Ausgesetzt

„Ich habe dich beobachtet. Was ist mit dem Korb? Ist er zu schwer? Soll ich dir helfen, ihn hochzuheben?“
Das Mädchen mit den langen, schwarzen Haaren zuckte zusammen. Sie drehte sich zu Mina um, schüttelte den Kopf und rannte weg. Den Korb ließ sie stehen. Erschrocken bemerkte Mina, dass ihr Gesicht verheult war. Sie schätzte sie vielleicht auf 10 oder 11.
„Halt, warte“, rief Mina ihr hinterher, aber natürlich blieb die Lütte nicht stehen. Sie sah ihr hinterher, bis sie ohne anzuhalten im nächsten Seitenweg verschwand, und schüttelte den Kopf. Was war denn da wohl los?

Der Frühling hatte auch in Ohlsdorf, dem riesigen Hamburger Parkfriedhof, Einzug gehalten. Die Gräber ihrer Großeltern mussten wie jedes Jahr für die neue Saison hübsch gemacht und bepflanzt werden. Aber das war zum Glück ziemlich schnell erledigt gewesen. Sie musste nur noch die Armvoll alter Gestecke und Tannenzweige loswerden, die sie jetzt in einen der bereitgestellten Container auf dem Friedhof wuchtete. Der Wind biss in ihr Gesicht und sie rieb sich die kalten Hände. Fertig! Der Nachmittag gehörte ihr. Nichts wie nach Hause ins Warme zu Tee und Büchern und ihrer Arbeit für die Uni!

Der Korb des Mädchens stand immer noch da. Ein brauner, solide geflochtener Picknickkorb mit Henkel, dessen beide Deckel geschlossen waren. Plötzlich hörte sie Geräusche, und einer der Deckel fing an, sich zu heben.
Ein Geist!? Mina starrte den Korb an. Nein. Eine Nase schob sich durch den Spalt, zwei Augen, zwei riesige Ohren, ein dreieckiger Kopf. „Mau“, sagte das Alien vernehmlich und ein wenig kläglich. Eine Katze!

Katze Emma – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

„Kleines, was machst du denn in dem Korb?“ Mina war mit wenigen Schritten bei ihr und griff nach der Katze, die sich gerade aus ihrem Gefängnis herausarbeitete. Ein rotgetigerter Winzling, bestimmt noch keine drei Monate alt. Sie hob sie hoch und steckte sie unter ihre Jacke, um sie vor dem Wind zu schützen. Die Kleine sah sie aus großen vielfarbigen Augen an und nieste. Dann hielt sie mit einer Pfote ihren Zeigefinger fest und begann, daran zu knabbern. Mina grinste. Zärtlich streichelte sie ihr Findelkind unter dem Kinn und hinter den Ohren. Das reckte das Kinn nach oben, kniff die Augen zusammen und fing an zu schnurren, dass sein gesamter Körper bebte. Weiterkraulen!

Mina sah sich nach einer Sitzgelegenheit um, schnappte sich den Korb zur näheren Untersuchung und setzte sich mit dem Katzenbaby, das sich an ihrer Brust in der Jacke ganz kuschelig zu fühlen schien, auf eine Bank. Im Korb lagen eine Decke, eine Handvoll Trockenfutter und ein handgeschriebener Zettel.

 Zettel Emma – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay/ichmeinerselbst

 

Sie heist Emma und sie ist total lieb und richtig schlau.
Papa hat gesagt ich darf sie nicht behalten und wenn er sie findet schmeist er sie aus dem Fenster wie die anderen. ich weis nicht was ich anders machen soll auser sie hier lassen weil hier fiele Mäuse sind. Bitte helfen sie!

 

Mina hatte einen Kloß im Hals. Die hier kriegst du nicht, du Arsch! Jemanden, der kleine Katzen aus dem Fenster warf, würde sie am liebsten hinterherschmeißen, damit er wüsste, wie sich das anfühlt, das hatte sich nicht geändert. Einer ihrer Opas stammte von einem Bauernhof, dort war es auch üblich gewesen, überflüssige Katzen auf eine ähnliche Weise loszuwerden. Aber die waren dann doch viel kleiner, wie er sich vor seiner entsetzten Enkelin verteidigt hatte, die danach für Wochen nicht mehr auf seinem Schoß sitzen wollte und lieber Oma in der Küche half. Mina hatte Katzen immer schon geliebt.

