Wer bin ich?

Mich fasziniert gerade folgendes Zitat:

Wer sich selbst definiert, kann nicht erfahren, wer er wirklich ist.
(Laotse, Tao Te King, Quelle)

Wer definiert sich eigentlich nicht selbst? Gut, zu sagen, dass bewusste Definitionen einen Verzicht und damit eine Beschränkung/Einschränkung bedeuten, ist leicht. Wobei ich hier die Fragen gern außer Acht lassen möchte, inwiefern wir durch Definitionen Sicherheit gewinnen und inwieweit das für unser Überleben (physisch/psychisch) überlebenswichtig ist. Was ist mit den unbewussten Definitionen, mit dem, in das wir hineinwachsen, unsere Rollen als Kind, Geschwister, Ehe- und/oder Liebes-/Lebenspartner etc., alle sozialen Verbundenheiten zum Beispiel. Alles Definitionen, die wir mehr oder weniger bewusst leben. Darüber nachzudenken und ggf. daraus auszusteigen, kann ein riesiges, lebensveränderndes und erstrebenswertes Wagnis sein, ebenfalls völlig unbenommen. Aber alle abstreifen, um zu erfahren, wer wir „wirklich“ sind? Die Aufgabe von Rollen ist auf der Alltagsebene der komplette Ausstieg aus der Gesellschaft. Kann das überhaupt erstrebenswert sein? Für wen?

Was ist demnach „wirklich“? Was meint Laotse mit „wirklich“? Ich habe irgendwann mal gelernt, dass eine Definition (schon wieder dieses Wort) für das Tao sei: Alles, was du benennen kannst, ist nicht das Tao. Sind wir also mit diesem Zitat im Transzendenten? Bei der Auflösung im … was? Bin „ich“ dann noch „ich“ (und wer bestimmt das)? Ha! So viele Fragen …

 

eis_am_stiel_800Quelle: ichmeinerselbst

 

Das Bild jedenfalls ist Anfang der Woche entstanden (als ich den Eisvogel gesehen habe, jawohl), und ich wollte schnell noch was von jenem Spaziergang zeigen, bevor sich Schnee und Eis wieder komplett in Regen und Matsch aufgelöst haben.

 

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38 Kommentare zu “Wer bin ich?

  1. Ich würde das runterbrechen auf „Wer nicht zuhören kann, ….“
    Der Mensch ist auch Veränderungen unterworfen, seinen Lebenserfahrungen geschuldet. Ich fühle mich zwar noch wie vor 30 Jahren, aber ich weiß ich bin ein anderer wie vor 30 Jahren.
    Es ist doch auch eine Übersetzung, da finde ich die lateinische Rückübersetzung der Quelle als Stolperfalle.Aber egal, es ist die gültige Version. Oder man sieht es im Zusammenhang mit dem ganzen Text.

    Wer auf Zehenspitzen steht,
    der steht nicht sicher.
    Wer vorauseilt,
    kommt nicht weit.
    Wer zu glänzen versucht,
    verdunkelt sein eigenes Licht.
    Wer sich selbst definiert,
    kann nicht erfahren wer er wirklich ist.
    Wer Macht hat über andere,
    kann sich selbst keine Macht verleihen.
    Wer sich an sein Werk klammert,
    wird nichts schaffen was von Dauer ist.
    Willst du eins sein mit dem Tao,
    so tu deine Arbeit und dann lass los.

    Schönes Bild. Schönen Sonntag.

