Das Löwentor

„Komm!“ hörte sie eine Stimme. Tief. Grollend. Lockend. Oder war sie nur in ihrem Kopf? Flo hielt sich am Türrahmen des Ateliers fest und spähte durch die offene Tür hinein. Keiner zu sehen. Ganz leise, damit die Dielen nicht knarrten und sie verrieten, schlich sie hinein. Bestimmt sollte sie nicht hier sein.

Wo war Hubert, der alte Mann, der hier oben immer malte und den sie oft abends mit ihrem Vater in der Gaststube beim Wein große Reden schwingen hörte? Egal. Sie sah sich um. Durch das große Fenster fiel Licht auf den abgescheuerten Teppich mit den vielen Farbflecken in der Mitte. An der Wand weggeräumt stand eine Staffelei mit einem Bild. Auf dem Teppich lag ein Buch.

So ein Buch hatte Flo noch nie gesehen. Es war groß und ganz sicher schwer, denn sein Einband war aus dunklem, dickem Leder. Die Ecken waren mit goldenen Ornamenten verziert und zwei Buchschließen hielten es geschlossen. Seltsam, nirgendwo stand ein Titel oder ein Verfasser. Aber in der Mitte des Buchdeckels prangte ein sehr großes rankenartiges Ornament, und darauf war ein fein gearbeiteter Löwenkopf aus Metall, der einen Ring im Maul hielt. Flo hielt den Atem an. Es war so schön!
Sie setzte sich davor auf den Boden und betrachtete das Buch, nicht sicher, was sie jetzt tun sollte. Weglaufen wollte sie nicht, obwohl sie von unten Türenklappen und Rufe hörte, die ihr verrieten, dass ihre Brüder aus der Schule gekommen waren. Bald würde es sicher Essen geben, und dann würde man sie vermissen.
Vorsichtig streckte sie eine Hand aus und strich über eine Ecke. Plötzlich erschrak sie. Unter dem Löwenkopf öffneten sich zwei Augen! Sie sahen ein bisschen wie Katzenaugen aus und strahlten orange. Dann begannen sie, sich hin und her zu bewegen. Sie suchten sie!
Flo machte sich ganz klein. Vielleicht würden die Augen sie ja nicht finden. Gesehen werden war nie gut. Sie wollte nicht wieder Fragen beantworten müssen und Dinge erklären, die sie selbst nicht wusste.

„Hallo!“, sagte die ihr schon bekannte tiefe Stimme in ihrem Kopf. Flo schielte über ihre Knie. Die Augen waren auf sie gerichtet und sahen eigentlich ganz freundlich aus.
„Hallo“, flüsterte sie schüchtern. Sie konnte doch nicht mit einem Buch sprechen! Oder?
„Mach es wie ich. Du kannst auch nur die Antworten denken“, antwortete das Buch sofort. „Ich kann dich hören, wenn du mich direkt dabei anschaust.“
Flo nickte. Und jetzt? Was sollte sie sagen? Schließlich siegte die Neugier.

„Was für eine Art Buch bist du?“ dachte sie schließlich. „Ich habe so etwas wie dich noch nie gesehen.“
„Ah“, sagte das Buch und wirkte unerwartet vorsichtig. „Ich fürchte, ich muss dich etwas fragen, was du komisch finden wirst. Darf ich?“
Flo nickte zögernd.
„Wie sehe ich aus?“ fragte das Buch. „Und wo bin ich?“ Flo guckte erstaunt. „Ich erkläre es dir gleich“, sagte das Buch eilig. „Aber erst du.“
Flo fand es auf einmal gar nicht mehr merkwürdig, sich mit einem Buch mit Katzenaugen zu unterhalten, sondern ziemlich aufregend. Sie richtete sich auf und schlug die Beine unter.
„Also“, sagte sie, „du bist ein dickes, altes Buch mit einem Ledereinband. Du hast einen Löwenkopf mit einem Ring dran auf dem Deckel, und darunter sind deine Augen.“
„Halt“, unterbrach das Buch sie. „Kannst du mich aufschlagen?“
Flo schüttelte den Kopf und fasste an die Seite. „Da sind zwei goldene Buchschließen“, berichtete sie, „die sind aus Metall, und die sind fest zu. Vielleicht mache ich was kaputt, wenn ich versuche, die aufzukriegen. Übrigens siehst du richtig toll aus.“
„Das freut mich“, sagte das Buch und machte irgendwie, dass die Katzenaugen strahlten. „Und du magst Bücher, ja?“
„Oh ja. Ich lese eigentlich die ganze Zeit, wenn ich nicht in der Schule bin oder Mama helfen muss“, sagte sie eifrig. „Ich habe schon ganz viele dicke Bücher gelesen.“

