Hinterm Horizont?

Aus dem Radio tröpfelte Udo Lindenberg und sang davon, dass sie gemeinsam stark wären. Sie seufzte in ihren Kaffee. Der nun auch noch. Nein, dies würde nicht der Tag der Plattitüden werden, und wenn sie die Leute in dem Café bitten musste, den Sender zu wechseln. Sie starrte wartend aus dem Fenster. Sehr oft hatte sie sich mit seiner Freundin noch nicht getroffen, seit ER sozusagen die Seite gewechselt hatte, aber die hatte sie unbedingt sehen wollen. Es sei wichtig.

 

Wir war‘n so richtig Freunde für die Ewigkeit | das war doch klar. | Hab‘n die Wolken nicht gesehn | am Horizont | bis es dunkel war. | Und dann war‘s passiert | hab es nicht kapiert| ging alles viel zu schnell. | Doch zwei wie wir | die können sich nie verlier’n …

(Aus: Udo Lindenberg: Hinterm Horizont (Quelle))

 

Doch, sie hatten die Wolken am Horizont gesehen, aber kapiert hatten sie es nicht, beide, und ja, es war viel zu schnell gegangen. Aber wann kam der Tod mal nicht zu plötzlich, es sei denn, er würde erwartet? Und nun saßen sie da, Frauke und sie, und waren hinterblieben, mit diesem verdammten Gefühl eines großen Nichts im Herzen, und mussten irgendwie weiterleben.

Sie waren nicht so furchtbar erfolgreich als Paar, er und sie, aber sie waren richtig gut darin gewesen, Freunde zu sein. Freunde für die Ewigkeit, säuselte Udo in ihr Ohr. Sie nickte gedankenversunken. Das war der Plan. Auch nachdem sie sich getrennt hatten, hatte ihre Freundschaft nie zur Debatte gestanden. Sie war nur anders geworden. Doch zwei wie wir, die können sich nie verlier‘n. Wenn es das gab, Karma, dann hatten sie ein Stück weit ein gemeinsames, daran glaubte sie. Der Gedanke fühlte sich stark und gut an, diesen Menschen schon richtig lange zu kennen und ihn irgendwann mal wiederzusehen. In einem anderen Leben. Oder so.

Er war nicht der verwurzelte Typ gewesen, von daher erschien ihr der Gedanke lächerlich, an einem Ort um ihn zu trauern. Frauke konnte die Wohnung allein nicht halten und würde demnächst ausziehen. „Komm vorher vorbei und such dir was aus“, hatte sie gesagt. „Nimm mit, was du brauchen kannst.“ So viele Erinnerungen, aber das, was ihr Herz erleichterte, war nicht dabei gewesen. Dinge machten sie jedenfalls nicht fröhlicher.

Da kam Frauke. Sie stand auf und winkte ihr zu. Sie umarmten sich.
„Ich muss dir was erzählen, was passiert ist“, fing die schließlich an, als ihr Kaffee vor ihr stand. Ihre Augen glänzten. „Das errätst du nie!“
Sie lächelte und wartete. „Sag schon!“
Frauke ließ sich nicht lange bitten.
„Ich habe doch in der letzten Zeit die Wohnung ausgemistet und geschaut, was ich mitnehmen will. Und vor einer guten Woche habe ich von ihm geträumt!“ Frauke lehnte sich zurück. „Er kam und führte mich in sein Arbeitszimmer an seinen Schreibtisch. Du weißt doch, dass da die ganzen Füller und Kugelschreiber lagen, die er gesammelt hat.“
Sie nickte.
„Dann nahm er einen Zettel und seinen roten Lieblingskugelschreiber und schrieb viele Zahlen drauf. Ich fragte ihn, was ich denn damit solle, er wäre doch weg und ich hätte viiiiiiel lieber, dass er bei mir wäre, da nahm er mich in den Arm und hielt mich fest und streichelte mich. Dann sagte er mir, es wären Lottozahlen, und ich solle das Geld mit dir teilen. Wir haben einander noch bisschen gehalten, dann war er wieder weg.“
„Ach, ist das schön.“ Sie beugte sich vor und wollte sich ihr Gerührtsein nicht anmerken lassen. „Und dann?“
„Na ja“, Frauke zögerte. „Am nächsten Morgen bin ich in sein Arbeitszimmer, weil ich dort weitermachen wollte mit dem Aufräumen. Und auf dem Schreibtisch lag ein Zettel mit seiner Handschrift.“
„Ist nicht wahr! Echt?“
„Echt. Der Zettel lag den Tag vorher schon da, aber Zahlen waren da keine drauf. Ganz sicher.“
„Krass. Darf ich fragen … hast du gespielt? Ich meine … waren es überhaupt wirklich Lottozahlen?“
„Ja, aber schwer zu lesen. Du weißt ja, manchmal hat er ziemlich gekritzelt.“
„Und? Jackpot?“
Frauke lächelte.
„Fünf Richtige“, sagte sie schlicht. „Etwas über zweitausend Euro.“
Sie griff in ihre Handtasche und gab ihr einen Umschlag. „Deine Hälfte. Zähl nach.“
Sie starrte sie an. Dann nahm sie den Umschlag und warf einen Blick hinein. Banknoten schimmerten grün. Sie sah sie ungläubig an. „Du bist sicher, dass du deinen Gewinn mit mir teilen willst?“
„Er hat es gesagt. Von mir aus geht das in Ordnung.“

Plötzlich, für einen winzigen Moment, veränderte sich alles. Die Farben waren bunter, die Gerüche intensiver, die Geräusche lauter. Er saß mit ihnen am Tisch, diskutierte, lachte und gestikulierte. Zog schließlich seinen Tabaksbeutel heraus und drehte sich eine Zigarette. Sie starrte auf seine Hände, seine Unterarme, sah verblasste, bunte Linien und wusste auf einmal …

„He!“ Frauke schnipste vor ihrem Gesicht mit den Fingern. „Komm zurück! Hast du einen Geist gesehen?“
Sie nickte. „Ja. Irgendwie. Und ich weiß noch was.“
„Was?“
Traurigkeit fiel von ihrer Seele ab. Sie strahlte sie an und fühlte sich frei. „Seit über zwanzig Jahren möchte ich ein Tattoo. Die Zeit war nie reif dafür. Jetzt ist sie es.“

 

Tattoo Hand | 365tageastzadayQuelle: Pixabay

 

Dies ist auf den aller- allerletzten Drücker mein Beitrag zu Tante Tex‘ Story-Samstag zum Thema Erbe. Sorry, ich wäre gern früher gewesen. Ging einfach nicht.

Wer mich kennt und/oder länger liest, wird wissen, dass sich hier Realität und Fiktion vermischen. Ihr anderen, seid bitte versichert, dass es Realität und Fiktion ist  😉

 

 

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9 Kommentare zu “Hinterm Horizont?

    • Die Fortsetzung ist dann wieder die Live-Berichterstattung vom Tattoo-Stuhl … oder so, wenn der große Tag dann naht 😉
      Freut mich, dass du die Geschichte magst, bisher ist der Zuspruch ja nicht so üppig.
      Grau und nasskalt ist es hier auch, da nehmen wir uns nichts.
      Liebe Grüße, schönen Sonntag dir dennoch!
      Christiane

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  1. Pingback: [Story-Samstag] Erscheinung – Tante TeX textet

Ja, eben. Und du so?

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