    Gefällt 8 Personen

  2. Mir geht sofort im Kopf herum:
    Wer von sich selbst eine feststehende Meinung hat, lernt die Feinheiten seines Ichs niemals kennen, er lernt also nicht dazu.
    Es ist, wie Autopict sinngemäß sagt, wer zuhört lernt…
    Veränderungen bringt alles, was geschieht und uns in irgend einer Weise berührt.
    Philosophie löst Dich nie auf, sie bringt Denkanstöße und Dich weiter, erweitert den Horizont.
    Nur ein denkender Mensch hat Identitätskrisen, liebe Christiane und ich finde, sie sind ein gutes Zeichen, auch wenn sie in tiefe Täler stürzen können. Aber es drängen sich neue Gedanken vor und tragen Dich weiter…

    Ich denke gerne an Deinen Eisvogel, liebe Christiane

    Gefällt 5 Personen

    • Ich sehe „auflösen“ nicht per se negativ, für mich gehört das spontan in den Bereich Religion (=> Einswerden mit Gott), daher meine Bemerkung, dass das nicht unbedingt der Weg vieler ist.
      Philosophie ist eher das Gegenteil, sie ist eine logische Wissenschaft, die sich um sehr genaue Beschreibungen und Definitionen bemüht … ein weites Feld.
      Beflügelt …
      Christiane 😉

      Gefällt 2 Personen

  3. Reißt den Menschen aus seinen Verhältnissen, und was er dann ist, nur das ist er. Zuweilen können die Verhältnisse etwas von seinem Selbst zutage fördern.
    Johann Gottfried Seume (1763-1810), Apokryphen

    Das ist ein Satz, der mir schon lange im Kopf ist und über den ich immer wieder nachdenke. Er ist mir spontan bei deinem Titel „Wer bin ich?“ eingefallen.

    Gefällt 2 Personen

    • Ich danke dir, das ist auch ein interessanter Satz, gerade wenn man ihn vor dem Hintergrund der Flüchtlingsproblematik betrachtet … meine spontane Assoziation dazu. Für Touristen könnte das in einem gewissen Rahmen auch gelten, wobei ich eher nicht diesen All-Inclusive-Kram meine 😉
      Inspirierend, ja. Danke.
      Liebe Grüße aus dem verregneten Hamburg
      Christiane

      Gefällt mir

  4. Von Fritz Perle stammt der berühmte Satz: „Der gesunde Mensch hat wenig Charakter“. Will heißen: wer seine Persönlichkeit nicht wie ein Schutzschild vor sich herträgt, weil er glaubt, dass er so sei, ist klar im Vorteil. Denn der Mensch trifft in seiner Ganzheit aus Körper, Geist, Seele auch immer auf ein Feld, in dem weitere Faktoren wirken. Im dialogischen Prinzip des Ich und Du (M. Buber) steht der Mensch im Wechselverhältnis zu Anderen, und im Kontakt fließen Bewusstheit/Gewahrsein, Fühlen, Denken, Handeln zusammen und bedingen das gemeinsame Feld.
    In diesem Zusammenhang auf dein Zitat geschaut:
    Wirklich ist, was wirkt.
    Herzliche Grüße, die Muschelfinderin

    Gefällt 3 Personen

  5. mir fällt da Martin Buber ein: „Der Mensch wird am Du zum Ich“.
    Diese Wer-bin-ich Frage taucht wohl in regelmäßigen Abständen auf wenn du reflektierst…ich habe das genannt „wer ist ich“. https://wortwabe.wordpress.com/2014/01/07/wer-ist-ich-2/
    Für mich fühlt es sich so an, dass ich mit mir jemand bin und in der Spiegelung meiner Mitmenschen noch jemand anderes, viele andere. Das finde ich am kompliziertesten 🙂
    Puh, Montag, grau und nieselig, kalt und unwirtlich – kein guter Tag für mich um zu philosophieren.
    Liebe Grüße in den Norden
    Carmen

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, viele andere. Einfluss darauf nehmen kann man eigentlich wenig, weil die „anderen“ halt ihre eigenen Filter haben, an die man nicht rankommt … in der Regel.
      Hier ist es auch grau, nieselig und kalt …
      Liebe Grüße in den Süden
      Christiane

      Gefällt 1 Person

Ja, eben. Und du so?

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