Glück, ein unglückloser Zustand

Irgendwas ist immer. Diesen Stoßseufzer, den ich mir eigentlich als positives und nur maximal leicht resigniertes Blogmotto und Schreibaufforderung (an mich) auserkoren habe, kann man natürlich auch als Aufforderung zum Bruddeln (wie die Schwaben das nennen, wenn ich das richtig verstanden habe, hier nachlesen, großartig) nehmen: Irgendwas passt schließlich immer nicht.

Nun bin ich ganz sicher nicht die Richtige, irgendwas Endgültiges darüber zu sagen, wie Schwaben etwas meinen. Und dass mit Fremden anders gesprochen wird als mit Einheimischen ist eh klar, das handhabt jeder Landstrich so. Noch dazu bin ich mentalitätsmäßig eindeutig norddeutsch und nicht mal „reigschmeckt“.
Wenn aber die einzige erlaubte Äußerung eine Form von Kritik ist, da man nämlich nicht laut lobt („Nix gschwäddzd isch gnuag globd“ = „Kein Kommentar ist Lob genug“), dann zerbreche ich mir über die dahinterstehende Mentalität allerdings den Kopf. Im Ländle soll das ein überaus verbreiteter Ausspruch sein! Wie soll mensch aber dann Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten oder sogar Stolz auf eigenes Können entwickeln, wenn der Standard (!) ist, dass an allem mehr oder weniger ausführlich herumgekrittelt wird? Jeder, der das während seiner Erziehung verinnerlicht hat, muss doch quasi bei jedem „Hey, toll!“ denken, dass der andere ihn zuschleimt, oder sehe ich da was falsch?

Bescheidenheit ist ganz sicher eine Zier. Aber wenn man nie ein Gefühl dafür entwickeln durfte, was das, was man tut, wert ist, dann hat man keine innere Basis für Bescheidenheit, dann ist man einfach nur abhängig davon, dass jemand nichts sagt und gnädig nickt. Muss ich ausformulieren, dass ich finde, dass sich das scheiße (Adjektiv laut Duden, man lernt nie aus) anfühlt? Und jetzt habe ich solche Reizworte wie „Motivation“ oder „Managementtechnik“ noch nicht mal gebraucht. Wenn man also nicht lobt, dann ist es kein Wunder, dass der Schwabe (außerhalb Schwabens selbstverständlich  ;-) ) in dem Ruf steht, gern sein Missfallen kundzutun („bruddeln“).

Kurt Tucholsky war alles, aber kein Schwabe. Interessanterweise sind aber auch die Berliner dafür bekannt, an allem etwas auszusetzen zu haben. Und auch wenn das eine sehr wackelige Brücke ist, über die ich da gehe, möchte ich doch zum Anfang zurück: „Etwas ist immer.
Diesen Ausspruch hat nämlich Tucholsky feinsinnig und spitzzüngig bekannt gemacht. „Arthur Schopenhauer hat ja das Glück als den unglücklosen Zustand definiert und damit das Malheur als das Primäre angesehen. […] Unser Apparat ist viel zu groß. Kein Wunder, wenn immer irgendein Rad zerbrochen ist, eine Kette schleift, eine Schraube quietscht. Mit dem Aufwand, den wir heute treiben, eine lange Reise zu tun, haben die Griechen früher ihre kleinen Kriege absolviert, und Ruhe geben wir nie. […] Etwas ist immer. Es hat nie eine treffendere Redensart gegeben“ (aus: Die Redensart. Peter Panter, Die Weltbühne, 14.06.1923, Nr. 24, S. 701. Ganzen Text lesen.).

Das Ganze in Gedichtform (ebenfalls von Herrn Tucholsky) gefällig? Bitteschön.

 

Ja, das möchste!

 

Aber, wie das so ist hienieden:

manchmal scheints so, als sei es beschieden

nur pöapö, das irdische Glück.

Immer fehlt dir irgendein Stück.

Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;

hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –

hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:

bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

 

Etwas ist immer.

 

(aus: Das Ideal. Theobald Tiger, Berliner Illustrirte Zeitung, 31.07.1927, Nr. 31, S. 1256. Ganzes Gedicht lesen.)

