Aus der Traum

Abgehängt. Emma starrte ihr Handy an. Sie hatte sich ja vieles vorgestellt, aber dass der werte Herr Thomas Michael Alexander offensichtlich kneifen würde, war in ihren kühnsten Träumen nicht vorgekommen. Da telefonierte und mailte sie seit Wochen, ach was, seit Monaten mit ihm, hatte mit ihm Bilder ausgetauscht, mit ihm gelacht, geweint, diskutiert, gestritten und sich versöhnt und sich noch auf ganz andere Dinge am Telefon eingelassen – und dann das.

„Du bist wo? Hier in der Stadt? Heute schon? Entschuldige, das geht mir jetzt gerade zu schnell. Ich melde mich, okay?“

Ein Schlag auf den Kopf war dagegen freundlich. Nicht, dass sie ihm nicht seit Monaten von diesem Seminar erzählte, das am Montag beginnen und drei Tage dauern würde und ihr endlich die unverbindliche Möglichkeit bot, seine Stadt und damit ihn zu besuchen. Nicht, dass er nicht begeistert darauf eingestiegen war und ihr seit Monaten schon vorschwärmte, dass sie sich dann ja endlich kennenlernen könnten. Herausfinden, ob die Chemie auch live stimmen würde, und wie sehr er sich darauf freute. Sie schüttelte den Kopf. Nicht, dass da nicht in ihrem Hinterkopf das Stimmchen gewesen wäre, dass sie hartnäckig an die Sache mit dem Mann fürs Leben erinnerte.

Natürlich hatte sie nicht mit ihm darüber gesprochen. Jedenfalls nicht so. Hatte ihre Ungeduld und ihre überschäumende Vorfreude gezügelt, war klug gewesen wie immer, hatte zurückgesteckt, hatte ihn nicht eingeengt, bis sie sich fast gefesselt gefühlt hatte. Bah! Hatte niemals, niemals gefragt, ob er vielleicht auch Gefühle oder wenigstens Hoffnungen in diese Fernbeziehung – sie nannte es schon Beziehung, er wohl eher nicht – steckte, über die er lieber nicht sprach. Um sie nicht zu enttäuschen, um selbst nicht enttäuscht zu werden. Männer und Gefühle, ein heikles Thema. Okay, sie waren in dieser Hinsicht beide gebrannte Kinder, so viel stand schon mal fest.

Nein, sie hatte ihm nicht gesagt, dass sie schon am Freitagabend statt am Montagmorgen ankommen würde. Das war eine dieser berühmten spontanen Ideen ihrer lebenserfahrenen, älteren Freundin Luise gewesen. „Riskier doch mal was, Emmaschatz, du bist doch viel zu ernst. Entweder er zieht mit oder nicht, aber das Risiko, dass du dich mit dem Kerl in was verrannt hast, besteht doch sowieso. Und Hamburg ist eine tolle Stadt, da kannst du auch allein viel machen, falls nötig.“ Luise hatte gut reden, bei ihr hatte es ja schließlich geklappt mit der Internetbekanntschaft. Ihr Peter war mit fliegenden Fahnen zu ihr übergelaufen, als er ihrer ansichtig geworden war. Seitdem sprach Luise immer öfter davon, vielleicht nach Hamburg ziehen zu wollen.

Erst als sie mechanisch nach einem Taschentuch griff, fiel Emma auf, dass sie heulte. Na, großartig. So hatte sie sich ihren ersten Abend ganz bestimmt vorgestellt. Sie trat an das Fenster ihres Hotelzimmers und blickte über die Dächer hinweg in den Nachthimmel, den gerade bunte Raketen durchzogen, Feuerwerk, das offensichtlich über einem Rummel abgeschossen wurde. Ein hell erleuchtetes Riesenrad drehte sich langsam. Eigentlich schön. Aber wollte sie jetzt noch allein weg? Wo sie doch schon mal hier war? Die Reeperbahn war um die Ecke, so viel wusste sie. Andere Leute würden jetzt rausgehen und so richtig einen draufmachen, um den Frust zu vergessen.

