Wirklicher Reichtum

Man hat mich gefragt, ob ich bei der Beerdigung ein paar Worte sagen wollen würde. Eigentlich ist das ja mein schlimmster Albtraum, öffentlich sprechen. Andererseits wird da ein sehr überschaubarer Kreis an Leuten sein, und bisher will keinen einen Trauerredner, der den Verstorbenen gar nicht gekannt hat.

Ich suche also nach einem Zitat, mit dem ich anfangen könnte, und da besagter verstorbener Freund es mit der Bibel nicht so hatte, fiel mir ein Zen-Spruch ein, den er zu verschiedenen Gelegenheiten zitiert hat: „Großvater tot, Vater tot, Sohn tot.“ Wenn man dazu das Netz durchsucht, gibt es dazu nicht viel an Erklärung. Auf Englisch allerdings gibt es bisschen mehr, und da heißt das dann „Grandfather dies, Father dies, Son dies.“ Okay, selbst da gibt es verschiedene Varianten, wer nun alles gestorben ist, aber man scheint sich sicher zu sein, dass es eine Zen-Geschichte ist, ich habe eine Zuschreibung zu Sengai gefunden (kann mir jemand sagen, ob die stimmen könnte?) und eine Geschichte, die so oder in ähnlicher Form erzählt wird:

„Ein reicher Händler bat Meister Sengai um einen Segensspruch, der dazu beitragen würde, den Reichtum und das Glück seiner Familie zu bewahren. Der Meister nahm Pinsel und Tinte und schrieb:

Großvater stirbt
Vater stirbt
Sohn stirbt

Der Händler war verärgert. ‚Was für einen bösen Spruch verhängst du da gegen meine Familie?‘ wollte er von Sengai wissen.

‚Das ist kein böser Spruch‘, sagte Sengai, ’sondern ein Segenswunsch für dein größtes Glück. Ich wünsche, dass jeder Mann deiner Familie lang genug leben soll, um Großvater zu werden. Und ich wünsche, dass kein Sohn vor seinem Vater sterben soll. Welch größeres Glück als zu leben und zu sterben in dieser Reihenfolge kann sich eine Familie wünschen?'“ (Meine (etwas freie) Übersetzung, Original hier, scheint Inhalt eines Buches zu sein.)

Nur, verdammt, passt der Spruch nicht auf ihn, den Gestorbenen, in dem Sinne, dass er trösten könnte. Und die Geschichte mit den drei Dingen, die jeder Mann zu tun habe, auch nicht. Ich glaube, ich will doch nichts sagen.

Wie es mir geht? Ach. Ich würde Trauer gern mit einer frischen Zahnlücke vergleichen: Etwas fehlt, und man ist irgendwie ständig bewusst oder unbewusst mit der Zunge dran, erinnert sich und jedes Mal durchzuckt einen der Schmerz. Mal weniger, mal mehr. Und es gibt nichts, was man dagegen tun kann.
Irgendwann wird es besser, ja.

Sengai war auch Maler, übrigens. Und dies ist sein meditierender Frosch 😉

 


Dieses Bild ist Public Domain.
Quelle: http://www.wikiart.org/en/sengai/meditating-frog

 

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36 Kommentare zu “Wirklicher Reichtum

  1. Ja, wie eine Zahnlücke, da fehlt etwas und es tut weh, wie sollte es nicht weh tun. Die Traurigkeit zu fühlen, zeigt, wie wichtig dir der Mensch war.
    Ich mag deinen Vergleich mit der Zahnlücke.
    Ich empfinde es als ein wertvolles Geschenk, bei einer Abschiedsfeier Worte zu dem Verstorbenen zu sagen.

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  2. Eine schöne Zen-Geschichte, aber besonders tröstlich ist sie für westliche Menschen wohl nicht, und wenn sie obendrein nicht passt ……
    Trauerfeiern für nicht-religiöse Menschen sind einerseits schwierig, andererseits kann man sie wirklich so gestalten, wie man meint, dass der Verstorbene es gerne gehabt hätte. Ich war einmal bei einer dabei, bei der am offenen Grab Saxofon gespielt wurde, sehr heitere, beschwingte Stücke und es hat wunderbar gepasst.

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  3. Liebe Christiane, brauchst Du denn überhaupt eine Zen-Geschichte? Ich denke, Du findest schöne(re), passende(re) eigene Worte. Vielleicht gibt es ja eine Geschichte, ein Erlebnis, das Du mit ihm erinnerst, was Du mit den anderen teilen kannst. Vor anderen sprechen finde ich auch nicht leicht.
    Alles Liebe und einen schönen Tag für Dich.