 

Wer das nun alles nicht möchte, dem sei obiges Gedicht zum Anhören wärmstens ans Herz gelegt, in einer Aufnahme mit dem unvergleichlichen Harry Rowohlt, gegen den nun wirklich aber auch gar nichts gesagt werden kann, außer, dass er leider schon tot ist.
Irgendwas ist eben immer.

 

 

 

Kartenhaus – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

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62 Kommentare zu “Glück, ein unglückloser Zustand

  1. Bruddeln und reigschmeckt, was immer letzteres heißen möge :)
    super, was ich hier an Vokabeln lerne :)
    Sich mit Schopenhauers Weltbild auseinanderzusetzen halte ich für eine Abkürzung in die totale Depression. Im Vergleich ist ja sogar Nietzsche fröhlich !
    Ein Beitrag, der mir sehr gut gefällt

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    • „Reigschmeckt“ heißt „hineingerochen“ („schmecken“ = „riechen“), damit sind die ins Schwabenland Zugezogenen gemeint :-). Geh mal zu dem schwäbischen Link, du wirst deine helle Freude haben. Und bei Harry Rowohlt natürlich auch.
      Ich finde die Definition von Glück als unglücklosem Zustand interessant, wenn auch seeeehr nüchtern.
      Vergnügte Grüße
      Christiane

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      • Bei den Schwaben war ich schon …. *vor mich hin kichernd*
        Was Schopenhauer betrifft, so muss ich die Nüchternen verteidigen. Nüchtern bin ich auch meistens, aber Schopenhauer ist überdrüberpessimistisch und geradezu lebensverneinend. Gut, das ist natürlich meine persönliche Sicht ……

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  2. Ja, so sindse die Schwaben, wie ich hier sehr leidlich am eigenen Leib erleben durfte, nachdem ich von Berlin in den Südschwarzwald zog, wobei ich ja bei den Badensern lebe, aber die Schwaben hatten in den ersten Jahren bei mir das Sagen, fürchterlich!
    heute erzählte mir eine Freundin eine neue Gutenmorgenübung, die insgesamt 5 Minuten dauert: 3 Minuten an positive Dinge denken, eine Minute Stille, eine Minute sich auf den Tag einschwingen- sie meinte, dass sie es bislang noch nicht geschafft hat 3 Minuten am Stück ausschliesslich an Positives zu denken- ich steige morgen ein und werde berichten- aber es ist wohl ein bisschen symptomatisch, dass wir eher meckern, statt loben und eher im Ärger als in der Freude sind? Und das nicht nur bei den Schwaben…
    Das Tucholsky-Gedicht mag ich sehr, danke dafür, wie überhaupt für das Ganze
    herzliche Grüsse
    Ulli

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  3. Mir gefällt der Beitrag sehr. Und, wenn es auch im Duden steht, dieses Wort, dann freut es mich, es hier noch einmal zu verwenden. Das von dir Beschriebene, fühlt sich wirklich scheiße an! Scheiße, scheiße, scheiße. Und fluchen hilft.
    Lieben Gruß.

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  4. Das ist nicht nur in Schwaben so, vielleicht generell „südlich“. Dass bei uns nicht gelobt wurde, brauche ich dir nicht zu erzählen, auch nicht, dass mich deshalb früher (zum Beispiel in der Oberstufe oder Ausbildung) wenn mir jemand sagte „Gut gemacht!“ das eher aggressiv machte, weil ich dachte, dass der/die mich verarschen will. In der Schule wo ich bis zur Oberstufe war galt das Motto eben auch, besonders für die Mädchen Wenn du nicht bemängelt wirst, hast du es gut gemacht. Sind einige dran gescheitert. Interessanterweise: Einer meiner besten Freunde aus der Umschulung damals war Schwabe, der hat das genau andersrum gehandhabt: Immer jeden gelobt mit Begründung (dass du gar nicht erst darauf kamst zu denken, der will sich einschleimen), wenn der aber mal nichts gesagt hat…

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    • Kann das nicht dieses Bescheidenheits-Dingsda sein? So eine komische puritanische (ist es nicht, ich weiß, ich hätte fast calvinistisch gesagt, aber ich glaube auch nicht, dass DAS stimmt) Ethik, nur nichts von sich herzumachen, weder körperlich noch geistig? Und oh ja, ich stimme dir absolut zu, dass Mädchen davon eher betroffen waren/sind als Jungs, wobei Mädchen vermutlich „hübsch“ sein durften (aber nicht darüber verfügen).
      Ist das heute noch so?
      Loben mit Begründung, was Besseres kann einem doch gar nicht passieren. Nachvollziehbarkeit ist Trumpf. Nieder mit emotionaler Willkür! Ja, ach. Ein weites Feld.

