Und nicht einmal die Uhren bleiben stehn …

An der Wand tickte leise die Uhr. Zehn vor elf. Luise saß bei ihrem Vormittagskaffee am Küchentisch und starrte wie betäubt auf die aufgeschlagene Zeitung. Da stand es schwarz auf weiß. SIE war tot. Keine große Sache vielleicht, wenn eine Schauspielerin mit 91 Jahren stirbt, nicht so für Luise.

Geboren wurde sie als Renate Luise Schneider. In jenem Sommer waren Bombennächte in Deutschland noch nicht selbstverständlich häufig, aber Leben war bereits kostbar geworden. So gab ihr die Mutter die Namen von Zweien, die sie vor kurzem im Bombenhagel verloren hatte. Um die Erinnerung wachzuhalten. Ihre Mutter blieb traurig, wenn sie sie ansah, und das kleine Mädchen dachte, sie wäre schuld. Als sie später verstand, dass keiner ihrer Namen wirklich ihr gehörte, fühlte sie sich betrogen. Irritiert. Wer war sie?

Sie war 15einhalb, als sie sich ins Kino schlich und SIE zum ersten Mal sah. Ab heute wird alles anders? Ja, buchstäblich. Nachts schlief sie nicht, lag im Schein einer Kerze wach und starrte grübelnd an die Decke. Sie hatte gefühlt, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmte, und nun wusste sie plötzlich einen Weg. Es war wie eine Befreiung. Am nächsten Tag eröffnete sie ihrer Mutter, dass sie das Elternhaus verlassen und auf die höhere Schule weggehen würde. Und dass alle sie von nun an „Luise“ nennen sollten. Ihre Mutter stimmte befremdet nach langen Wortgefechten zu, dachte aber bei sich, dass das Leben ihrer Ältesten schon die Flausen austreiben würde. Sie irrte sich. Luise hatte im Kino erkannt, was sie von ihren Eltern nicht lernen würde – vorwärts zu schauen.

Ihr Leben verlief nicht gradlinig, aber sie sah nicht zurück. Sie schaffte das Abitur und wollte Kunstlehrerin werden, heiratete aber dann noch während des Studiums und blieb zu Hause. Ein kleines Häuschen im Vorort, ein Garten, in dem sie Gemüse zog. Das erste Kind war ein Sohn, er gedieh gut und erwies sich als fleißig, sehr zur Freude seines Vaters. Die erhoffte Tochter starb kurz nach der Geburt, schwerstbehindert wegen Blutgruppenunverträglichkeit, zu spät erkannt. Jedes weitere Kind ein tödliches Risiko. Luise war untröstlich, ihr Mann niemandem eine Hilfe, auch nicht sich selbst.

Bleierne Tage, graue Zeiten.

Hin und wieder sah sie SIE im Kino, später im Fernsehen, und hielt mit ihr innere Zwiesprache. Das Gefühl der Nähe wich nicht. Feiertage für ihre Seele. SIE war und blieb für sie eine starke, unabhängige Frau, herzlich und wunderschön. Luise verachtete unterwürfig zur Schau getragene Bewunderung, aber sie verbarg eine Mappe im Schrank, in der sie Berichte über SIE sammelte, die sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. Ihr ganzer Stolz war ein Autogramm von IHR, für das sie extra das Fernsehen anschreiben musste, und das sie wie ihren Augapfel hütete.

Sie wurden gemeinsam alt. In Würde. Längst war Luise mehrfache Großmutter, trug ihre weißen Locken ungefärbt und hatte ein künstliches Hüftgelenk. Zuletzt hatte sie vor fünf oder sechs Jahren eine Dokumentation über SIE im Fernsehen gesehen, SIE war mit Mitte 80 nach wie vor eine geistreiche Persönlichkeit und offensichtlich auch von anderen unvergessen. Sie hatte IHR anerkennend zugenickt.

Und nun war SIE tot. Ab heute würde alles anders sein. Irgendwie.