Nein, entschied sie. Nicht allein in der fremden Stadt. Überhaupt war sie eine dieser rechtschaffen langweiligen Personen, die in den Krimis überwiegend als Leiche vorkamen und keinen weiter interessierten. Nicht mal Herrn Thomas Michael Alexander. Sie würde jetzt in die Badewanne steigen, sich weit hinaustreiben lassen und ihre Enttäuschung einfach in heißem Wasser, Wohlgeruch und Wein auflösen. Und das Handy abschalten. Der konnte sie mal! Arschloch! Ist doch wahr!
Es war das Schwerste, was sie seit Langem getan hatte.

Als sie wieder bereit war, sich ihrem Telefon zu stellen, war es schon Samstagmittag. Der Kater am Morgen war beträchtlicher als erwartet ausgefallen, und um ihn zu bekriegen, hatte sie ein ausführliches, ziemlich salzig-fettiges und insgesamt sehr gutes Frühstück genossen und war dann zu Fuß zu einer Hamburg-Erkundung aufgebrochen. Luise hatte ihr von einem Flohmarkt vorgeschwärmt, von dem ein paar ihrer aktuellen Lieblingsstücke stammten. Das Wetter war okay, es war nicht sehr weit und Emma gab innerhalb von zwei Stunden relativ viel Geld für relativ wenige wunderschöne kleine Dinge aus, inklusive einem regenbogenfarben schillernden Loop, dessen Rand genäht werden musste, einem zweisprachigen Gedichtband von Emily Dickinson mit wenigen Unterstreichungen, einer traumhaften Umhängetasche aus Naturleder und einem blauen Glasherz an einer Kette. Fehlte noch ein Hut und eine große Sonnenbrille, und sie würde aussehen wie ein Althippie. Prima.

Sie fühlte sich innerlich gewappnet genug, ihr Handy anzuschalten, aber ganz wohl war ihr nicht dabei.

Sieben – sieben! – Anrufe in Abwesenheit von Herrn Thomas Michael Alexander. Der erste noch gestern Abend, der letzte vor einer Stunde. Es ging ihr schlagartig besser. Und – immerhin – eine SMS. „Liebste Emma, ich bin so ein Idiot. Ich habe doch nicht gemeint, dass ich dich nicht sehen will! Bitte ruf mich zurück, wenn du dies liest, bitte! Dein Tom.“

Die Erleichterung überfiel sie so unvermittelt, das sie fast schon wieder geheult hätte. Das Handy lenkte sie ab, indem es klingelte. Er.

„Ja?“
„Emma? Emma, gottseidank, wo bist du?“
„Ich stehe mitten auf einem Flohmarkt in deiner wunderschönen Stadt.“
Pause.
„Kann ich dich treffen? Emma, ich hab da gestern was gesagt, was ich nicht so gemeint habe. Ich war nur so überrascht, ich bin eigentlich nicht so spontan. Ich könnte jetzt zu dir kommen, wenn du mir sagst, wo du bist.“
„Wenn ich das richtig mitbekommen habe, bin ich auf der Flohschanze.“
„Ha, guter Platz! Warte … siehst du die Straße, wenn du dich umschaust? Wenn du über die Straße gehst, bist du in der Rindermarkthalle, da ist eine Kaffeerösterei, die heißt auch so, die machen guten Kaffee.“
„Ich sehe“, Emma reckte den Hals, „eine Tankstelle. Und rechts dahinter so einen großen Klotz.“
„Genau da musst du hin. Die Rösterei ist gleich neben dem Eingang. Wenn du mir eine halbe Stunde gibst, dann können wir uns dort treffen. Ich bin der Typ mit der Rose und dem Fahrrad.“
„Und ich bin die mit dem bunten Tuch. Bis in einer halben Stunde, Tom.“
„Bis gleich, Emma!“

Ihr Name wie eine Liebkosung, ihr Herz ein einziges „Komm!“. Sie blinzelte in die Sonne und lächelte glücklich. Hatte sie auf der anderen Seite nicht einen Stand gesehen, wo es quietschbunte Fahrradklingeln gab? So viel Zeit war bestimmt noch.
Und überhaupt war Hamburg die schönste Stadt der Welt.