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      • Sind die da nicht eher katholisch in Schwaben (ich weiß es nicht)?

        Ich verstehe die Frage Ist das heute noch so? nicht ganz, was meinst du? Falls es mit Lob zu tun hat: Mädchen werden doch heute für alles übern grünen Klee gelobt (entsprechend empfindlich und unreif sind die dann auch später, weil sie sich für unfehlbar halten). Oft genug als Schulbibliothekarin gesehen, nicht gerade unauffällig wenn man einen Grundschüler hat.

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        • Japp, genau das war die Frage. Ich habe keinen Zugang zu Kids in dem Alter außer vereinzelt.
          Religion: Ich nehms zurück, das einer Konfession anzuhängen. Ich hab bei Schwaben eben auch immer Hesse und dessen protestantisch-pietistisches (nicht puritanisch, falsches Gleis) Elternhaus im Kopf. Wikipedia belehrt mich allerdings, dass es in BW etwas mehr Katholiken als Protestanten und im schwäbischen Bayern knapp viermal so viele Katholiken wie Protestanten gibt. Nur Papierzahlen, wohlgemerkt.

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        • Wenn ich kein Atelier-Kind hätte wäre ich heute auch nicht mehr up-to-date. Kleine Anekdote: In seiner Klasse gibt es Zwillingsmädchen, die sind von ihrer Mutter, die angeblich nichts gewusst haben will, ist ja so schön Astrid Lindgren und süß und so, mit den Namen Pippi und Lulu gestraft worden. Natürlich, es sind Kinder, werden die Mädels entsprechend gehänselt. Ist schade, aber beide Namen sind nun mal Kindersprachliche Bezeichnungen für Urin, hätte Supermutti auch vorher wissen können, wenn man sich mal echte Kinder statt Erziehungsratgeber en masse reingezogen hätte. Und jedes Mal, wenn die Mädels heulend nach Hause kommen steht am nächsten Tag die Mutter in der Klasse und macht so lange Theater, dass eine ganze Unterrichtsstunde draufgeht. Statt ihren Töchtern mal Schlagfertigkeit beizubringen (wenn man ihnen schon so problematische Namen gibt)… Mir hat wenn ich als Kind wegen meinen Namen fertig gemacht wurde auch keiner geholfen, ich weiß wie die Mädels sich fühlen, ich hab auch heulend in der Klasse gesessen und wollte nicht auf dem Pausenhof, aber wenn meine Eltern mir geholfen hätten, dann hätte ich mir gewünscht, dass sie mir beibringen wie ich mich wehren kann statt jedes Mal so einen Zirkus… Das wird sich bei denen bis in die Uni ziehen, glaub’s mir.

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        • Falls du mal Lockerungsübungen für den Nacken brauchst, „Helikoptereltern“ in die Suchmaschine deiner Wahl eingeben, da gibt es einiges. Merken die alle echt nicht was die ihren Kindern antun?!

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  5. Manch Eine schreibt die tollsten Texte,
    und wird Frauenzimmer nur genannt.
    Doch dein Wort mich arg perplexte,
    zeugt es doch von üppigem Verstand.
    So leidet nun der kleine Zwerch,
    zitternd Fell des mittigs Leib.
    Wissen floh aus meinem Pferch,
    lässt mein Dank hier zum Verbleib.

