Blut nicht gut

„Übrigens, ich muss dir etwas sagen“, hatte Sara gemurmelt und Mina in ihr Zimmer gezogen, als sie vom Bahnhof gekommen war. „Geh da jetzt nicht rein, komm erst mal mit.“ Und dann hatte sie ihr was genau erzählt? Dass ihr Mitbewohner, dieser immer leicht blass wirkende John, der Biologie studierte und den Mina eigentlich ganz okay fand, gestern von sich behauptet hatte, ein VAMPIR zu sein? Mina zweifelte an Saras Verstand. Oder an Johns. Na ja, nicht wirklich eigentlich, aber es wusste doch jeder, dass es keine Vampire gab, echt jetzt, oder? Sara war jedenfalls nicht so leicht davon abzubringen gewesen.

Als Mina später in die Wohnküche ging, um sich einen Tee zu kochen, spielte dort John mit Emma. Er hielt das eine Ende einer Paketschnur fest, Emma das andere, sie ließ es los, fing es erneut, biss hinein, verwickelte sich kopfüber darin … was kleine Katzen eben so tun, wenn jemand da ist, der sich mit ihnen beschäftigt. Mina, die sich normalerweise über jeden freute, der ihren Liebling für sich gewann, stach plötzlich der Hafer.
„Moin, John“, sagte sie spontan, „aber nicht, dass ich eines Morgens hier eine kleine blutleere Katzenleiche finde, ja? Oder sind wir jetzt etwa alle in unseren Betten nicht mehr sicher?“
Sie fand sich sehr verwegen. John sah auf und schnaubte.
„An Tieren vergreift sich unsereins nur im äußersten Notfall. Tierblut verträgt unser Organismus nämlich richtig schlecht. Falsche Blutgruppe, ganz falsche Zusammensetzung. Da seid ihr alle viel mehr in Gefahr. Aber tröste dich, es sieht vorerst nicht so aus, als ob ich Nachschubprobleme bekäme.“
„Da bin ich ja beruhigt. Offensichtlich magst du Katzen?“
„Ja, durchaus.“
„Warum hast du dann keine?“
„Sie sterben so schnell.“
„Katzen können zwanzig Jahre alt werden!“
„Sag ich doch.“
Mina sah ihn fassungslos an. Meinte der das ernst? Der meinte es ernst. Oh.

„Wenigstens schreist du nicht und rennst weg wie eine gewisse Dame“, bemerkte er, als ob er ihr Unbehagen gespürt hätte.
„Vielleicht hab ich einfach weniger Phantasie.“
„Und wie äußert sich das?“
Mina überlegte.
„Indem ich einfacher einen auf cool machen kann zum Beispiel.“
„Ach so. Und wieso hast du dann gefragt, ob Emma in Gefahr ist? Es beschäftigt dich doch!“
„Klar, wegen der Kleinen beschäftigt mich zurzeit alles. Aber weißt du, für mich sind Vampire eine Erfindung. Und meistens aus furchtbar schlechten Geschichten, egal, ob es Horrorstories sind oder irgendwelche Kitschfilme, siehe die Sache mit dem Glitzern, und die ist noch harmlos. Da frage ich mich doch viel eher, ob du verrückt bist.“

John konnte ein amüsiertes Grinsen nicht unterdrücken.
„Hey, ich bin an der Uni als sehr seriös verschrien, ja? Na ja, es ist nicht alles falsch, aber auch nicht alles richtig. Die Wissenschaft hat auch Einzug in das Leben der Vampire gehalten. Besonders da. Zeit genug haben wir ja. Wie du siehst, zerfalle ich bei Tageslicht keineswegs zu Staub, aber du wirst mich auch nicht im Hochsommer auf der Straße sehen, wenn ich es irgendwie vermeiden kann.“
„Aber du ernährst dich tatsächlich von Blut? Von Menschenblut?“
Sie konnte nicht fassen, dass sie die Frage wirklich gestellt hatte. Das fühlte sich nun ganz schön schräg an.
„Ja, das hat sich nicht geändert. Nur, dass dieses Blut inzwischen aus Blutspenden stammt und wir dafür bezahlen. Erheblich weniger romantisch, erheblich weniger gewalttätig.“
Wenn das funktionierte, klang es eigentlich ganz logisch. Wie der ganze Mann. Verdammt.
„Dann wüsste ich nur gern, was du hier willst. Denn ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass dir unter deinesgleichen langweilig ist. Es sei denn natürlich, du wärest auf Brautschau oder würdest hier ein Massaker planen.“
Er ließ sich nicht provozieren.
„Du hast aber auch jede Menge Kitsch gelesen und Horrorfilme geguckt, was? Nee, die Wahrheit ist erheblich prosaischer und unerfreulicher, falls es dich interessiert.“
Wenn er schon fragte, würde sie bestimmt nicht ablehnen.
„Da bin ich jetzt aber gespannt.“
„Verglichen mit dem Blut, wovon sich unsereins noch vor 80 Jahren ernährt hat, ist die Qualität der Blutkonserven heutzutage erbärmlich. Inzwischen enthält euer Blut Alkoholrückstände, Nikotin und Medikamente in ungeheuer hohen Konzentrationen. Drogen finden wir von den Auswirkungen her eher witzig, aber das Schlimmste ist nicht HIV oder so was …“ – er machte eine werbewirksame Pause – „sondern das Übermaß an Zucker und Fett! Wenn es uns nicht gelingt, langfristig besseres Blut zu bekommen, werden wir ernsthaft anfällig für Krankheiten. In gewissen Kreisen meiner Leute geht eine leichte Panik um … stell es dir in etwa so vor, als wenn es gleichzeitig Rinderwahnsinn, Schweinepest, Hühnergrippe und Fischsterben gäbe.“

