Mutter hat ein Date

„Ich muss dir etwas sagen. Ich glaube, ich habe mich verliebt.“
„Mama!“ Ihre Tochter legt den Eislöffel säuberlich auf den Rand ihres Bananensplits und sieht sie missbilligend an. Schon merkwürdig, denkt Luise, wie oft sie sie an ihre eigene Mutter erinnert. Der gleiche strenge Zug um den Mund. Von ihr hat sie den nicht!
„Du darfst mir gern gratulieren. Natürlich nur, wenn du möchtest.“
„Ach, Mama, selbstverständlich. Wie wunderbar für dich! Ich bin nur so überrascht. Wer ist es denn? Kennen wir ihn? Doch nicht etwa der Hansen aus dem Kulturverein, mit dem du schon öfter mal ins Konzert gegangen bist?“
„Manfred? Nein, nein. Außerdem hat der viel zu viel mit seinem Herz zu tun, der denkt nur noch an seine Gesundheit.“
„Ja, aber wer ist es dann? Wir haben dir ja immer gewünscht, dass du nach Papa noch einmal einen netten Mann treffen würdest, aber du hast doch dauernd gesagt, dass sich in unserem kleinen Städtchen nichts Passendes findet.“
Luise lächelt in sich hinein.
„Das stimmt auch, Sandra. Deshalb bin ich andere Wege gegangen.“
Ihre Tochter zögert. „Sag nicht, dass du auf so eine Zeitungsannonce geschrieben hast.“
Hat sie, aber das wird sie jetzt nicht erwähnen. Die Rückläufe waren enttäuschend.
„Nein. Na gut, du würdest bestimmt nicht darauf kommen. Ich habe ihn im Internet kennengelernt.“
„Mama!“ Jetzt ist Sandra wirklich entsetzt. „Im Internet? Mama, wie kannst du nur? Du weißt doch gar nicht, wie so was geht!“
Bei so viel gebündelter Ignoranz verliert Luise die Geduld. Angst vor Technik hin oder her, ihre Tochter ist erst Anfang vierzig, Herrgott!
„Darf ich dich daran erinnern“, sagt sie spitz, „dass ich dir erst neulich erklärt habe, wie du online herausbekommen kannst, ob der Film, den du sehen willst, auch läuft, und wie man im Kino einen Platz reserviert? Nicht etwa du mir? Damit wäre ja wohl geklärt, wer sich mit diesem Internet auskennt!“

Volltreffer. Ihre Tochter stochert regelrecht in ihrem Eis herum. Schade drum, sie treffen sich eigentlich immer in dieser Eisdiele, weil das Eis so gut ist. Luise trinkt noch ein Schlückchen Cappuccino und lässt Sandra in ihren Gedanken schmoren.
„Mir gefällt das nicht, Mama“, erwidert ihre Tochter schließlich. „Man hört so oft, dass so viele Betrüger im Internet unterwegs sind, sogar im Fernsehen kam das schon. Wie kannst du sicher sein, dass du keinem aufsitzt und der Typ seriös ist? Woher kennst du ihn denn?“
Luise seufzt. „Von dem Blog, den Johanna betreibt. Du erinnerst dich an Johanna aus Frankfurt, die mal bei uns war? Die hat vor ein paar Jahren einen Blog aufgemacht mit Themen für Leute über 60. Passt ja. Dort trifft man meistens Frauen, klar, bei solchen Sachen ist das normal. Und die paar Männer sind dann ganz schnell Hahn im Korb, manche nützen das richtig aus und flirten, was das Zeug hält. Aber mit ihm war das anders. Er schrieb dort immer sehr nette und sehr kluge Kommentare, wie ich fand, und war sehr distanziert. Mir fiel auf, dass wir eine ähnliche Meinung zu vielem haben. Ihm auch. Und dann hat sich langsam was entwickelt. Wir haben uns zuerst oft E-Mails geschrieben, haben Bilder ausgetauscht und irgendwann angefangen, stundenlang miteinander zu telefonieren. Er heißt übrigens Peter, ist geschieden und war Ingenieur bei VW in der Autostadt.“

Sie lehnt sich zurück und lächelt, tief in Gedanken versunken. Seit der Krebs ihr vor drei Jahren Sandras Vater genommen hat, war sie nicht mehr so glücklich und so sicher, das Richtige zu tun. Fast hatte sie vergessen, wie sich Schmetterlinge im Bauch anfühlen. Aber sie hat es geschafft. Den Verlust durchlitten, die Nächte durchgeheult, das Leben neu angepackt. Und jetzt hat sie ihre Tochter mit dieser Eröffnung überfahren, sie sieht es ihr an. Sie zuckt die Achseln und hat fast ein bisschen Mitleid. Alles gut. Umgekehrt würde sie sich bestimmt auch so fühlen.