Das Radio fragte, ob denn Liebe Sünde sein könne. Ach Hilde, dachte Luise und stand auf. Die Hüfte schmerzte bei den ersten Schritten, aber das würde vergehen. Den Artikel konnte sie auch später noch aus der Zeitung ausschneiden. Sie machte das Radio aus, zog Schuhe und Mantel an, griff nach ihrer Handtasche und verließ das Haus. Ihr Mann war schon nach dem Frühstück in seiner Werkstatt verschwunden, wo er bestimmt wieder eine alte Uhr oder einen Wecker zum Leben erweckte. Hauptsache, er musste nicht mit Menschen sprechen. Er genügte sich selbst. Seine Leidenschaft gehörte allem, was tickend die Zeit maß.

Im Schaufenster des Blumengeschäfts an der Bushaltestelle musterte sie sich und korrigierte den Sitz ihres Hutes. Eine alte, kerzengerade aufgerichtete Frau mit traurigen Augen auf dem Weg zur Theaterprobe. Sie atmete tief durch.
Jeder hat so seine Träume.

 

Taschenuhr – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

Anmerkungen:

  • Die Titelzeile ist der Schluss eines Gedichtes von Mascha Kaléko, Ein kleiner Mann stirbt (erwähnt hier, bitte nicht zitieren wg. Copyright).
  • Ja, es gibt den Film. Er kam Anfang 1957 in die Kinos.
  • Ja, es gibt die Schauspielerin. Sie ist im letzten Monat gestorben, ich bin sicher, der/die eine oder andere weiß, wen ich meine.
  • Ja, ich habe mit Luises Alter bisschen geschwindelt. Der Film war zwar ab 16 Jahren freigegeben, aber Luise konnte damals maximal 14einhalb sein, vor 1942 gab es keine größeren Luftangriffe auf zivile Ziele … oder?
  • Ja, auch dies ist wieder ein Geschichtengenerator-Beitrag zu Juttas aktuellem Aufruf, dieses Mal habe ich mir aus dem „Fundus“ noch den Satz „Ab heute wird alles anders“ geborgt.

 

Ein schönes Wochenende euch!

 

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76 Kommentare zu “Und nicht einmal die Uhren bleiben stehn …

  1. Liebe Christiane,

    einige Anmerkungen:

    – ich mag Ruth Leuwerik sehr, besonders ihre Stimme.
    – Bombennächte waren NIE selbstverständlich, aber das Leben musste weitergehen
    – Du schreibst: Bombennächte waren selten, aber sie verlor 2 Kinder im Bombenhagel?

    Und ich glaube nicht, das jemand sein Nachgeborenes nach einem Verlust tauft. Namen können niemanden ersetzen. Die tägliche Erinnerung daran wäre mörderisch.

    Nix für ungut.
    Erich

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    • Lieber Erich,
      ich habe mir sagen lassen, dass, als die Bomber jede Nacht kamen (oder fast jede), es vielleicht nicht selbstverständlich, aber doch normal war. Ich rede von 42, da fing es an …
      Ich meinte nicht, dass Luises Mutter zwei Kinder verlor, ich meinte zwei aus ihrer/der älteren Generation, da war ich sprachlich ungenau (aber ich schreibe später, dass Luise die Älteste war).
      Und ich kenne einen Sohn, der nach seinem im Krieg gebliebenen Onkel benannt wurde, Schwachsinn, ich stimme dir 100%ig zu, aber ich glaube nicht, dass das nicht öfter vorkam.
      100 Punkte für Ruth Leuwerick! War die Frage nach dem Film zu leicht? 😀
      Liebe Grüße
      Christiane

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    • Doch, das gibt es, ich bin so eines. Ich wurde nach meiner Tante genannt, die mit 7 Jahren im Krieg an Diphterie starb. Ich sollte wohl nicht ersetzen, aber irgendwie an sie erinnern, nur durch diesen gleichen Vornamen…, den ich bis heute nicht mag…
      Ich besuchte gemeinsam mit meiner Oma oft ihr kleines Grab und immer hielt sie mich sehr liebevoll dabei an ihrer Hand.
      Ich war kein Ersatz, aber ich war da und sie für mich – immer und die liebevollste Großmutter, die sich ein Kind nur wünschen kann.