Mina fühlte sich unerwartet auf die biologische Funktion reduziert.
„Oh! Ihr habt also Angst, dass euer Essen verdirbt?“
Interessanter Aspekt, wenn man das so sah. Sie lächelte ein bisschen ungläubig.
John fand das gar nicht witzig.
„Sozusagen. Aber bevor die Menschheit auf diese Tour ihr nicht vorhandenes Vampirproblem löst, bekommt sie erst mal eins, das versichere ich dir.“

 

Vampire – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ich war ja nun mehr als entzückt, dass mir die Schreibanregung des Geschichtengenerators von Jutta Reichelt die Steilvorlage dazu gab, meine Vampirgeschichte mit dem blassen John weiterzuspinnen. John lebt in einer WG, wo er Sara im ersten Teil erzählt hat, dass er ein Vampir ist. Ebenfalls in dieser WG lebt Mina, die eine gewisse Katze namens Emma gerettet hat. Alles klar? 😉

 

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49 Kommentare zu “Blut nicht gut

  1. Ich bin entzückt, liebe Christiane,
    daß Du diese Vampirgeschichte weiterspinnst und dann auch noch so raffiniert mit der Geschichte vom geretteten Kätzchen verbindest.
    Die Betrachtungen zur menschlichen Blutqualität sind einfach KÖSTLICH – obwohl ich nun als langjährige Vegetarierin, Alkoholmeiderin, Nichtraucherin und Blutspenderin vorsichtshalber lieber Vampiren aus dem Weg gehen sollte. Nicht, daß die mich als Leckerbissen wahrnehmen und dann doch mal naschen wollen …
    Muß doch gleich mal meine Knoblauchvorräte überprüfen 😉

    In Vorfreude auf endlose Fortsetzungen –
    Ulrike

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    • Meine Liebe, ich glaube, du bzw. dein Blut stehen auf der Wunschliste von John und seinen Freunden SEHR weit oben 😉 Würdest du erwägen, regelmäßig bei der Vampy-Blutbank ein kleines halbes Literchen Blut abzugeben? Gegen gute Bezahlung?
      (Ach weißt du, nachdem ich Mina UND John in einer WG habe wohnen lassen, dachte ich mir: Warum kann denn das nicht dieselbe sein? Ich weiß sogar ziemlich genau, wo sie liegt.)
      Vergnügte Grüße
      Christiane

      Gefällt 3 Personen

      • Also, wenn man mich charmant darum bittet und sogar dafür bezahlt, wäre ich wohl in Versuchung, bei der Vampy-Blutbank einmal pro Halbjahr ein halbes Literchen Blut zu spenden.
        Mehr dürfte ich nicht, da mein Körpergewicht ohnehin schon an der Untergrenze des erlaubten Mindestgewichts für Blutspender liegt.
        Die WG-Zusammenlegung ist für mich ein typisches Beispiel dafür, daß fiktive Charaktere und Schauplätze sich gewissermaßen verselbständigen und sich hinter dem Rücken des Schriftstellers miteinander verabreden, um dann scheinbar logisch oder praktisch vom Schriftsteller eingearbeitet zu werden.
        Kurz: Das Schreiben schreibt – und wir sortieren dann die Reihenfolge oder die Verknüpfungen …
        Ebenfalls vergnügte Grüße
        Ulrike

        Gefällt 3 Personen

        • Also, was die charmanten Bitten angeht, meint John, wären seine Umgangsformen vielleicht etwas zu ungehobelt, aber er hätte da durchaus jemanden aus seiner Sippe in petto, der dir bei einem auf Wunsch auch repräsentativen Abendessen gern gewisse Konditionen einer Kooperation erläutern würde. Und ich möge dir doch im Vorfeld bitte versichern, dass du lebendig viel wertvoller seist als tot.
          (Ich glaube auch, dass die sich zusammenrotten. Hinter meinem Rücken. Eindeutig. Bin schon gespannt, wer als nächstes einzieht – es ist keine Dreier-WG!)
          Liebe Grüße
          Christiane 😉

