Null Bock auf Weihnachten

So gekonnt, als würde er nie etwas anderes tun, balancierte der stämmige Mann auf der linken Schulter einen ausladenden Tannenbaum über den Bahnsteig zur S-Bahn. Der Baum befand sich zwar in einem Netz, dennoch, schätzte Clara, hatte er ganz bestimmt Überlänge und hätte laut ihrem Fahrlehrer eine rote Warntafel haben müssen. Bei ihnen ins Wohnzimmer hätte er dagegen von der Höhe her vermutlich gepasst. Sie grinste in sich hinein. Der Mann wäre ihr auch ohne den Baum aufgefallen: Er trug einen roten Mantel mit weißen Borten plus passender roter Mütze mit weißem Bommel und erinnerte sie an den Coca-Cola-Weihnachtsmann. Er hinkte auf dem linken Bein ein wenig, aber es schien ihn nicht zu behindern. Wie Papa, dachte sie, und fühlte den vertrauten Stich im Herz. Aber Papa war dünner.

Schon verrückt, dass sie an Weihnachten auf dem Bahnhof stand und eben ihre beste Freundin in den Zug gesetzt hatte. Keine große Sache, Nina war öfter bei ihr, aber am liebsten wäre sie mitgefahren, weihnachtlich fühlte sie sich beim besten Willen nicht. Clara nippte an ihrem Coffee to go und sah, an das Geländer der Fußgängerbrücke in der Bahnhofshalle gelehnt, hinunter auf die Bahnsteige. Ein paar Gleise neben ihr fuhr gerade ein ICE nach Süden ein. Die Bremsen quietschten ohrenbetäubend, dann begrüßte eine freundliche Stimme die Ankömmlinge. „Hamburg Hauptbahnhof, hier Hamburg Hauptbahnhof. Willkommen auf Gleis 9. Dieser Zug hat Anschluss …“ Clara hörte nicht weiter zu, sondern beobachtete den Mann mit dem Baum, der sich mühsam durch die hastenden Fahrgäste seinen Weg bahnte und offensichtlich vorhatte, den Bahnsteig zu wechseln, um eine andere S-Bahn zu erreichen. Sie hatte noch ein bisschen Zeit, bevor ihre Mutter sie zurückerwartete und für die üblichen letzten Vorbereitungen rund um Heiligabend einspannen würde. Sie schnaubte. Seit damals hatte sie null Bock mehr auf Weihnachten. Vier Jahre war es jetzt her, dass sie nur noch zu dritt waren. Obwohl ihre Mutter durchaus gut aussah, hatte sie nach zwei eher flüchtigen Bekanntschaften ihr und ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder bisher keinen wirklichen Nachfolger für den Vater präsentiert, der sich Hals über Kopf in einer überstürzten Nacht-und-Nebel-Aktion abgesetzt hatte. Clara hatte nie wieder was von ihm gehört und war stinksauer und traurig und verletzt in einem. Und Weihnachten erinnerte sie zu schmerzlich daran, wie super es gewesen war, als noch alles okay war. Als sie noch eine richtige Familie waren.

„Es ist besser so, glaub mir“, war die Standardreaktion ihrer Mutter, wenn sie das Thema zur Sprache brachte, „soll er doch machen, was er will.“
„Aber Mama! Er kann doch nicht so einfach abhauen und so tun, als ob es uns nicht mehr gäbe! Und das alles bloß wegen dieser … Tussi!“
„Siehst du doch, dass er kann. Und jetzt lass mich damit in Ruhe, ich hab wegen ihm genug geheult.“

Das war unbestreitbar wahr. Wahr war auch, dass Claras Mutter als höhere Beamtin genug verdiente, um auch ohne eventuelle Unterhaltszahlungen ihres durchgeknallten Mannes finanziell klarzukommen. Wobei mit denen eh nicht zu rechnen gewesen wäre, wie sie abschätzig bei jeder unpassenden Gelegenheit erklärte.
Worüber dagegen zu wenig gesprochen wurde, war die Liebe. Claras Vater, charmanter Lebenskünstler und ehemaliger Offizier zur See, war bis zu jenem Tag die unbestrittene Sonne an ihrem Himmel. Er hatte mit ihr Fußball gespielt, ihr Gitarre und das Pfeifen auf den Fingern beigebracht und sie immer dann gegen die Mutter verteidigt, wenn die wollte, dass Clara irgendwelchen Mädchenkram machen sollte, auf den Clara nicht stand. Unvorstellbar, dass er einfach so verschwinden und sich nie wieder melden würde. Er liebte sie doch. Sie und ihren Bruder. Selbst ihre sonst reichlich zurückhaltende und steife Mutter hatte an seiner Seite immer ziemlich gechillt gewirkt.