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      • Namen ist eh so ein Thema, ich glaube, darüber sollte man auch mal was schreiben ….
        Aber bis auf den ungeliebten Namen scheint es bei dir nicht so gewesen zu sein, dass du den Schatten deiner Tante mit dir rumschleppen musstest, oder? Bei meinem Vorbild für diese Geschichte war das wesentlich ärger (arger?) …
        Liebe Grüße
        Christiane

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        • Nein, nein, da gab es keinen Schatten, liebe Christiane.
          Es gab nur die Freude darüber bei meiner Oma, daß Da wieder ein kleines Mädchen war, das gerne an ihrer Hand ging und sie
          war der liebevollste Mensch für mich. Sie spielte so viele Spiele mit mir, sie hatte Zeit, obwohl sie sich die auch nehmen mußte.

          Es ist bei mir nur der Name, den ich nicht mag, weil er zu meiner Person nicht passt, wie ich meine *g*. Aber er führte mich zur Nibelungensage *schmunzel*, was ja wiederum nicht von Übel war…

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        • Ach, wie schön das klingt!
          Ja, die Nibelungensage ist natürlich eine Hausnummer, wie es diese ganze Märchen und Sagen sind. Hast du dir denn dann für dich einen Namen gegeben, den du lieber getragen hättest?
          Liebe Grüße
          Christiane

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  2. … deine Geschichte ist für mich sehr schlüssig und fein charakterisierend erzählt… in der beschriebenen Generation trugen viele Kinder die Namen von geliebten Toten. Ich konnte den Blick von Luises Mutter förmlich sehen… LG vom Blumenkind 😀

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    • Danke, dass du mir bestätigst, dass es nicht so selten war. Dennoch bin ich vollständig Erichs Meinung, dass man damit den Kindern keinen Gefallen getan hat. Als Zweitnamen vielleicht gerade noch …
      Freut mich, dass du mit der Geschichte was anfangen kannst!
      Liebe Grüße
      Christiane

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    • Danke, ich freue mich immer, wenn Leuten einzelne Formulierungen lieben … 🙂
      Weißt du, ich lerne ja gerade das Geschichtenschreiben ein bisschen, erfinde auch mal Personen, die, wie hier, einen festen historischen Rahmen haben. Und da möchte ich natürlich alles so konstruieren, dass es zumindest möglich (wenn vielleicht auch nicht die wahrscheinlichste Möglichkeit) gewesen wäre. Daher ärgert mich das mit diesem einen Jahr. Natürlich kann ich Luise älter aussehend machen, aber das wirkliche schwarze Loch ist die Frage, in welcher Klasse/auf welcher Art Schule sie gewesen sein und unter welchen Umständen sie gelebt haben müsste, um auf die „höhere Schule“ zu wechseln. Wo gab es die 10 Jahre nach dem Krieg für Frauen? Überall? Da hängt meine Geschichte ein bisschen …
      Aber ich genieße andererseits das Herumrecherchieren im Netz …
      Liebe Grüße
      Christiane

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      • Hallo Christiane,
        ja, das verstehe ich – aber solche „logischen“ Löcher finden sich ab und an sogar bei den ganz großen Autoren (mir fällt jetzt kein aktuelles Beispiel ein, aber bei meinen Lektüren bin ich schon das eine oder andere Mal über Zeitsprünge gestolpert etc.)
        Aber das führt ja auch zu der interessanten Frage, die du stellst: Was war für junge Frauen in der Nachkriegszeit möglich? Vor allem: Während des Krieges waren die meisten Frauen ja zur Selbständigkeit „gezwungen“ (meine Großmütter schmissen den Laden alleine, beide hatten Wirtschaften), waren im Grunde zumindest nach außen hin emanzipiert – und dann kamen, wenn überhaupt, die Männer zurück, die meisten auch traumatisiert. Was bedeutete dies auch für die Mädchen, die im oder kurz nach dem Krieg geboren wurden – sie erlebten ja ganz verwirrende Rollenbilder von ihren Eltern. Bin gespannt, was du dazu rausfindest.
        Noch ein Vorschlag: Statt „selbstverständlich“ vielleicht „noch nicht häufig“?
        LG Birgit?