 

Schmuck auf dem Markt – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ich habe nicht zwangsläufig vor (na ja, mal schauen), meine „verpassten“ Beiträge zu Juttas Geschichtengenerator nachzuholen, aber diese Geschichte hält sich jetzt schon seit längerer Zeit in meinem Hirn, also will ich sie auch freilassen. Kommt Zeit, kommt Geschichte … Hier also mein Nachzügler zu Juttas Aufruf zu Emma, dem Flohmarkt und dem magischen „Komm!“

Und ja, die Orte sind real, es gibt besagten Flohmarkt und das Café, und Emma ist offensichtlich zu einer Zeit in der Stadt, wo Dom ist, denn der hat jeden Freitag ein Feuerwerk.

 

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47 Kommentare zu “Aus der Traum

      • Wenn er nicht gar ganz was ekelhaftes wird … Meine Kollegin, die mir in unserem Lehrerzimmer gegenübersitzt, sucht seit einem guten Jahrzehnt einen neuen Mann über so eine Verkuppelungsplattform und ich kenne unendlich viele Geschichten, die sie erlebt hat und dabei kenne ich wahrscheinlich nur eine leicht geschönte Version. Unfassbar was für Leute da herumschleichen …. Gerade habe ich leider keine Zeit um längere Geschichten zu schreiben, aber bei Gelegenheit …

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        • Cool. Eine, wo man Geld für die Mitgliedschaft bezahlt oder eine freie? Ich weiß auch einiges über Dates aus dem Netz, aber hören würde ich deine/ihre Geschichten gern … 🙂
          Liebe Grüße
          Christiane

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  1. Wunderbar liebe Christiane!!!! Achje, ich kenne auch so einen…heisst zwar anders aber hat sich genauso angestellt….wie aus dem Leben…warum macht frau sich eigentlich soviel Gedanken über das Seelenleben des Mannes?!? Aber es gibt ja in deiner Geschichte den Hoffnungsschimmer…er hats ja noch gemerkt dass er sich idiotisch verhalten hat. Tolle Geschichte…nein…siehe oben: supertoll!!! Liebe Grüße heute mal aus der Schweiz Carmen

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  2. Die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende, jetzt kommt ja das von Angesicht zu Angesicht .Spinnst Du sie weiter für uns? Mir ist aber nach Happyend, es ist doch Frühling!
    Mir gefallen Deine Geschichten , weil ziemlich nah am Leben -.))

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    • Neeee, ich hätte gern, dass alles offen bleibt. Weil, wenn sie sich dann sehen und doof finden, dann mag ich das gerade nicht schreiben, und wenn alles schick ist, dann wird es Kitsch 😉
      Wie auch immer: liebe Grüße aus dem sonnigen Hamburg an dich!
      Christiane

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  3. Gut, also mit open end , aber das kannst Du ja auch noch ausschmücken und happy end jetzt ist nicht immer Kitsch, denn beim vorläufigen fängt es ja erst an mit dem Zusammenraufen in einer Beziehung an…ein weites Feld -:)))
    Du weißt doch: irgendwas ist immer -:))))

    Lieber Gruß an Dich, hier graut es sich leider zu.
    Karin

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  4. Liebe Christiane, schließe mich sehr gerne den begeisterten Vorrednerinnen an – sehr schöne Geschichte und: nicht jede positive Wendung (und erstaunlicherweise noch nicht mal jedes Happy End) ist kitschig 😉 Ich grüße dich sehr herzlich!