Aber diese Weihnachten war irgendwas anders. Simone, Claras Mutter, hatte seit ein paar Wochen ungewöhnlich gute Laune, hatte sich nicht über ihre Weihnachtswünsche aufgeregt und ihnen den üblichen Vortrag über sinnentleerten Konsum gehalten und auch nicht darüber gemeckert, dass die Läden vor Menschen überquollen, die sich benahmen, als hinge das ewige Heil von dem richtigen Geschenk ab. Mehr zu essen eingekauft als normal hatte sie auch. Und Plätzchen gebacken. Wie früher.

„Die hat irgendeinen Typ“, hatte Robbie gemutmaßt, als sie ihn nach seiner Meinung dazu gefragt hatte, und wie immer auf cool gemacht. „Wahrscheinlich lernen wir ihn an Weihnachten kennen.“ Clara hatte die Augen verdreht, ihm aber insgeheim recht gegeben. Ein weiterer Punkt auf der Liste, auf den sie gern verzichten konnte. Papa ersetzen? Nicht mit ihr.

Dieses Jahr hatten sie noch keinen Baum. Auch auffällig, Simone war nun wirklich kein Last-minute-Mensch. Clara sah immer noch dem sich entfernenden roten Mantel hinterher und registrierte plötzlich erneut den Baum und das vertraute Hinken. Irgendetwas machte ‚klick‘ in ihrem Kopf und alles passte zusammen. Sie dachte nicht nach. Sie setzte nur den Kaffeebecher vorsichtig auf den Boden, steckte die Finger in den Mund und pfiff, so laut sie konnte, mit aller Kraft, und das war laut! Tief-hoch-tief-hoch. So was wie ihr Erkennungspfiff seit der Zeit, als Papa ihr beigebracht hatte, dass man so oder so ähnlich „Seite“ pfiff. Und gleich noch mal. Die Pfiffe gellten durch den Bahnhof.

 

Der Baum schwang abrupt herum. Sein Stumpf riss einem Herrn den Hut vom Kopf und erschreckte einen kleinen Hund, der sich auf Frauchens Arm plötzlich mit der Nase in der Tannenspitze wiederfand, so sehr, dass er zu kläffen begann. Der Mann setzte den Baum vorsichtig ab, entschuldigte sich mit einem Lächeln und sah sich nach der Quelle der Pfiffe um. Da rannte Clara schon die Treppe hinunter. Sie wich den Entgegenkommenden ohne Mühe aus und lief fast über den gesamten Bahnsteig, bis sie ihn endlich erreicht hatte. Er sah sie heranstürmen und breitete die Arme aus. Sie warf sich hinein und hielt sich an ihm fest, als wollte sie ein paar Jahre nachholen. Er roch immer noch nach dem denselben Aftershave, und der Geruch warf sie fast um.

„Papa!“
„Na, Prinzessin?“
„Ich habe dich nicht erkannt! Beinahe hätte ich dich nicht erkannt!“
„Ich hätte dich vielleicht auch nicht erkannt. Gut siehst du aus. Bist erwachsen geworden.“
Er ließ sie los. Sie betrachtete ihn prüfend. In seinen Augenwinkeln blinkerte es feucht.
„Wie geht es dir? Warum hast du dich nie gemeldet? Wenn du mit Mama nicht hättest sprechen wollen, okay, das hätte ich verstanden, aber ich habe dich so vermisst!“
„Aber das habe ich doch! Ganz am Anfang habe ich euch einen langen Brief geschrieben und euch alles erklärt. Und Karten von unterwegs. Sag mal, soll das heißen, du weißt gar nicht, was los war und wo ich war?“
Clara starrte ihn an. „Neee. Nichts. Gar nichts. Ihr hattet euch gestritten, du warst abgehauen, und dann kamen wir aus der Schule und deine Sachen waren weg und du warst einfach nicht mehr da. Mama sagte, das würde auch so bleiben. Und das war alles.“
„Mein Gott.“ Er schwieg betreten, nicht einen Moment im Zweifel, dass Simone wie angedroht jegliche Kommunikation unterbunden hatte. Konsequent war sie immer gewesen. „Nett, dass du überhaupt noch mit mir redest.“
Seine Tochter entschied, dass das möglicherweise die Wahrheit und jetzt kein guter Zeitpunkt für weitere Nachfragen war. Mal sehen, was Mama im Kreuzverhör später dazu sagen würde. Sie grinste schief und wechselte das Thema.
„Ist der Baum etwa für uns?“
Er machte ein überraschtes und dankbares Gesicht.
„Ja, für wen denn sonst? Ich wollte jetzt meine Tasche aus dem Schließfach zu holen und dann zu euch. Hat euch Simone etwa nicht erzählt, dass sie mich erwartet?“
„Kein Wort!“
„Ah. Vielleicht dachte sie, ich würde wieder kneifen. Könnte ich mir jedenfalls vorstellen.“
Clara hatte ihre gute Laune wiedergefunden. „Schon, aber sie hat Unmengen an Essen gekauft. Und Weihnachtsplätzchen gebacken. Sag bloß, das ist deinetwegen? Wir haben gedacht, sie hätte vielleicht einen neuen Kerl.“
Er stockte kurz, ging dann aber nicht darauf ein. „Keine Ahnung, ehrlich. Ich habe nur mit ihr ausgemacht, dass ich den Baum mitbringe und die Weihnachtsüberraschung bin. Wie geht es Robbie? Und was machst du überhaupt hier?“
„Robbie hängt am Computer, spielt oder guckt Pornos, was weiß ich. Das Übliche. Ich habe vorhin Nina zur Bahn gebracht. Erinnerst du dich an Nina?“
„Deine Freundin aus Lüneburg mit den Pferden? Klar. Seid ihr immer noch so gut befreundet?“