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        • „Noch nicht häufig.“ Viel besser, füge ich ein, ich danke dir.
          Ja, ich hatte auch über die Rolle der Männer nachgedacht und mir Luises Vater als einen dieser Kriegsheimkehrer gedacht, zumindest psychisch schwer versehrt … Das wollte ich dann aber nicht mehr in einen Nebensatz pressen und habe dann nur noch Luises Mann zu einer etwas unglücklichen/unfähigen Figur gemacht … Frauen suchen sich ja oft Männer, die vertraute Muster aufweisen (Frage am Rand, gilt das auch umgekehrt? Ja, oder?).
          Und die toughen Frauen (steht im Duden, unglaublich) habe ich einfach nicht mehr untergebracht, obwohl meine Familiengeschichte dazu durchaus auch was hergibt … Ach.
          Liebe Grüße
          Christiane

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  3. Also für so eine total Unwissende, was Kriegsgeschichten angeht, war ich voll drin in der Story und fand sie sehr schlüssig…als ob das wirklich die Oma von gegenüber so erzählt hätte. Neugierig gemacht hat mich die Formulierung mit dem Mann, der niemandem eine Hilfe war, mich hätte sein Uhrenspleen interessiert und was die 2 solange zusammengehalten hat…
    Jaaa, ich weiß 😉 …bin immer zu gierig, sorry ❤
    Liebe Grüße von
    Andrea

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    • Ach weißt du, ich habe mir den Mann als einen vorgestellt, der mit seinen eigenen Gefühlen, besonders mit Trauer etc. nicht gut klarkam (man KANN es sich nicht vorstellen, aber stell dir vor, du wirst von einem traumatisierten Vater erzogen, der zu viele Menschen sterben sehen hat oder selbst töten musste), und der sich, statt zum Beispiel anzufangen zu trinken und/oder zu prügeln (also nach außen zu gehen), extrem in sich selbst zurückgezogen hat und als Ventil quasi mit „Heilmachen“ angefangen hat, und wenn es nur Wecker waren …
      Was die Ehe angeht, stell dir einfach zwei vor, die versucht haben, miteinander auszukommen, weil sie so geprägt waren, dass Scheidung keine Option war. Da richtet man sich ein. Das kann gut gehen, aber man hört oder liest natürlich fast immer nur von den Fällen, wo es nicht gut ging …
      Liebe Grüße
      Christiane

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    • Ach, ich weiß schon, wie man Sätze zusammenbaut, das ist es nicht. Wovon ich keine Ahnung habe, ist, wie man erzählt, also glaubwürdige Personen schafft und sie so durch einen Text/eine Geschichte lotst, dass sich das hinterher angenehm und nicht zu platt liest. Darin versuche ich mich gerade und finde mich freudig in unbekanntem Gelände unterwegs … deshalb meine Aussage, dass ich übe.
      Du hast bisher von meinen Versuchen relativ wenig gelesen/geliked (das ist eine Feststellung, kein Vorwurf, bitte nicht falsch verstehen), also möchte ich Eigenwerbung betreiben und dir meine Kategorie „Geschichtengenerator“ ans Herz legen. Speziell „Prioritäten“ ist eine Geschichte, von der ich aus Gründen annehme, dass du sie mögen wirst … 🙂
      Liebe Grüße & auch dir ein schönes Wochenende!
      Christiane
      https://365tageasatzaday.wordpress.com/category/texte-skizzen-schreibprojekte/geschichtengenerator/

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      • Danke dir, da werd ich mal quer lesen gehen.
        Eigenwerbung ist doch gut, gerade für die die nicht alles mitbekommen…
        (Keine Sorge ich betrachte das nicht als Vorwurf, ich arbeite dran mich von diesen Scheinverpflichtungen zu lösen, ich war ein paar mal hauchdünn davor, das ganze hier Knall auf Fall zu beenden. Die Lösung ist einfach mal loslassen und wenn wieder Luft da ist, wieder da zu sein, anders geht es nicht.)
        In diesem Sinne auch dir ein schönes Restwochenende.

