie du. Ohne dich ist das Leben ein kleines bisschen Scheiße, ein kleines bisschen weniger bunt, nur, und das wird dir vermutlich gar nicht gefallen: mit dir, mit dir auch! Interessant, nicht? Ich habe verdammt lange gebraucht, das vor mir zuzugeben. Noch was. Wenn ich deine Nummer auf dem Telefondisplay sehe, denke ich nicht „oh ja!“, sondern „oh, nein!“ Ich will, dass es dir gut geht, aber was mich angeht: Danke für alles. Bleib einfach weg.

***

Sie seufzt. Die Tür geht auf und unterbricht ihre Gedanken. Sie dreht sich um, mustert die aus der Pause Hereinkommenden und geht auf den Mann mit dem vertrauten, fremden Gesicht zu. „Entschuldige“, sagt sie, „ich weiß, dass du neu bist, aber ich habe vorhin nicht daran gedacht, mich vorzustellen. Ich bin Julia.“
„Christoph“, antwortet der Angesprochene. Sie geben einander die Hand und lächeln.
„Schön, dich kennenzulernen. Willkommen bei uns, ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit.“ Er nickt, sie hebt die Stimme und übertönt die leisen Gespräche. „Ihr Lieben, ich möchte weitermachen. Darf ich um eure Aufmerksamkeit bitten?“

 

Beschlagene Scheibe – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Dieser Text ist im Wesentlichen ein Aufgreifen der Schreibanregung von Jutta: Sie schaut aus dem Fenster. Der Rest entwickelte sich innerhalb von zwei Tagen, als mir klar wurde, warum meine „Sie“ aus dem Fenster starrt. Manche von euch werden um autobiographische Bezüge wissen, aber bewertet sie nicht über.

Euch noch einen schönen Restsonntag, mit Schnee oder ohne!

 

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40 Kommentare zu “In Rot.

  1. Ein guter Text, liebe Christiane, eine Kurzgeschichte, wie sie das Leben oft genug schreibt.
    Und ein Ende, wie ich es mag:
    Ein evtl. hoffnungsvoller Beginn… alles bleibt offen und in der Ferne sehe ich, wie die Farben wieder bunter werden.

    Liebe Grüße von Bruni

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  2. Ich fass es nicht mein ellen langer Kommi ist weg… ich gehe mal in mich und sammeln… falls ich die Worte nicht mehr finde… komplett abgeholt, eingeholt und zum selben Ergebnis gekommen… die einstige Prinzessin möchte nie wieder die Überreste ihrer vermeintlichen Krone wegfegen müssen… und das machen Königinnen nicht mehr… die Geschichte ist perfekt … wundervoll geschrieben und das Blumenkind geht wie so manches mal in dieser virtuellen Welt auf die stille Treppe zum nachfühlen…

    Gefällt 2 Personen

    • Weil … ach, ich hab es mir so vorgestellt wie eine Art Rückfall, weißt du? Ihr Typ hat sich aus ihrem Leben verabschiedet und taucht zweieinhalb Jahre später plötzlich wieder auf. Und eigentlich ist sie durch damit, hat sich alles hunderttausend Mal überlegt, es ist „nur“ noch Verdrängtes, was nochmal hochschwappt und sie heftig ins Wanken bringt.
      Anders gesagt: wenn es einer schlecht genug gegangen ist, dann fragt man sich, ob man das nochmal will. Das ist dann nicht cool, das wäre nur konsequent und selbstachtend usw. usw. und fühlt sich an wie der bessere von zwei miesen Wegen. Vielleicht gibt es ja irgendwann mal eine Fortsetzung.
      Erklärt dir das was?
      Willkommen auf meinem Blog übrigens.
      Liebe Grüße
      Christiane

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      • Hallo 😀 also ich kann Ihre Entscheidung total verstehen. Würde ich auch so treffen, aber das Zwiegespräch mit sich selbst ist so abgeklärt, weißt Du. 2,5 Jahre sind ja nicht allzu lang, allerdings kommt es sicher auch auf die Vorgeschichte an, wie lange kannten Sie sich und wie lief es vorher…Is eines meiner Themen. Kürzlich gabs übrigens einen schönen Radiobeitrag über das Verschwinden bei Deutschlandradio Kultur. 😉

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Ja, eben. Und du so?

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