Clara nickte heftig und geistesabwesend. So langsam begriff sie, was eben geschehen war. Ihr Vater war wieder da. In echt, nicht nur geträumt. Sie schluckte. Was war heute, Weihnachten? Toller Tag.

Er lud sich den Baum erneut auf und legte den freien Arm um die Schultern seiner großen Tochter. Wie wunderbar das war. Sie hatten nur drei Stationen mit der S-Bahn zu fahren, dann würde er in seinem alten Leben zu Besuch sein. Er wusste, dass er Antworten auf eine Menge Fragen finden musste. Vier Jahre Abwesenheit waren auch nicht einfach wegzulachen. Und Simone hatte am allermeisten Ehrlichkeit verdient, selbst wenn sie ebenfalls einiges verschwiegen zu haben schien. Aber, hatte er beschlossen, wenn sie ihm die Chance gab, wollte er zumindest in der Nähe bleiben. Ihr beweisen, dass auch ein alter Esel zu Verstand kommen kann. Man würde sehen.
Der Baum wippte auf seiner Schulter im Takt seiner Schritte. Er konnte das Fest kaum erwarten.

 

Null Bock Weihnachtsbaum – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Schön, dass ihr alle bis hierhin durchgehalten habt. Ist ja Weihnachten, da hoffe ich, dass ihr bisschen Zeit zum Lesen mitgebracht habt …
Diese Geschichte verdankt ihre Existenz im Wesentlichen Jutta Reichelt und ihrem Geschichtengenerator. Vielen Dank, Jutta, du siehst, es macht Spaß! :-) Weitere Geschichten werden folgen.

Wer wissen möchte, wie und warum man „Seite“ pfeift, folge bitte diesem Link.

 

47 Kommentare zu “Null Bock auf Weihnachten

  1. Eine Geschichte die für mich ruhig noch weitergehen könnte / gerade waren meine Lesesynapsen in den Sätzen versprudelt….tja…womöglich geht es ja weiter /

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  2. Ich finde sie toll, Deine Geschichte, liebe Christiane!
    Ich habe sie sehr gespannt gelesen, zeitgleich mit Clara den Mann mit der roten Mütze erahnt und mich dann gefreut, daß wir beide recht hatten *lächel*

    Herzliche Grüße von Bruni an Dich

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  3. ja, klar, aber jetzt will ich raus, mich ruft es von allen Seiten *lächel*, vielleicht hat es etwas mit verfrühtem Frühling zu tun :-)

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    • Ach, im Grunde genommen ist Weihnachten, also der Baum, in dieser Geschichte ja nur der Aufhänger.
      Schau dir den Generator mal an, ich finde den sehr inspirierend, und Jutta freut sich sicher über dein Interesse.
      Liebe Grüße
      Christiane :star:

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  4. Diese Weihnachtsgeschichte hat mich gleich in den Bann gezogen. Gerade dieses Ende habe ich sehr herbeigesehnt! Vielen Dank, sehr schön! Ich wünsche dir und dem Felligen weiterhin eine kuschelige Weihnachtszeit!

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  5. Liebe Christiane, das ist eine ganz wunderbare Weihnachtsgeschichte – und es ist lustigerweise die zweite Geschichte von der pfeifenden Clara, die auf einem Bahnhof spielt ;-) Herzliche Grüße aus Bremen!

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  6. Hallo Christiane, wieder eine sehr schöne Geschichte :-)
    Und das Ende passt mir sooo gut.
    Danke dir 😊
    Ein schönes neues Jahr wünsche ich dir.
    Und einen lieben Gruss

    Herbert

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