Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!

Es ist wieder so weit, wir vertreiben die Zeit (viele mit Alkohol und Knallkram), und in diesem Jahr bin auch ich gern mit dabei (okay, eher leise, aber eher nicht nüchtern). Viele Erschütterungen hat mir das Jahr gebracht, positive wie negative, und die negativen waren verletzender, als leicht zu ertragen war. Aber das ist auch okay, es geht ja nicht darum, das Leben wegzulächeln.

 

Uhr am Schifferhaus Tönning – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? –

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt –

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.

(Rilke, Aus dem Nachlaß des Grafen C. W.)

 

„Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt | obdachlos die Unvergänglichkeit.“

Was für ein Satz! Dass mein Herz (manchmal) wild (unbezähmbar) ist, das ist gut so, schließlich bin ich nicht (schein-) tot. Die Unvergänglichkeit? Sinn für das … Ewige? Kann ich ebenfalls bejahen, immerhin bin ich ja eine ehrfürchtige Sternguckerin, und was passt besser zu „Ewigkeit“? Und wenn die Unvergänglichkeit „obdachlos“ (also ohne Überdach) in meinem Herzen nächtigt, dann ist mein Herz nach oben offen, sozusagen ein Cabrio.😉
Die Ewigkeit übernachtet also in meinem unbezähmbaren Herzen, das zum Sternenhimmel hin offen steht. Wenn das keine Poesie ist, dann weiß ich auch nicht.

In diesem Sinne: Willkommen, 2017, ich bin gespannt, was du so mitbringst.

Und weil ich die Liedfassung am allerliebsten aus dem gesamten Rilke-Projekt mag, füge ich sie an: Laith Al-Deen: In meinem wilden Herzen. Euch allen eine gute Zeit!

 

 

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59 Kommentare zu “Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!

  1. Das ist ein sehr feines Schlusswort für 2016, liebe Christiane, mit allem Drum und Dran.
    So ganz nüchtern bleibe ich gerade am Abend auch nicht, am Tag geniesse ich den Sonnenschein, in der Nacht die klaren Sternenhimmel, heute ist Neumond und in der nächsten Woche soll dann der Schnee kommen, da laufe ich jetzt doch noch gerne meine Runden ohne ihn, ist nicht so beschwerlich ;o)

    Ich teile deinen Eindrcuk, es gab Schönes und Leichtes und dann gab es (für mich) am Ende auch Schwerverdauliches, nun kommt eine neue Runde und wir werden sehen was uns 2017 beschert wird und was wir selbst in die Welt tragen.

    Herzliche Grüsse
    Ulli

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    • Die Wettereinschätzungen für Hamburg sind nicht so dramatisch, liebe Ulli, aber wir müssen sehen, was kommt. Auf jeden Fall wird es hier auch heute Nacht wieder frieren und sternklar sein, gerade ist nach einem sonnigen, klaren Tag die Sonne untergegangen.
      Ja, wir werden sehen, was kommt und was wir zurückgeben (wollen und können), wie immer …
      Alles Liebe für dich
      Christiane

      Gefällt 3 Personen

  2. Jaaa, mit dem Cabrioherz zwischen den unvergänglichen Sternenwelten umherdüsen, zwischen Sirius und Rigel die scharfe Rechtskurve nehmen und drei mal den Mondumrunden. So machen wir es. Dach auf und ab die Post. WIr sehen uns…

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  3. Mir reicht die Kälte hier unten, da oben im Weltall und dann noch beherzt im Cabrio….nichts mehr für mich in meinem Alter. Aber wozu das Handtuch?
    Dir und dem Fellträger auch hier auf Erden einen guten Start ins Neue Jahr und sei nicht zu leichtsinnig -:)))
    mit liebem Gruß vom Dach
    Karin

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  4. Liebe Christiane,
    das ist ein schöner Eintrag zum Jahresausklang.
    Mich hat auch sofort der letzte Rilkesatz: „Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt | obdachlos die Unvergänglichkeit.“ gepackt!
    Dein poetisch-heiteres Bild vom Cabrio-Herzen mit Sternenaussicht gefällt mir ebenfalls sehr!
    Ich wünsche Dir ein beschwingtes, herzerfülltes und sternenfunkelndes Jahr 2017.
    Wildherzige Grüße von Ulrike 💖