„Und nun?“ fragt Sandra lahm. „Wie geht es weiter, wie denkt ihr euch das? Kommt er dich hier besuchen?“
Luise schüttelt den Kopf und setzt zu einer längeren Erklärung an. Da tritt die Bedienung an den Tisch und unterbricht sie.
„Entschuldigen Sie bitte. Hat eine der Damen ein Taxi bestellt?“
„Himmel“, sagt Luise, „ist es schon halb zwölf? Sagen Sie dem Fahrer, ich käme sofort, ja?“ Die Frau verschwindet.
„Mama!“ Es klingt nicht mehr drohend, es klingt hilflos. „Mama! Was hast du vor?“
„Das ist ganz einfach“, entgegnet ihre Mutter, die in ihrer Börse nach einem Geldschein sucht und ihn ihr zuschiebt. „Zahl du für mich mit, ja? Ich fahre nämlich jetzt mit der Bahn nach Hamburg. Ins Musical. Heute Abend König der Löwen, davor Romantic Dinner – guck nicht so, der Veranstalter nennt das so, nicht ich – danach vielleicht ein kleiner Absacker an der Hotelbar. Bevor du fragst, ja, er wohnt auch in dem Hotel. Entweder es funkt … oder nicht. Ich denke, dass ich übermorgen spätestens zurück bin, ich sag dir Bescheid. Wünsch mir Glück, ja?“
Luise steht auf, küsst Sandra auf die Wange und lässt ihre verdatterte Tochter sitzen. Sie weiß ja, dass die immer ein bisschen braucht.

Sandra sieht ihr nach, wie sie an der Garderobe in den leichten Mantel schlüpft, den Hut zurechtrückt und ein kleines Köfferchen aufnimmt, eine aufrechte, zierliche Person, die einem neuen Lebensabschnitt energiegeladen und mit offenen Armen entgegengeht. Ihre Mutter. Und plötzlich ist sie verdammt stolz auf sie.

 

Schmetterlinge – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Auch diese Geschichte verdanke ich einer Anregung durch den Geschichtengenerator von Jutta Reichelt, den ich Schreibbegeisterten gern weiterempfehle.

Sollten wir uns vorher nicht mehr lesen: was auch immer ihr tut, 2016 steht vor der Tür, brecht fröhlich und ohne irgendwelche Katastrophen emotionaler und sonstiger Natur dorthin auf! Und möge das neue Jahr friedlich und gut für jeden Einzelnen und für uns alle werden, was auch immer „gut“ ist!

 

37 Kommentare zu “Mutter hat ein Date

  1. Eine Geschichte, die mir gut gefällt, liebe Christiane, und längst sind die Wege, über das Internet einen netten Menschen zu treffen, so vielfältig und es gibt nicht nur diese halbgaren und anrüchigen und das ist verdammt gut so, sehr gut sogar 🙂

    Es ist seltsam, wie längst erwachsene Kinder über Mütter denken, aber Deine schreibenden Gedanken sind sehr treffend.

    Eine Geschichte, die mir gefällt.

    Liebe Grüße am Morgen
    von Bruni

    und auch Dir einen feinen Start in dieses kommende Neue!
    Mal sehen, was es bereithält – vermutlich mal wieder von allem etwas – wie immer

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  2. Liebe Christiane,
    das ist eine schöne und ermutigende Liebeshoffnungsgeschichte, die mir sehr gut gefällt.
    Kennst Du das Buch von Noelle Chatelet:
    DIE KLATSCHMOHNFRAU ? In diesem kleinen, feinsinnlichen Roman verliebt sich eine siebzigjährige Witwe erfolgreich, ungeniert und romantisch in einen achtzigjährigen Maler …

    Ich wünsche Dir ein herzerfülltes Jahr 2016!
    Sonnige und himmelblaue Grüße 🙂
    Ulrike

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  3. Hallo Christiane, eine schöne Geschichte ist dir wieder gelungen 😊
    Ein gesundes und glückliches neues Jahr wünsche ich dir 😉
    Liebe Grüße
    Herbert

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  4. Eine schöne Geschichte über die Generationen. und die Kommt aus einem Generator?
    Merkwürdig, meine Mama, die auf eigenen Wunsch in ein Heim gezogen ist, hat auch gerade jemanden kennengelernt, 3x darfst Du raten, wie er heißt…:D

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  5. Liebe Christiane, nun bin ich sehr froh, dass mir diese schöne Geschichte nicht entgangen ist. Ich sehe, ich muss die aktuelle Geschichtengenerator-Version unbedingt auf meinem Blog vorstellen, wo du gerade so überzeugende Werbung dafür machst! Nächste Woche sollte es klappen …

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  6. Pingback: Aus der Traum | Irgendwas ist immer

  7. Pingback: What a wonderful world | Irgendwas ist immer

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