    Ich habe mir sehr gut unterhalten gefühlt – danke :-)

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        • Auf jeden Fall erst mal herzlichen Glückwunsch, liebe Christiane, zu deinem gelungenen Eintrag, der mir seeeeehr gefällt (bis auf natürlich den Ländle-Teil, dazu s.w.u),

          vor allem natürlich wegen des auch von mir so hochverehrten Kurt Tucholsky,
          siehe zum Beispiel hier:
          https://finbarsgift.wordpress.com/2016/01/04/augen-in-der-grossstadt-tucholsky/

          und hier:
          https://finbarsgift.wordpress.com/2015/12/06/lehrgedicht-tucholsky/

          Was den Ländle-Teil angeht, verehrte Schreibfreundin, so bin ich der festen Überzeugung, dass in ALLEN anderen Bundesländern unserer Republik genauso viel „gebruddelt“ wird wie hier,
          denn das ist kein Spezifikum der Menschen, die im wilden Süden leben, sondern ein speziell deutscher.

          Auch halte ich Sprüche wie „schaffe schaffe Häusle baue, noooo net nach de Mädle schaue“, „net gschimpft, iss gnug globt“ und wie sie alle heißen und sogenannten „Schwoaba“ angeheftet werden inzwischen für total passé…

          Das alles passte vielleicht mal in der direkten Nachkriegszeit, fünfziger und sechziger Jahre, inzwischen schon längst nimmer!

          Fakt ist, dass Badenser und Württemberger kein Schwoabaländle bevölkern, sondern 25 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat und 50 Prozent Zugereiste aus den anderen Bundesländern und aller Herrenländer der Welt sind, die all diese saublöden Sprüche sogenannter Schwoaba nicht mal kennen, geschweige denn sagen würden.

          Natürlich gibt’s im Ländle auch noch ein paar „Restschwaben“, vor allem im Landesteil Oberschwaben, nahe schwäbischer Alb, Bodensee und Bayern, und vielleicht wird dort noch eine Spur mehr gebruddelt als im gesamten D-Durchschnitt…
          das mag ja sein, ist aber längst nicht (mehr) typisch.

          Man darf sich eben nicht durch eine so überaus saudumme Ländle- Politwerbung der ehemaligen Teufel-Oettinger-Mappus-CDU wie „Wir können alles außer Hochdeutsch“ täuschen lassen…

          Fakt ist: Die meisten Menschen, die in der Metropolregion Stuttgart leben und arbeiten, das sind laut Internet ca. 5,3 Millionen (im Vergleich HH = ca. 5,1), können sehr wohl Hochdeutsch, gut sogar, aber eben nicht alles.

          Hab einen schönen Tag!
          Liebe Morgengrüße vom Lu

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        • Lieber Finbar-Lu, einen überaus herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Klar wird auch woanders gelästert, geschimpft und sich aufgeregt. Wie denn auch nicht. Und dass die „Nix gschwäddzd isch gnuag globd“-Haltung auch nicht an der Grenze des schwäbischen Sprachraums stoppt, haben gestern hier auch schon Nicht-Schwaben angemerkt. Und schließlich: Niemand bekommt beim Betreten/Beziehen einer Metropolregion ein Schild auf die Stirn gepappt, auf dem steht: „Ab heute bist du (PASSENDES BITTE EINSETZEN), ab sofort hast du dich nach allen Stereotypen zu benehmen, und zwar ausschließlich.“ Klar, oder?

          Dennoch gibt es so etwas wie gegendtypische Ausprägungen von Mentalität, mit denen sich die exakten Wissenschaften schwertun, da nicht in Zahlen fassbar. Eine Mentalität, die uns (die überall gleichen) Probleme auf eine spezifisch regionaltypische Weise anpacken lässt und die damit verbundenen Einstellungen und Vorstellungen. Eine regionale Mentalität, die unbewusst prägt und die sich in Sprache und Verhaltensweisen niederschlägt. Und das ist selbst in einer Metropolregion so, wofür ich mich als Quiddje als Beispiel nehmen kann, aber natürlich anders (vielleicht schwächer) als auf einem Dorf, sei das nun auf der Alb oder in Dithmarschen, wo jener Geist in „Reinkultur“vorherrscht.