Emma miepte in ihrem Arm, als ob sie fühlte, dass ihre neue Freundin von irgendwas beunruhigt war. Sie strampelte sich frei, machte einen Buckel, streckte sich, stieg elegant in den Korb zurück und fraß das Trockenfutter auf. Anschließend sah sie Mina auffordernd an.

Der war klar, dass sie gerade um den Finger, Pardon, um die Kralle gewickelt wurde und dabei war, diesem zierlichen Wesen zu verfallen. Eine Katze, die alles Wichtige bereits wusste, nämlich wie man Herzen gewinnt. Sie seufzte und gab auf. Eigentlich war es sowieso gar keine Frage gewesen, oder?
„Du kommst mit mir“, entschied sie. Ohlsdorf war als Idee schon okay, es gab dort angeblich so einige wild lebende Katzen, aber so kleine? „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal für dich.“
Sie verschloss den Korb, befestigte ihn sorgfältig auf dem Gepäckträger ihres Fahrrads und brauste davon. Wilhelmina und Emma, das passte doch allein vom Namen her schon super! Ihre WG konnte ein bisschen mehr Frauenpower gut gebrauchen.

Vier Tage später stand der Picknickkorb wieder am selben Platz. Darin lag ein Bild von dem Kätzchen auf einer Couch zwischen lauter Kissen. Und ein Zettel.

Hallo, Prinzessin! Ich wollte nur, dass du weißt, dass Emma jetzt bei mir lebt und dass es ihr gut geht. Ich wohne mit ein paar Leuten zusammen in einer großen Wohnung nicht sehr weit von hier, und die haben gesagt, es ist okay, es gibt genug Platz für sie. Kannst also aufhören, dir Sorgen um Emma zu machen.
Aber wenn eure Mutterkatze nochmal schwanger wird, dann musst du mir versprechen, dass du die Kleinen ins Tierheim bringst. Der Friedhof ist echt nicht der richtige Platz. Oder ihr müsst mit eurer Katze zum Arzt, damit sie keine Kinder mehr bekommen kann. Nimm den Korb wieder mit und pass auf dich auf. Und danke für Emma, du hattest recht, sie ist ein totaler Schatz.

Als Mina wieder zu ihrem Fahrrad kam, war der Korb schon verschwunden. Auf den feuchten Sandboden daneben hatte jemand mit dem Schuh oder so DANKE!!! geschrieben. Mit drei Ausrufezeichen. Mina lächelte glücklich. Sie glaubte, das Mädchen um die Ecke biegen zu sehen, aber sicher war sie nicht.

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Auch diese Geschichte verdankt ihre Idee/ihren Anschub Jutta Reichelt und ihrem neuen Geschichtengenerator. Vielen Dank für den Spaß! :-D

 

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48 Kommentare zu “Ausgesetzt

  1. Liebe Christiane, ich kann mich da nur anschließen: Das ist im allerbesten Sinn eine „schöne Geschichte“! Und dann auch noch die Fotos – klasse! Freue mich sehr, dass auch die neue Generatorversion so gut bei dir angesprungen ist ;)

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  2. Eine feine Geschichte hast Du aus dem Geschichtengenerator gezaubert, eine nach meinem Herzen, wie Du Dir denken kannst.
    Warum war ich denn nicht dort, als sie den Korb da hinstellte?
    Das hätte mir die Entscheidung abgenommen *lächel*

    Der Zettel stammt von Dir? Ich wunderte mich nur, was für eine geniale Schönschrift dieses kleine Mädchen doch hatte *lach*

    Wir wäre es denn ab und zu mit einer kleinen Fortsetzung?
    Du könntest aber auch mal wieder vom Fellträger erzählen…

    LG von mir

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, es gibt viel zu viele ausgesetzte Katzen, und meist nimmt das nicht so ein gutes Ende wie hier, ich weiß. Aber es kann ja auch mal klappen …
      Schön, dass dir die Geschichte gefällt! ;-)
      Liebe Grüße
      Christiane

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  3. Schnurrrrrr ! Ich mag die roten auch sehr <3
    Aber habe ich geträumt oder habe ich beim blitzartigen überfliegen der Kommentare nicht eine von dir geschnittene Version von meinem Foto gesehen ? Das ist verschwunden, würde mich aber interessieren ……

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  4. Pingback: Blut nicht gut | Irgendwas ist immer

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