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        • Das wäre ja mal ein spannendes Speise-Rendezvous, bei dem mir der vielleicht BLAUBLÜTIGE Herr beim Essen zuschaut, derweil er höchstens etwas rötliches aus einem Glase nippt und mir aus erster Hand lebhaft-elegant die Umgangformen des 18.Jahrhunderts erläutert.
          Könnte er bitte, bitte, bitte auch so ein weißes Schnürhemd tragen (wie Matthew MacFadyen in der Verfilmung von „Stolz & Vorurteil“) – dann schmölze ich dahin …
          Mit verbindlicher Empfehlung 😉
          Ulrike

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        • Ah, ich vergaß. Deine Einschätzung ist halb richtig. Das „Rötliche“ wird durchaus ein Wein allererster Güte sein; der moderne Vampir ist aber durchaus in der Lage, Menschennahrung zu sich zu nehmen, es bedarf allerdings größerer Überwindung, sie schmeckt einfach nicht (also so, als ob wir Gras essen würden. Ich meine Gras, nicht Salat.). Ähnliches gilt für Getränke, trinken ist jedoch leichter. Ich gehe also davon aus, dass er trinken wird, aber nicht essen. Dennoch kannst du davon ausgehen, dass er die Atmosphäre liebt.
          Wünsche bezüglich Optik und Gesprächsstoff werden weitergeleitet.
          Habe die Ehre 😉
          Christiane

          Gefällt 2 Personen

        • Das macht mir echt Spaß hier, allerdings fange ich langsam an, das für wirklich möglich zu halten – (habe ich vielleicht „Gras“ gegessen ?).
          In vorzüglicher Hochachtung
          Deine Dir sehr ergebene, nachtaktive Leserin :mrgreen:
          Ulrike

          Gefällt 2 Personen

        • Ja, das sind die guten Geschichten, die man liest und sich irgendwann fragt: Moment, das könnte doch ….
          (So mag ich Fantasy. Wenn die Grenzen verschwimmen, wird alles möglich. Naja, fast.)
          Dir (irgendwann, mir bald) eine gute Nacht!
          Christiane 😉

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  2. tja, wie könnte es weitergehen, liebe Christiane?
    Ich bin zwar vermutlich die Ängstlichste beim Lesen Deiner Vampy *g*geschichte, aber ich werde dran bleiben und dem John auf die Zähnchen sehen, oder haben die sich etwa schon zurückgebildet, weil er sie ja scheinbar nicht mehr braucht, wo er doch das Blut gleich flüssig geliefert bekommt? Áuf jeden Fall müheloser als früher…aber sie sich alle noch so abmühen mußten, die armen Dinger.
    Wird es vielleicht gar noch eine Liebesgeschichte werden?
    Ich bibbere schon mal ein bissel vorfreudig.

    Wie wäre es, wenn der John plötzlich Appetit auf grünes Gemüse und Himbeerjoghurt bekommen würde oder auf Pasta mit Tomatensoße, wenns denn schon rot sein muß 🙂 ?

    Ach, wie bin ich jetzt gespannt… , hoffentlich kann ich überhaupt schlafen heute nacht… 🙂

    Gute Nacht wünsch ich auf jeden Fall schon mal

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    • Liebe Bruni, das mit den Zähnen ist so eine Frage, die noch eruiert werden muss, ebenso die Sache mit der Liebe, denn eigentlich gefällt John Sara ja ganz gut …
      Nur was das Essen angeht, ist er ganz entschieden: Essen (also alles außer Blut) schmeckt nicht. Er stirbt nicht davon, aber er isst nicht. Trinken ist bisschen angenehmer, wird daher zu sozialen Zwecken eingesetzt, ist aber grundsätzlich auch unnötig.
      Guten Morgen, dir einen guten Tag!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  3. Liebe Christiane, klasse – gefällt mir sehr! Kleiner Tipp zur Frage: Wie kann es weitergehen: Manchmal hilft es sich klarzumachen, dass Geschichten (fast) immer Geschichten von Schwierigkeiten sind, in die jemand gerät oder zu geraten droht. Das ist so, ganz unabhängig davon, ob es eher komödiantisch oder tragisch angelegt ist … Herzliche Grüße!

    Gefällt 1 Person

  4. Wg’s können wirklich abenteuerlich sein… habe mal mit einer Opernsängerin und einem Klarinettisten die Wohnung geteilt… im Nachhinein wäre mir dein Vampir wohl lieber gewesen… freue mich schon auf die Fortsetzung Christiane! LG Rita 😉

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Ja, eben. Und du so?

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