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  5. … mein Blumenmädchenhandtuch ist immer griffbereit und mein Herz bleibt wild… die Zeit hat ihren eigenen Rhythmus und wir können mit, dagegen, dazwischen… es schert die Zeit nicht nur unser Lebenstanzgefühl… Alles Liebe für 2017 Christiane *lächel*

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  6. Hallo Christiane,
    mir gefällt dieses Gedicht auch sehr.
    Ich habe in diesem Jahr mal versucht ein paar Gedichte zu schreiben, doch es fiel mir sehr schwer, aber ich mag sie 🙂
    Ich finde deine Blogs und Projekte sehr interessant, werde dir folgen.
    Guten Rutsch ins neue Jahr! 🙂

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  7. Vielleicht ist das Schwerverdauliche schon bald verarbeitet und das neue Jahr bringt uns allen etwas leichtere Kost.
    Ich wünsche dir ein Jahr, das du am Ende mit ganz viel Positivem in deiner Wagschale bilanzieren kannst. Rutsch gut rein und lass es dir gut gehen.

    Herzlich,
    Anna-Lena

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  8. *In meinem wilden Herzen*

    Liebe Christiane, ich kenne es so gut.
    Kam ich doch erst mit dem Rilke-Projekt zur Lyrik 🙂
    Vorher kannte ich das eine oder andere Gedicht, fand sie alle mehr oder weniger toll und das wars…

    Dann wurde mir das Rilke-Projekt geschenkt, ich hörte es beim Bügeln (es war diesmal besonders viel), merkte plötzlich, daß ich weinte, weil es gar zu schön war, und von Stund an, hatte ich zur Lyrik gefunden 🙂

    Da rennst Du bei mir also offene Türen ein *g*

    Ich hoffe, Du rutschst gut und nicht zu heftig und begrüßt das Neue gebührend und auch in unserem Sinne.
    Es sollte wissen, daß es auf jeden Fall besser werden sollte wie das eben vergehende.
    Ansonsten kann es bleiben wo der Pfeffer wächst…

    Liebe späte Abendgrüße von Bruni

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    • Ach, liebe Bruni, das muss schon jede/r dem neuen Jahr selbst sagen, was es bringen soll, wie soll es das denn sonst auseinanderhalten? 😉
      Ich glaube ja nicht, dass du die einzige bist, die das Rilke-Projekt beim Bügeln entdeckt hat, aber dass es daran schuld ist, dass du Gedichte schreibst, das hätte ich mir wirklich nicht träumen lassen! 🙂
      Auch dir einen guten und sanften Rutsch und ein besonderes Jahr 2017!
      Liebe Grüße
      Christiane

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  9. Mir haben es die Zeilen angetan:
    „Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
    aber auch in ihnen flimmert Zeit.“ – wobei mir dies „Zeitenflimmern“ grad gefällt. Sonst wärs nur totes Gestein. Nur was stirbt, lebt. Und so baue ich in meinem wilden Herzen der Vergänglichkeit einen Altar.
    Die Indianerbilder sind großartig. Liebe Grüße dir! Gerda

    Gefällt 2 Personen

    • Mir stößt in diesem Zusammenhang immer das Wort „tot“ auf, gestern hatte jemand Sterne als „tote Materie“ bezeichnet. Das Bild von „flimmernder Zeit“ mag ich dagegen auch, und JA!, die Indianerbilder fand ich auch sehr besonders und großartig!
      Liebe Grüße
      Christiane

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      • für mich sind Sterne keineswegs totes Gestein, gerade weil Zeit in ihnen wirkt und lebt. Sie werden geboren und sterben … sie haben einen Lebenszyklus. Mir schien, Rilke beklagt sich darüber. 😉
        Nun schließt sich ein Jahreszyklus für uns hier auf der Erde, auch das finde ich wundervoll, dies Kreisen. Wie schrecklich wärs, wenn die Tage endlos in einer Richtung liefen! („to-morrow and to-morrow and to-morrow creeps in this petty pace from day to day to the last sylible of recorded time….“, Shakespeare, Macbeth.) Mit einem Lächeln, Gerda

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        • Ah, okay, du verstehst Rilke so. Neee, ich eigentlich nicht.
          Und ansonsten schließe ich mich dir an: ich bin auch ein großer Fan von Spiralen und Kreisen. Das Leben ist nicht linear. Zum Glück.
          Liebe Grüße
          Christiane

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