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    • Liebe Jutta, ich frage mich, was „kitschig“ ist. Ist das einfach ein Übermaß an Zuckerguss, heile Welt (ist die das je?) – was ist das?
      Ich wünsche mir gut ausgehende Geschichten, Geschichten, die mich mit einem Lächeln, einer (positiven) Perspektive, einem Hoffnungsschimmer hinterlassen, denn von den anderen gibt es zu viele. Aber ich habe immer Bedenken, zu dick aufzutragen und irgendwie über die Stränge zu schlagen. Gibt es eine Antwort auf die Kitsch-Frage, oder ist das alles subjektiv?
      Herzliche Grüße zurück
      Christiane

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      • Nein, es ist sicherlich nicht vollständig subjektiv: Es gibt Texte oder Produkte, da wird man mit relativ vielen Menschen Einigkeit darüber erzielen können, dass etwas „kitschig“ ist – oder auch nicht. Aber nicht mit allen und nicht in allen Fällen 😉
        Wenn man darüber nachdenkt, wird es schnell kompliziert, aber zur ersten Orientierung können die Fragen helfen: Gaukelt der Text eine heile Welt vor? Reduziert er die Komplexität so, dass alles ganz eindeutig und einfach erscheint?
        An deinem Text kann man eigentlich recht gut zeigen, was Kitsch (nicht) ist: Die gute Wendung am Ende ist deswegen (und solange) kein Kitsch, weil sie nicht behauptet, mit der Überwindung dieses Problems sei für immer und alle Zeiten alles gut. Wir wissen nicht, wie es weitergeht, wie wissen nur, dass die beiden sich aus einer ersten Sackgasse befreit haben – das reicht noch nicht … Für Kitsch braucht es noch etwas mehr „Süße“. Ich glaube, ich schreibe dazu demnächst einen kleinen Post 😉

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        • Uff. Du sprichst mir aus der Seele, denn so empfinde ich das auch, und genau in dem Rahmen versuche ich mich zu halten: Es ist nicht für immer und alle Zeiten alles gut, es ist nicht alles easy und simpel, es sind nur ein paar Entscheidungen gefallen, die ein (von mir so empfundenes) positives Weitergehen ermöglichen. Danke.
          Auf deinen Post dazu freue ich mich schon mal vor! 😉

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  5. Deiner Geschichte fehlt nichts, liebe Christiane.
    Sie beginnt gut, frau kann sich vorstellen, daß die Internetbekanntschaft leicht zurückschreckt, so vor die vollendete Tatsache gestellt und Emma schaltet total gefrustet, ihr Handy ab.
    Alles ist stimmig, alles läuft wie geschmiert.
    Die Flohmarkteinkäufe so, wie sie bei mir auch sein könnten 🙂 Dann das Besinnen, wo ist mein Handy.
    Und das Wiedereinschalten desselben.
    Das Lesen der frohen Botschaft und das folgende freudige Erwarten. Alles passt und gefällt mir.
    Eine Fortsetzung könnte spannend sein, ist aber nicht notwendig in meinen Augen.
    Ich habe doch hier das Happy End, was will ich mehr?

    Aber lass Dich nicht abhalten, liebe Christiane, mich würde es freuen, den Mann mit der Rose kennenzulernen, aber dann hätte ich es gerne so richtig kitschig und romantisch *lach*, was ich jetzt ganz und gar nicht vermisse, weil alles fein und richtig dosiert ist.

    Liebe Abendgrüße von Bruni

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  6. Zu später Stunde, habe ich noch „nachgelesen“. Ich möchte auch gerne wissen, wie es weitergeht, auch wenn ich offene Enden durchaus gut finde, deine Fortsetzung würde ich gespannt lesen. Liebe Grüße, du Schreiberin 🙂

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  7. Pingback: What a wonderful world | Irgendwas ist immer

Ja, eben. Und du so?

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