„Flo! Mittagessen!“ rief eine Frauenstimme laut von unten. Flo erstarrte. Mist! Mist! Mist!
„Bist du Flo?“ fragte das Buch. Flo nickte bedrückt.
„Ich hab jetzt keinen Hunger“, rief sie. „Ich esse später was, okay?“
„Ich habe keine Lust auf deine Sonderwünsche, Florentine“, kam prompt von unten die gereizte Antwort. „Du kommst sofort essen! Auf der Stelle!“
Flo seufzte. Warum hatte ihre Mutter sie nicht vergessen? „Als nächstes wird sie was davon erzählen, dass ich mir bloß nichts einbilden soll. Aber für meine Brüder macht sie immer alles extra, das ist total ungerecht! Die dürfen essen, wann sie wollen!“
„Und wenn du nicht gehst?“ fragte das Buch.
„Dann kommt sie mich holen“, antwortete Flo. „Und meckert an mir rum, dass ich kein richtiges Mädchen bin, weil ich nicht bei ihr in der Küche sein und kochen lernen will. Und wenn sie richtig sauer ist, nimmt sie mir die Bücher weg und lässt mich putzen. Ich hasse Putzen! Oder Bügeln! Wenn das bedeutet, ein Mädchen zu sein, wäre ich viel lieber ein Junge geworden!“
„Florentine!“
„Ich geh besser runter“, sagte Flo unglücklich. „Ich komme wieder, sobald ich kann, okay? Bitte bleib hier, ich wäre sonst echt fertig!“
Das Buch lächelte.

Der Abend dämmerte schon, als Flo erneut über das Leder strich. Der Maler war nicht wieder aufgetaucht, und Flo hoffte, dass er bei seiner Freundin war und heute nicht mehr kommen würde. Sofort schlug das Buch die Augen auf und musterte sie.
„Du hast auch schon mal glücklicher ausgesehen. Entschuldige, ich weiß nicht, woher ich den Spruch habe.“
Flo war nicht zum Lachen zumute.
„Was ist los?“, fragte das Buch.
„Es ist so ungerecht! Immer muss ich all das machen, worauf die keine Lust haben. Ich hab nichts dagegen zu helfen, aber ich hab was dagegen, dass es von mir automatisch erwartet wird und mir auch noch Spaß machen soll! Meine Brüder können auch mal einen Teil übernehmen und die sind so ätzend zu mir! Immer ich! Und dann wirft sie mir vor, dass ich nicht normal bin, weil ich mich nicht wie andere Mädchen benehme. Wenn ich ihr aber dann sage, dass die Mädchen in meiner Klasse viel mehr dürfen, sagt sie, dass ich frech und egoistisch bin und ihre Arbeit nicht respektiere. Dabei tu ich das doch. Ich will bloß nicht so werden wie sie.“
Das Buch hörte zu.
„Ich glaube, das ist das Problem, dass ich nicht so bin, wie sie will. Ich wünschte, ich könnte einfach hier weg“, fuhr Flo nach einer Pause fort. „Irgendwo anders hingehen. Dort die Schule fertigmachen und dann was Sinnvolles. Mit Leuten, die mir helfen rauszufinden, wer ich bin und was ich kann. Ist nicht so, dass sie mich hier nicht lieben, ich weiß das, aber ich bin nicht so drauf wie die. Weißt du, ich hab dieses Leben so satt. Manchmal liege ich nachts wach und stelle mir vor, dass ich woanders wäre.“ Sie schwieg und legte das Kinn auf die Knie.
„Wirklich?“ fragte das Buch leise. „Bist du dir ganz sicher?“
Flo nickte.
„Dann“, sagte das Buch leise, „muss ich dir was erklären. Ich bin nämlich überhaupt kein Buch. Ich bin ein Tor. Eins von vielen. Das Löwentor, um genau zu sein. Wer eine große Sehnsucht hat, kann mich finden. Entscheide, ob du durch mich hindurchgehen willst. Wenn du es tust, wird sich alles ändern. Wenn du es nicht tust, bin ich morgen, wenn du aufwachst, nicht mehr da.“
Flo machte große Augen. Dann nickte sie langsam.
„Kann ich … kann ich eine kleine Tasche mit Sachen mitnehmen?“
„Musst du nicht. Alles, was du brauchst, wird da sein. Aber ja, kannst du.“
Flo rannte raus.

Eine knappe Stunde später war sie wieder da und schleppte einen unförmigen Beutel mit.
„Ich habe Angst“, gestand sie.
„Normal“, sagte das Tor. „Aber das Wichtigste ist, dass du willst, dass sich was Grundlegendes in deinem Leben ändert und dass du bereit bist, das Risiko einzugehen.“
Flo atmete tief durch. „Bin ich“, sagte sie. „Was muss ich tun?“
„Mein Löwe trägt einen Ring im Maul, richtig? Mit dem musst du dreimal klopfen und dich dabei darauf konzentrieren, dass sich das Tor öffnen soll. Der Rest ist meine Sache.“
„Okay.“

Flo konzentrierte sich wie sonst vorher höchstens vor einer schwierigen Tanzfigur. Dann griff sie nach dem Ring und ließ ihn wie einen Türklopfer dreimal fallen. Er war unerwartet schwer. Eins. Zwei. Drei. Das Klopfen schallte laut durch das ganze Haus. Plötzlich erstrahlte das ganze Atelier kurz und intensiv in rotem und weißem Licht. Tor und Mädchen verschwanden.