          Ja, ich bin bei dir, wenn du sagst, das war vor 50 Jahren ausgeprägter. Ganz sicher. Aber weg, weg ist es heute immer noch nicht, es ist heute vielleicht nivellierter, denn schließlich ist das auch das, was Leute dazu bringt, sich mit „ihrer“ Gegend zu identifizieren, sich heimisch zu fühlen, die Liebe zu spezifischen Eigenheiten ihrer Region.

          Ich liebe mein Hamburg als Gesamtpaket (und ich kann mit den Fischkopp-Sprüchen gut leben), ich wünsche dir selbiges für dein Stuttgart, so wie ich jedem Menschen eine physische (nicht nur geistige) Heimat wünsche.

          Liebe Grüße, hab einen guten Tag dort in der Kesselstadt
          Christiane

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        • Lu muss ja nicht Unrecht haben, obwohl Christiane Recht hat. Die Zahlen klingen stimmig. Ich kann es nur an meiner alten Heimat Norddeutschland fest machen. Dort in den späten 60er Jahren aufgewachsen, kehrte ich Ende der 90er zurück und fand …, nicht mehr den dörflichen Charme, den ich meiner Frau und meinem Sohn zeigen wollte. Die Gegend war modern geworden, überall waren jetzt Bürgersteige anstatt noch Sandwege und damit war auch die alte Generation verschwunden, ersetzt durch Nachkommen, die einst das Alte abgetan hatten um sich vom alten Mief der Nachkriegszeit zu befreien. Mein Herz weilt noch dort, wo Heide auf Mollersand trifft, aber die Sprache ist eine andere geworden.So wird es wohl früher oder später in jeder Region Deutschlands sein, denn heute begegnet sich in Frankfurt auch niemand mehr und parliert wie einst Goethe. Ich selber bin ein entwurzelter Baum auf Reisen, aber ich trage die Heimat in mir und kann sie nur lieben, nicht weitergeben, so fern der Kindheit.

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        • Danke, Arno.
          Ich denke über dein „entwurzelt“ nach. Auch ich bin auf dem Land aufgewachsen, ich bin weg und werde nicht mehr zurückkehren. Und wenn ich mal dorthin zurückkomme, dann hat sich vieles verändert. ‚Nivelliert‘ habe ich es weiter oben genannt. Klar, wie auch nicht, die Zeit bleibt ja nicht stehen, das hat Vor- und Nachteile.
          Ich kann es nicht besser beschreiben, aber ich finde, ein gewisses Grundgefühl, ein gewisses Wiedererkennen verändert sich dennoch nicht, auch wenn es die Wege meiner Kindheit nicht mehr gibt.
          Liebe Grüße
          Christiane

          Gefällt 1 Person

  6. Ich weiß nicht, ob es spezifisch in bestimmten Regionen so ist, doch generell finde ich, schauen wir viel zu sehr auf die Defizite und zu wenig auf das Gelingende.
    Vor einigen Wochen tauchte in einem Seminar der Satz auf „Eigenlob stinkt“. Dem sind wir nachgegangen. Stinkt es wirklich? Nein, da war nichts zu riechen. Warum erlauben sich so viele nicht, sich – und andere – zu loben. Manchmal will es gelernt sein und alte Muster wollen durchbrochen werden.
    Irgendwas ist immer, ja doch und das ist auch gut so. Immer ist da auch das Gelingende und das, was uns ausmacht und das, was wir schon geschafft haben.
    Liebe Grüße aus dem abendlichen Garten, Marion

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    • Ja, und generell bin ich deiner Meinung, das weißt du auch. Es ist so eine Haltung des Nicht-Würdigens, nicht bei sich und nicht bei anderen. Als ob man dadurch zu wenig hätte, wenn man jemand anderen neben einem leben lässt. Komisch. Ziemlich grässlich.
      Aber etwas anderes kam mit dergl vorhin hoch: Man muss achtgeben, bzw. wie schafft man das, dass man nicht „aus einem Furz einen Donnerschlag“ macht – positiv übertrieben gemeint. Ich will auf die Frage der Balance hinaus. Immer schlechtmachen ist ganz sicher von Übel, aber ist immer loben besser? Dadurch bildet sich auch keine sachliche Einschätzung.
      Ich vermute, dass du mir gleich sagen wirst, dass viel Lob noch keinem geschadet hat, aber guck dir doch die ganzen verzogenen Bälger an, denen niemand jemals sagt, dass das eben absolut daneben war …
      Und schon sind wir wieder bei Grenzen erkennen und setzen. Hach, wie ich solche Themen liebe … :-)
      Liebe Grüße aus der hochsommerlichen Hamburger Nacht
      Christiane