    Gefällt 4 Personen

    • Nein, ich bräuchte die Zen-Geschichte nicht. Aber ER hatte eine Verbindung zum Zen. Es würde zu ihm passen. Und ansonsten hast du natürlich recht: Ich müsste/würde auf irgendein Erlebnis ausweichen. Ach, mal schauen. Danke!
      Liebe Grüße
      Christiane

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  4. Ich fände es schade, wenn dein Freund ginge ohne ein Wort des Abschieds. Ich habe vor der Trauerfeier meiner Mutter auch lange mit mir gerungen, ob ich etwas zu ihr sagen soll. Dann ist mir auf der Zugfahrt Tucholskys „Mutters Hände“ in den Sinn gekommen. Das hab ich vorgetragen und ich fand es sehr persönlich und besser als alles, was ich mir hätte audenken können.

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  5. Stimmt, das passt nicht, es braucht zu viele Erklärungen. Vielleicht erzählst du wie und was er für dich war?
    Ich stelle es mir schweirig vor eine Trauerrede zu halten, ich könnte es wohl eher nicht, weil ich so nah am Wasser gebaut habe.
    Herzlich haltende Grüße
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  6. Darf ich Dir ein Gedicht zum Verlesen anbieten? Es ist von Su Schi 1036-1101 übersetzt von Eich und ich habe es der Anthologie Lyrik des Ostens aus dem Deutschen Bücherbund von 1965 entnommen:

    Verwehendes Nichts:

    Die Spinne, die am bemalten Vordach ihr Netz webt,

    Die Brücke über die Milchstrasse, von Elstern gebaut,

    Die staubbefleckten Blätter des Oelbaums im Regen,

    Die reifbeflogenen Zweige der Weiden im Wind,

    Der Rest von gefrorenen Tautropfen zur Morgenröte,

    Verbleichendes Sternenlicht am blauen Gewölbe des Himmels,

    Verwehendes Nichts

    Und fester doch als der flüchtige Ruhm.

    Verwehendes Nichts:

    Die Blüte, die davonfliegt und den Boden nicht mehr berührt,

    Der Regenbogen, der wie eine Brücke sich wölbt,

    Im Traum geschaute Wolken übereinander geschichtet,

    Im leeren Raume tausendfädig Altweibersommer,

    Fata morgana hoch über dem grünen Meer,

    Schriftzeichen, von Wildgänsen in den karmesinroten Himmel

    geschrieben,

    Verwehendes Nichts

    Und fester doch als Leben des Menschen.

    Verwehendes Nichts:

    Der Sturm, der kalt über den Schaum der Wogen dahinfährt,

    Ein Frühjahrsgewässer, das die Eisbrücke taut,

    Die zögernd wie in Fäden herabfallenden Tropfen,

    Der raschelnde Ton des Laubes, das niedersinkt,

    Die Spur der Regentropfen auf dem Wasser des Flusses,

    Die bunten Wolken, vom Wind getrieben am blauen Gewölbe

    des Himmels –

    Verwehendes Nichts

    Und fester doch als Reichtum und Ehre.

    Du wirst sehr viel Kraft brauchen; ich habe meine Tochter im letzten Jahr bei der Trauerfeier für ihren Vater bewundert, dass sie eine so berührende Rede halten konnte.

    Ich denke sehr an Dich in diesen Tagen. Sei lieb gegrüßt
    Karin

    Gefällt 2 Personen

  7. Wirklicher Reichtum. Davon schrub ich schon eben. Ich habe keinen Rat für Sie, könnte nur wieder von meiner blumensprachigen Art erzählen, mit solcher Trauer umzugehen. Was hat Sie beide verbunden? Ein ganz besonderes Erlebnis, ein intensiv geteilter Moment? Erzählen Sie davon beim Abschiednehmen. Oder sagen Sie etwas, was Sie ihm zu sagen versäumten. Ich bin sicher, Sie entscheiden sich richtig.

    Ganz viel Kraft wünsche ich Ihnen und dass der Schmerz gleichmäßig wird, Ihre Käthe, zugetan.

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    • Man hat mich vorhin informiert, dass doch jemand anders sprechen wird. Also kann und werde ich mir den Raum nehmen, den ich für mich und meinen Abschied brauche. Auch okay.
      Was uns verbunden hat, liebe Käthe, waren 22einhalb Jahre Liebe und Freundschaft. Wir waren eine lange Zeit miteinander unterwegs und waren besonders füreinander.
      Danke für den Wunsch nach der ruhigen Gefühlssee, vorläufig sind nach wie vor eher heftige Sturmböen zu vermelden …
      Christiane

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      • Zweiundzwanzigeinhalb…
        Liebe Christiane, ich wünsche Ihnen aufrichtig kleine Erinnerungsrettungsanker, die Ihnen bei den natürlichen Gefühlsstürmen Halt geben können.
        Es ist ein abgrundtiefer Verlust, der wohl nie ganz wieder aufgefüllt werden wird, so viele Lebenskiesel müßten noch versanden dafür…

        Alles Liebe von hier, ich kann es Ihnen nun nachfühlen.

        Gefällt 1 Person

Ja, eben. Und du so?

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