Mutter schmeißt den Laden

Luise stand herum und fühlte sich deplatziert und ein bisschen angetütert. Nicht, dass der Abend bisher nicht angenehm gewesen wäre und das Büffet bestimmt großartig sein würde, schließlich war die Location ja eine Kantine, deren Innenarchitekt schon Preise gewonnen hatte, nicht wahr? Die Lichtführung jedenfalls war aller Ehren wert, nach dem, was sie sah. Ihr verstorbener Mann war Elektromeister gewesen und Licht eines seiner Hobbys.

Also, nicht dass sie ihrer nach Höherem strebenden Tochter die Ehrung nicht gönnte. Aber ob sie, Luise, wirklich hierhin gehörte, unter all die Feingeister aus dem Verlag, die ihre Tochter „Kollegen“ nannte, das bezweifelte sie insgeheim dann doch. Die junge Frau, die sich während der offiziellen Feier so nett um sie gekümmert hatte, war ihr irgendwo abhanden gekommen, vermutlich fand sie sie zu langweilig. Menschen standen in Grüppchen zusammen, tranken und talkten. Luise sah sich suchend um. Wo war denn ihre Tochter geblieben? Sie hatte sie vorhin doch sogar ihrem Chef vorgestellt. Hm. Ob es ihr auffiel, wenn sie verschwand?

„Mama, was stehst du denn hier so allein herum?“ Da war ihre Tochter und wollte ihr ein weiteres Glas Sekt in die Hand drücken.
„Danke, Kind, aber ich brauche etwas zu essen, sonst merke ich den Alkohol zu sehr“, wehrte Luise ab. „Du weißt doch, Sekt.“ Sandra nickte gehorsam.
„Geht ja auch gleich los. Ach, wenn doch nur Papa hier sein könnte“, sagte sie.
Huch?
„Ist etwas passiert?“ fragte Luise vorsichtshalber.

Das Problem war, wie sich sehr schnell herausstellte, die ausgefallene Beleuchtung in der Ecke, wo gegessen werden sollte. Sandra, die ungern etwas dem Zufall überließ und sich für alles verantwortlich fühlte, nahm diese unverhoffte Misslichkeit persönlich. Und natürlich war um diese Uhrzeit weit und breit kein Hausmeister aufzutreiben.

Endlich ein handfestes Problem. „Ich seh mir das mal an. Wo ist der Sicherungskasten?“ fragte die Frau des Elektrikers.
„Im Treppenhaus. Mama! Und wenn dir was passiert?“
Aber Luise war schon unterwegs.

Am Sicherungskasten lauerte ein Kantinenmitarbeiter, der bisher nichts weiter getan hatte, als zu versuchen, die herausgeflogene Sicherung wieder reinzudrücken, was diese nicht zuließ.
„Es gab hier neulich schon Probleme nach dem Unwetter, wissen Sie?“, sagte er düster. „Ich glaube nicht, dass es die Sicherung ist. Vielleicht gibt es hier irgendwo einen Kurzschluss. Da können wir uns tot suchen.“ Luise gab ihm im Stillen recht. Trotzdem griff sie nach der herumstehenden Taschenlampe.
„Was suchen Sie?“
„Die Zuleitung für die ausgefallene Beleuchtung da oben.“
„Als die Elektriker das letzte Mal hier waren, waren sie dort über der Tür zugange. Vielleicht fangen Sie dort am besten an.“ Er zeigte nach draußen. „Warten Sie, wenn Sie was sehen wollen, brauchen Sie eine Leiter.“

Ich bin verrückt, dachte Luise, als sie ihr Hütchen absetzte und aus ihren Pumps schlüpfte, die für das Klettern auf eine Leiter nun wirklich völlig ungeeignet waren. Ach, egal. Oben sah sie sich dann tatsächlich einer Verteilerdose gegenüber, die auch schon bessere Tage gekannt hatte und deren Deckel ihr nach ein wenig Rütteln entgegenfiel.

„Oh“, sagte sie.
„Ja?“
„Junger Mann …“
„Frank.“
„Frank, können Sie die Taschenlampe halten? Und gleichzeitig aufpassen, dass keiner an den Sicherungskasten geht, damit ich hier nicht tot herunterfalle? Hier ist etwas gar nicht in Ordnung.“ Der nickte.
„Und in meiner Handtasche muss ein Schweizer Messer sein. Geben Sie mir das mal.“
Eins musste man ihm lassen, er zickte nicht rum und versuchte nicht, sie davon abzubringen. Da war sie von ihrer Tochter Schlimmeres gewohnt.
„Können Sie das denn?“ versicherte er sich etwas lahm.
„Natürlich kann ich das!“ antwortete Luise und griff nach dem Offiziersmesser. Bloß Tatsachen schaffen, bevor ihm einfiel, dass er garantiert keinen Betriebsfremden an die Elektrik lassen durfte. Schon gar nicht eine ältere Dame ohne Hut mit Sekt intus.

Schweizer Offiziersmesser enthalten eine Menge nützliche Dinge. Viele Leute benutzen höchstens noch den Korkenzieher oder den Flaschenöffner, aber, wie Luise sehr genau wusste, gehörte zum Funktionsumfang ihres Messers auch noch ein Drahtabisolierer, eine Kombizange und mehrere Schraubenzieher. Fix beseitigte sie verschmorte Drähte, isolierte Adern neu ab, die zum Glück gerade noch lang genug waren, verband sie über die Klemmleiste neu und schraubte alles gut fest. Gelernt war schließlich gelernt. Ihr Mann hatte ihr vieles beibringen können und hatte ihr schließlich das Messer geschenkt. Man wusste ja nie.