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      • Die Frage der Balance ist eine wichtige. Wir sollten uns nicht fühlen, als gehöre die Welt uns, doch ein wenig mehr Krönchen würde den meisten gut tun, finde ich.
        Lob finde ich gut, wenn es ehrlich ist. Ich bin nicht dafür, alles und immer zu loben. Auch das was nicht gut läuft, sollte Raum und Sprache haben. Generell ist meine Erfahrung, dass die meisten Menschen nicht sagen können, was sie gut können und was sie ausmacht. Neben den verzogenenen Kindern, von denen du sprichst, gibt es auch eine Menge, die sich nicht viel zutrauen und die selten hören, was sie so besonders macht. Ich bin sehr wohl für Grenzen und Kindern mitteilen, wenn etwas nicht gut war (was du dir sicherlich denken kannst). Und ich bin sehr dafür, Kinder mehr darin zu befähigen, sich und ihre Stärken kennen zu lernen. Mit solch einem Paket lässt sich gut durchs Leben gehen.
        Ja, ich mag sie auch, diese Themen.

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  7. Ich habe wirklich gar nichts an deinem Text gefunden, das ich tadeln könnte. Da ist einfach nichts. Zu dumm. Was kann ich jetzt ins Kommentarfeld schreiben? Nix.
    Oder doch loben? Brauch ich ja nicht. Du weißt schon selbst, dass du da einen intelligenten, eleganten, inhaltsschweren, witzigen, bildenden, zu Kommentaren herausfordernden, mit extra-guten Links garnierten Beitrag geschrieben hast. Also bleib ich beim Nix-sagen (wenngleich ich keine Schw ..ä.. bin )

    Gefällt 5 Personen

    • Liebe Gerda, danke für das Lob. Mich ereilt prompt der Klassiker: Nein, weiß ich alles nicht. Klar weiß ich, dass das ein guter Text war. Okay, was heißt „wissen“, es fühlt sich für mich so an, das reicht mir inzwischen, ich weiß, dass ich dem trauen kann. Und ja, es ist kein „dummer“ Text, schon klar. Müsste ich meinen eigenen Text aber irgendwie beschreiben, dann wäre ich auf alle diese lobenden Adjektive nicht gekommen, hätte allerdings auch die Links gelobt.
      Tja.
      Danke nochmals und liebe Grüße
      Christiane