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        • Stimmt. Wäre schade, wenn du nicht mehr da wärst, da bin ich völlig eigennützig – ich würde dich und deine großartigen Bilder (und nicht zu vergessen die Texte) vermissen. Aber auch ich denke, dass das Offline-Leben Priorität hat, und wenn beides nicht geht, geht es halt nicht.
          Danke fürs Reinschauen und dir einen schönen Fasching … kennen wir hier oben ja nicht, bin auch nicht böse drum.
          Liebe Grüße
          Christiane

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  4. Ich lese deine Geschichten sehr gern, Christiane, auch diese ist gut geschrieben, aber ich hab ein Problem mit dem Charakter deiner Heldin, und sag es dir, weil du ernsthaft suchst. ich verstehe, dass deine Luise ein Problem mit ihrer Identität hat (fühlt sich betrogen, weil sie fremde Namen träg). Mit 15 heftet sie sich an eine andere Existenz, an eine Schauspielerin, die ihr Idol wird, führt aber ein Leben, das gar nichts mit dem Idol zu tun hat und ganz unbedeutend ist (heiraten, ein Kind kriegen, eins stirbt, der Mann interessiert sich für Uhren). . Das Idol ist ein Surrogat für das fehlende Selbstwert-Gefühl. Das wäre für mich das Thema. eine Frau, die alt wird (weiße Locken), ohne zu sich selbst einen Bezug zu haben. Für mich ist es fast krankhaft, in deinem Text aber kommt es rüber, als sei das Leben der Heldin irgendwie gelungen und gerate erst in eine Krise, als das Idol stirbt. Dabei ist ihr ganzes Leben ein Witz, scheinhaft.
    Vielleicht habe ich was falsch verstanden? Nichts für ungut! Liebe Grüße! Gerda

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    • Hm. Liebe Gerda, danke für deine offenen Worte, wirklich. Ich will dir erzählen, wie ich es gemeint habe. Da ist ein Mädchen, die in schwierigen Umständen aufwächst, und deren Eltern sich für sie nicht zum Vorbild eignen. (Was an sich schon mal eine Tragödie ist.) Sie geht in diesen Film, sieht diese Schauspielerin, stellt fest, dass sie so sein will und guckt sich von ihr ab, wie man lebt. Das neugewonnene Wissen reicht dazu, dass sie sich von zu Hause abnabelt und sich auf ihren eigenen (Lebens-) Weg macht, der, wie du beschreibst, à la longue völlig alltäglich ist. Aber dieser Kinobesuch ist eines der wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben, was sie weiß, und deshalb bleibt sie ihr Leben lang dieser Schauspielerin dankbar und bewundernd verbunden und gestattet sich ein kleines „Fan“-Dasein. Luise hat ihr Leben, sie ist nicht unglücklich, sie verwirklicht sich in ihrem bescheidenen Rahmen. Aber da besagte Schauspielerin eine besondere Rolle für sie einnimmt, ist sie entsprechend bestürzt, als sie liest, dass sie gestorben ist.
      Ich finde deine Interpretation total interessant, aber GEMEINT habe ich das nicht, was du beschreibst.
      Herzliche Grüße
      Christiane

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  5. kurz und gut, nachdem ich nun ein wenig durch die Kommis geflogen bin, liebe Christiane, Deine Geschichte liest sich wunderschön und gefällt mir sehr. Die Person der Luise lebt, sie ist nicht hölzern und künstlich, sie ist in Deinem Text sehr präsent.
    Sie nimmt an Präsenz zu, je weiter man liest und am Ende freut man sich, daß sie zur Theaterprobe geht.

    Fast beiläufig kommt ihr Mann wieder ins Spiel, aber so geschickt, daß ich ihn mit Lupe im Auge, (wie heißt dieses spezielle Dings noch genau, das Uhrmacher und Edelsteinprüfer benutzen?), in seinem Bastelkeller sitzen sah.

    Liebe Grüße zur Nacht von Bruni

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  6. Sehr schön! Nicht nur der Text an sich, auch die Idee. Ich weiß nicht ob es irgendwo online eine Fassung davon gibt oder ob du du die Geschichte anderweitig kennst, aber mich erinnert deine Luise (ich kann diese Namensangelegenheit gut verstehen, wie du möglicherweise mitbekommen hast) an Letty aus „Don’t Explain“ von Jewelle Gomez, auch wenn es da nicht der gleiche Konflikt ist, sondern in die Richtung von Gerdas Interpretation geht. Bei Gomez, deren Geschichte in den 50ern spielt, ist die Protagonistin eine schwarze, lesbische Frau, die um Billie Holliday trauert. Ein anderer Konflikt und ein anderer Grund, aber Letty hat in ihrer Trauer und wie sie das fühlt etwas mit Luise gemeinsam, weshalb ich beim Lesen an Letty denken musste (und wahrscheinlich das nächste Mal an deine Luise wenn ich die Geschichte von Letty lese).

