In den Frühherbst gesungen

Meistens gibt es einen Text, ein Gedicht, ein Zitat, für das ich ein Bild suche. Ab und an ist es umgekehrt. Ab und an ist zum Beispiel heute.
Ich glaube übrigens nicht, dass das Sentimental-Werden auf ältere Herren beschränkt ist, wie Tucholsky meint, ich glaube, es erwischt die Frauen auch – vielleicht anders, wir ticken ja da oft nicht so ganz gleich. Und ja, ich habe „Johannistrieb“ nachgeschlagen …  ;-)

 

Im Nolde-Garten – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst | Klick macht groß

 

Und dann geht etwas vor.

Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft – es ist etwas geschehen; so lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt … , na … na … , und nun ist er auf die andere Seite gefallen. Noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher … aber nun ist alles anders. Das Licht ist hell, Spinnenfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen – nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.

Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.

(Aus: Die fünfte Jahreszeit, Kaspar Hauser, Die Weltbühne, 22.10.1929, Nr. 43, S. 631, Quelle)

 

(Mein herzlicher Dank an Elke auf wegpoesie.)

 

 

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