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  8. Oh oh, da ist man mal offline und dann sowas, ein Beitrag der mich ein wenig ratlos macht, basiert er doch auf einem Ausspruch, welcher hierzulande gerne Verwendung findet, um ein Nicht-Lob zu kaschieren. Und die Kommentare zeigen, dass in diesem regionalen Kontext solcherlei Vorurteile legitimiert scheinen. Meine höchstpersönliche Oma war eine lebenserfahrene Frau, die es nicht immer leicht hatte und die dieses Prinzip ein Stück weit lebte (und vererbte) aber auch und v.a. auf sich selbst bezogen. Herzensgut war sie dennoch und nie habe ich das stärker gespürt, als zu dem Zeitpunkt als ich ihr meine damalige Freundin vorstellte, ein Moment für meine kleine Ewigkeit. Es sind eben die Zwischentöne und nicht die lauten zeitverzögert und gefiltert aus den schwäbischen Wäldern schallenden Rufe, die uns ausmachen. Auch die Reduzierung auf Hesse und einen schwäbischen Pietismus bringt uns hier nicht weiter. Sicherlich, manche Erfahrung im lokalen Umfeld lässt auch mich die Haare raufen, aber Loslösen von Festgefahrenem, weil so passend, kann eine Hilfe sein. Viele meines Umfelds aus Schulzeiten sind in die Welt verstreut, haben den Dialekt nahezu vollständig abgelegt und fühlen sich teils als befreite Weltbürger. Doch das reicht nicht aus, der Kopf ist nämlich nicht frei, er präsentiert ohne Unterlass den Vergleich früher zu heute. Heute = besserer Mensch, früher = quasi Steinzeit.
    Würden wir uns einmal persönlich treffen, hätte ich nun das Gefühl, es geht nicht unvoreingenommen, mein Verhalten wäre auf dem Prüfstand und die selffullfilling prophecy würde eintreten. Im internationalen Kollegenkreis bin ich auch mitunter in der Situation dass ich Lob und Tadel verteilen darf. Da spielen solche angeblich urschwäbischen Gedanken keinerlei Rolle (mehr). Nebenbei: ich verwende den Spruch auch mal gerne, aber ich lebe ihn nicht. Ich lobe aber auch keinen zu Tode.
    Warum die Suche nach dem Negativen? Das Leben kann überall auch gut sein, ist es fehlendes Vertrauen? In einen selbst?
    Ach ja, noch zu den Kindern, aber nur kurz: In keinem Land habe ich bislang einen solch kompromissbefreiten Umgang mit Kindern und alten Menschen gesehen wie in Deutschland. Klar ist hier alles perfekt, die Bildung, die Pflege, die Finanzierung, alles. Und dennoch, wer nicht ins System der 24h-Regulierung und Überwachung hineinfindet, fällt durchs Raster. Ein Kind muss eben funktionieren, im Alltag, als Nachbar, in den Ferien. Der Wettbewerb geht mit der Geburt los, klar, das Abi ist Pflicht, die Klavierstunden schon gebucht. Ich würde als bewusst lebendes Kind meinem Umfeld aber sowas von Einheizen, dass denen nie mehr kalt wird. Was auf dem Papier gut ist, muss nicht zwangsläufig den Sprung in die Realität schaffen.
    Noch ein Schlusswort zum Bruddeln. Nach meiner Auffassung gibt es verschiedene Formen des Bruddelns, vom leise vor sich hin bruddeln, weil man etwas ausbaden muss was ein anderer oder auch man selbst verbockt hat bis hin zum lauten Bruddeln, das in einen bösen Sarkasmus übergehen kann.
    Und sonst? Der Titel ist klasse und ich bin erstmal wieder im Off!
    Schöne Restwoche in den Süden 🌞

    Gefällt 4 Personen

    • Schön, dass du so differenziert da rangehst. Es sind immer die Zwischentöne, die es letztendlich ausmachen, da stimme ich dir zu. Und auch, dass wir unsere Prägung immer mitschleppen, die auch (AUCH) regional ist. Würden wir uns dagegen tatsächlich mal persönlich begegnen (nette Idee), wäre dieser blöde Spruch bestimmt das Letzte, an das ich denken würde, denn in dem Moment zählt nur mein Gegenüber, ich bin da sehr wenig Prinzessin.
      Wobei ich gar nicht glaube, dass diese reduzierte (*räusper*) Haltung auf das Schwäbische beschränkt ist, vielleicht hätte ich das deutlicher formulieren sollen. Mir ist nur das Sprichwort untergekommen, was halt schwäbisch war und ich in der Aussage nicht kannte. Wäre es bayrisch oder friesisch gewesen, hätte ich mich darauf gestürzt; mir geht es um die explizite Haltung, nicht um die Landschaft, aus der sie stammt. Allerdings würde ich es schon interessant finden, wenn man regionale Bezüge herstellen könnte (die ticken da auf die-und-die Art), aber das führt andererseits ganz leicht zu Vorurteilsbildung ohne Ende, egal wie neutral und positiv neugierig es ursprünglich gemeint war. (Frage mich gerade, in welches Forschungsgebiet das gehören könnte. Volkskunde? Sprachwissenschaft?) Das Leben ist bunt, ist das nicht schön?
      Schöne Restwoche aus dem Norden
      Christiane 🌞

      Gefällt 3 Personen

    • Es ist echt eine ungewohnte Perspektive, nicht? Du hast ja gelesen, dass der Einfall nicht von mir ist; mir schießt es selbst noch öfter durch das Hirn …
      Liebe Grüße
      Christiane

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