 

Löwentor – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Diese Geschichte hätte es in dieser Form nicht gegeben, wenn ich nicht dieses bezaubernde Bild dazu entdeckt hätte. Vorher war das Tor nämlich nur ein großes, altes Buch mit Messingbeschlägen …

Auch diese Geschichte verdankt ihren Anschub dem Geschichtengenerator von Jutta Reichelt, und zwar dem aktuellen Aufruf. Gegeben waren „Flo“, das „Atelier“ und „Komm!“. Okay, es sind keine Vampire, aber es sieht so aus, als käme ich aus der Fantasy-Ecke so schnell nicht raus … es macht einfach zu viel Spaß. 🙂

Euch einen schönen Sonntag und viel Spaß beim Lesen!

 

 

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48 Kommentare zu “Das Löwentor

  1. Sie gefällt mir sehr, Deine Geschichte.

    Ein altes sprechendes Buch
    Ein mittelkleines Mädchen
    Ein geheimnisvolles Tor

    Was will ich mehr, frage ich mich und schon weiß ich es, liebe Christiane. Ich möchte sie weiterlesen, auch wenn Du sie nicht weiterschreibst…
    Wie das gehen soll? Ich kann sie nicht schreiben, weil es Deine Geschichte ist, das funktioniert einfach nicht.
    Komisch, gelle? Aber das ist so. Das Buch hat es mir eben erzählt.

    Wunderschön geschrieben, spannend und passend für Jugendliche, die sich gerne in Traumwelten flüchten oder Jugendliche, die schon seit langem erwachsen sind und es vergessen, sobald sie in so eine Geschichte hineinwandern.

    Liebe Grüße von mir

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Bruni,
      wie ich freue, dass du das so siehst. Natürlich habe ich mich gefragt, was mit Flo passiert, wenn sie durch dieses Tor geht: wohin kommt sie, bleibt sie vielleicht sogar in der Welt, die sie kennt? Und auch wenn scheinbar „nichts“ passiert, vielleicht ist doch „alles“ passiert, weil „nur“ sie sich verändert/verändert wird? Was ist das Tor? Ist das eine Goldmarie- oder eine Pechmarie-Geschichte? Ja, die kann man weiterspinnen, da bin ich ganz sicher. Und dann … könnte es richtig komplex werden.
      Ich wandere gern in derartige Geschichten hinein, und du offensichtlich auch. Toll.
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

      • *g*, ja, ich mache es auch gerne.
        Im Museum der gestohlenen Erinnerung von Ralf Isau gibt es auch ein solches Tor. Es steht im Pergamon-Museum in Berlin
        und es war ein so tolles geheimnisvolles Geschehen, was sich dann entwickelte, daß ich sehr gerne daran zurückdenke *lächel*
        und jederzeit wieder lesen würde.
        Ich mag alle diese Tore, die in andere Welten führen…

        In diesem Falle denke alles das, was Du da eben geschrieben hast, denn genau das ging mir auch im Kopf herum. Es steckt so viel drin. Ein Riesenpotential, das es wert wäre, ans Licht geführt zu werden.

        LG von mir

        Gefällt 2 Personen

  2. Bei Hubert im Atelier / auf dem alten Teppich kniend und dem Zwiegespräch lauschen von Flo und dem Buch / von den Gedanken und dem Löwentor / ich habe ja den Eindruck das du gerne und dann richtig dich in diese Geschichten schreibst / vielleicht solltest du einfach weiterschreiben / ein dickes Buch in dem man sich in deinen feinen Geschichten aus dem Alltag vergisst / Du Kannst Das Denke ich.
    Mach weiter….

    Gefällt 2 Personen

  3. Wow, eine wirklich schöne Geschichte, die da auf der Suche nach den Vampiren entstanden ist. Ein bisschen gruselig ist sie auch und natürlich ungeheuer romantisch. Durch ein Buch kann man sehr leicht in eine andere Welt eintauchen, und manchmal findet man auch für das richtige Leben dadurch neue Wege. Deine „Flo“ hat den Entschluss gefasst, etwas in ihrem Leben zu verändern, und sie hat den entscheidenden Schritt gewagt. Ziemlich mutig für eine Teenagerin. 🙂
    Klopf, klopf, klopf und weiter so!
    LG – Wolfgang

    Gefällt 1 Person

    • Neeee, wieso auf der Suche nach den Vampiren? Parallelwelten gibt es wie Sand am Meer, und das ist auch gut so … Flo ist/kommt aus/in keine/r Welt, wo es Vampire gibt, das trenne ich :-). Aber schön, dass du die Geschichte magst, und ja, ich fand Flo auch mutig!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

Ja, eben. Und du so?

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