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    • Hallo, willkommen auf meinem Blog! Neee, ich kannte die Geschichte nicht in einer anderen Form, oder wenn, dann wäre das so lange her, dass ich mich nicht mehr bewusst dran erinnere. Meine Ursprung war die Namensgleichheit zwischen Luise und der „Königin Luise“ aus dem gleichnamigen Film, um ihn endlich mal zu nennen, und der Idee, dass meine Luise darüber versucht herauszufinden, wer sie ist, aber dann ihre ganz eigenen Schritte im Leben macht – wie es halt sein soll. Und dann flossen viele Faktoren mit ein, gehörte Geschichten, Bekannte etc. Aber wenn meine Geschichte bei dir hängenbleiben sollte, dann wäre ihr Ziel mehr als erfüllt … Vielen Dank!
      Liebe Grüße
      Christiane (ich muss mal zu dir rüberkommen, war bisher nur kurz)

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      • Aus irgendwelchen Gründen spielen sowohl Königin als auch Prinzessin Luise da wo ich wohne (zugezogen) eine nicht kleine Rolle, hier gibt es mehrere nach denen benannte Straßen, aber die Geschichte dazu kenn ich nicht. Jetzt hast du mich neugierig gemacht, muss ich mal recherchieren. 😉

        (In der Schule früher hatte ich übrigens einen Lehrer, der mich immer mit Christiane ansprach – leider inkorrekt, hat mit meinem Namen nichts zu tun -, da ich immer mehr mit den Christians rumhing, denn mit den bei uns eben so inflationär vertretenen Kat(h)rins. Habe ich auch irgendwo einen Post zu, ist aber länger her.)

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  7. Liebe Christiane, auch ich habe diese Geschichte sehr gerne gelesen und die sich anschließenden Fragen und Anmerkungen nicht weniger! Es ist oft so interessant (und hilfreich), zu hören, wie andere Menschen die Geschichten lesen, sich die Figuren vorstellen, die wir im Begriff sind zu entwickeln und gleichzeitg ist es manchmal auch schwierig, weil man manchmal kaum glauben kann, wie unterschiedlich die Geschichten sind, die in den Köpfen der LeserInnen entstehen. Ich bin davon immer wieder aufs Neue verblüfft. Und fand den Austausch hier wirklich sehr gelungen und geglückt.
    Mir gefällt übrigens am besten die „heimliche Mappe“ … Herzliche Grüße und einen schönen Sonntag!

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    • JAAAAA. Ich bin auch sehr verblüfft und sehr erfreut, da gebe ich dir sofort in allen Punkten recht. So soll es sein, so soll es bleiben! (Mist, Ohrwurmalarm.)
      Ich weiß, dass du Details magst, ich war mir nicht sicher, ob dein Herz für die Mappe oder die Uhrmacherlupe schlagen würde – oder für Hilde.
      Liebe Grüße, auch dir einen schönen Sonntag!
      Christiane

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  8. Sie gefällt mir gut deine Geschichte, liebe Schreiberin, sie lässt gut eintauchen und verbreitet eine besondere Atmosphäre. Ich sehe Luise dort stehen mit ihrem künstlichen Hüftgelenk und ihren Träumen.

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  9. Ich denke ja das Geschichten nicht immer wieder mit der Wirklichkeit abgetastet werden sollten / es sagt ja schon der Name / Geschichten. Da ist meiner Meinung nach alles erlaubt / und wenn sich Picasso mit Kafka zum Roten treffen und über die Welt sinnieren / ist das womöglich genauso echt wie es nie stattfand.

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    • Ja, alles ist erlaubt. Unbedingt.
      Ich wollte hier allerdings meine Geschichte so konstruieren, dass sie irgendwie in die Zeit hätte passen können. In diesem Fall hatte ich Spaß daran, rumzurecherchieren und mich zu belesen.
      Was ist Geschichten erfinden doch schön. 🙂

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Ja, eben. Und du so?

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