Inzwischen umstand ein Pulk Menschen die Leiter, ganz nah bei ihr ihre aufgeregte Tochter. Als Luise die Arme sinken ließ und „Fertig, Frank“ sagte, reckte sie ihr die Hand entgegen, um ihren Abstieg von der Leiter zu sichern. Frank wartete, bis sie sicheren Boden unter den Füßen hatte, und betätigte die Sicherung. Es flackerte und wurde Licht.

„Aaaaaah“, erklang es andächtig aus der Menge. Jemand begann übermütig zu applaudieren, die anderen fielen ein. Luise lächelte, schlüpfte wieder in ihre Schuhe und rückte ihren Hut zurecht.
„Sandra, ich könnte jetzt doch was zu trinken vertragen“, sagte sie schlicht. „Außerdem habe ich Hunger.“

 

Kabel – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kinder! Zu Hause nicht nachmachen! :-D Ich hoffe doch sehr, dass diese Geschichte NICHT so in der deutschen Realität vorkommen kann, sondern nur meinem Kopf für Juttas Geschichtengenerator entschlüpfen durfte. Gegeben waren dieses Mal: Luise, Kantine und „Natürlich kann ich das!“

 

75 Kommentare zu “Mutter schmeißt den Laden

  1. Am Anfang dachte ich, wieder eine solche Geschichte mit einer abgefackten Alten (pardon), um so mehr freute ich mich, dass du sie in eine tatkräftige Handwerkerin verwandeltest, die den kleinen Frank zum Handlanger degradierte, anstatt, wie sonst oft üblich, die Frau zur „reich mir mal dies, reich mir mal das“ und schließlich zur applaudierenden besseren Hälfte der Mannes zu machen.

    Gefällt 4 Personen

      • Komm, jetzt bist du ungerecht. Die Tochter ist keine Elektrikerin, sie ist auf einem anderen Sektor spezialisiert, und da steht sie durchaus „ihren Mann“ (pfui, immer noch dieser gemeine Ausdruck).

        Gefällt 1 Person

        • Da hat die Mutter vermutlich auch ihren Teil dazu beigetragen. (oder die Geschichte ist in dem Punkt nicht stimmig. Die Tochter könnte gleich die Mutter rufen, da sie ihre Expertise kennt, und Mutter und Tochter wären stolz aufeinander). Liebe Abendgrüße! Gerda

          Gefällt 1 Person

        • Ich stelle mir die Tochter als eine vor, die der Meinung ist, dass es „Männerdinge“ gibt (z. B. Handwerk, Elektrik) und der es eigentlich bisschen peinlich ist, dass ihre Mutter von sowas Ahnung hat bzw. sie gar nicht glaubt, dass ihre Mutter so gut wie der Vater sein kann. Vielleicht auch noch ein Anflug von Standesdünkel, schließlich ist sie eine Kopfarbeiterin und keine Handarbeiterin. Du hast ganz sicher recht, dass so eine Haltung eine Vorgeschichte haben muss, und dass meine Luise daran nicht unbeteiligt sein kann, aber nachgedacht habe ich darüber nicht.
          Liebe Grüße
          Christiane

          Gefällt 1 Person

  2. Das ist ein prima Montagmorgen einstieg. Ach, ich höre so gern Geschichten, die mich auf eine andere Ebene tragen. Danke für diesen wohl tuenden Flug.
    LG. Monika

    Gefällt 1 Person

  3. hach, voller Ehrfurcht sehe ich Luise auf der Leiter zu!
    Und Ehrfurcht verspüre ich gleich auch noch vor der Schreiberin *schmunzel*.
    Bei uns ist es umgekehrt, die Tochter tut und kann , oh Wunder, und die Mutter kann DAS nicht, dafür anderes… *hüstel*

    Eine feine Luisegeschichte mit Pepp und Hütchen.
    Gefällt mir, liebe Christiane!

    Gefällt 2 Personen

    • Ich kenne solche Konstellationen auch. Wenn man sich mit seinen Gaben gegenseitig wertschätzt, ist ja alles bestens. Schlimm ist nur, dass das gerade in Familien oft nicht passiert …
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  4. Als älteres Semester musste ich sehr schmunzeln ob dieser Story. Doch vor Elektrik und Schweizer Messern habe ich einen Heidenrespekt, deswegen meine Hochachtung vor der tatendurstigen Luise.
    Im übrigen kann Frau wunderbar in dem Alter anlässlich solcher Events mit jungen Männern scharmunzieren, die genießen das, weil sie sich sicher fühlen 😊.
    Ich mag Deine Geschichten! Lieber Gruß von mir an Dich.

    Gefällt 1 Person

    • Na ja, meine Luise war eher genervt als dass sie scharmunzieren (tolles Wort!) wollte, da kam ihr die Gelegenheit zu was Handfestem gerade recht :-)
      Freue mich, dass du die Geschichte magst!
      Liebe Grüße zurück
      Christiane

      Liken

  5. Liebe Christiane, möchte dir gerne eine mail schicken, kriege aber immer eine Fehlermeldung, hast Du noch eine andere Adresse als die in Deinem Impressum? Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

  6. Also Juttas Generator schlägt echt überall Wellen, dolle Sache. Und die Geschichte fand ich richtig gut. Hat mich an ein kürzlich gehörtes Hörspiel erinnert. „Mehr Zeit mit Horst“ – finde das total ausbaufähig, also deine Geschichte mein ich.

    Gefällt 1 Person

  7. Gefällt mir! Und lässt mich wehmütig an mein einst auf einer Tiroler Bank vergessenes, geliebtes Schweizer Messer erinnern…

    Gefällt 1 Person

  8. Pingback: What a wonderful world | Irgendwas ist immer

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.