Ein Lied hinterm Ofen zu singen

Heute Nacht: -10 °C, jetzt wenig weniger, trockene, sternklare Kälte und glücklicherweise kaum Wind, der unverdrossene Fellträger hatte zum Thema „kalte Pfoten“ einiges anzumerken, als er am Morgen draußen herumbrüllte, dass er nach drei Stunden nun ENDLICH! WIEDER! hereinwolle.

Trotz Kälte ist es atemberaubend schön. Draußen jagen sich die Eichhörnchen, und ich werde gleich ein paar Nüsse rausbringen. Obwohl noch Schnee fehlt, kann ich nicht umhin, das für Winter zu halten … und oh, dieses Licht!

 

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Und scheut nicht süß noch sauer.

War je ein Mann gesund, ist er’s;
Er krankt und kränkelt nimmer,
Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs,
Und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an,
Und läßt’s vorher nicht wärmen;
Und spottet über Fluß im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
Und alle warme Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn’s Holz im Ofen knittert,
Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich‘ und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
Denn will er sich tot lachen. –

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.

(Matthias Claudius, Ein Lied hinterm Ofen zu singen, Quelle)

Winterseelicht | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

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48 Kommentare zu “Ein Lied hinterm Ofen zu singen

  1. Hallo vom Zürichsee. Ich sitze im Zug und fahre in das atemberaubend schöne und kalte, sonnige und schneebedeckte Einsiedeln.

    Ich werde berichten in meinem neuen Blog ‚wesentlich werden‘. Da stehst du in meiner Blogroll.

    Schönen Winter!
    Herzlich
    Petra

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    • Ich gebe zu, mit den Wolken und bei dem Licht sieht es dekorativer aus, als es in Wirklichkeit ist. Aber ja, es IST schön dort, es ist ein Ausblick bei meiner „Teichrunde“.
      Und da ich vermute, dass du mit „singen“ auch wirklich „singen“ meinst, gestehe ich dir gleich mal, dass ich erst beim Text suchen auf Herrn Zuckowski gestoßen bin …
      Vergnügte Grüße
      Christiane, bei der es übrigens schon wieder wärmer wird

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      • Klar meinte ich singen, beim Hinterm Ofen zu singen, geht doch nicht reden… okay, die Melodie kenne ich nicht, ist dann so Melodie frei nach Lust & Laune.
        Oft ist es ja umgekehrt, dass die Bilder nicht die Faszination schenken können, die die Natur uns direkt schenkt. Doch du Fotografin schaffst es : )

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        • Ein schönes Kompliment, danke! *strahl* So sollten Fotografien sein, aber es muss eine Menge zusammenkommen, bis es so aussieht, wie mensch sich das eventuell vorher vorgestellt hat.
          Liebe Grüße
          Christiane

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  2. Pingback: Knackigkalter Wintersonnenspaziergang „im lieben Schweizerlande“ | Wesentlich werden

  3. Die Schönheit des Winters hast du exzellent in diesem Spiegelfoto eingefangen. Und ich werde mich gleich hinter den Ofen setzen 😉 und weiter lesen. Draußen ist es kalt und grau … es würde mich nicht wundern, wenn es ein paar Flöckchen schneien würde.

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    • Wir haben oder hatten zumindest Eisregen. Nur grau draußen. Da ist auch bei mir ein Aufenthalt am Ofen odet einem ähnlich warmen Plätzchen angesagt.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  4. Nun ist der Winter auch hier angekommen. Der Himmel ist voller Schneewolken, aus denen es rieselt… Ich graule mich gleich vor der Gassirunde und bin froh, wenn ich wieder daheim bin. Vielleicht ist mir dann nach einem Lied 😉 .
    Da müssen wir jetzt durch.

    Lieben Gruß
    Anna-Lena

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  5. „der Winter, ach, der Winter, der uns eng zusammenwirft…“
    Ist nicht mein Ding, ich gestehe, Zu kalt, zu dunkel , zu ungemütlich. Ich will aufstehen weil die Sonne mich um 6 Uhr schon weckt, will mit nackten Füssen in den Garten laufen und dort im T-Shirt auf der Bank den ersten Kaffee trinken, während die Vögel zwitschern und die Nachbarn so nach und nach die Jalousien hochziehen…
    Dennoch ist das Gedicht soooo schön und ich frage mich, einmal mehr, wo findest du diese Gedichte nur immer?
    Eine fröstelnde Carmen mit lieben Grüßen an Dich und den Fellträger ;.)

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  6. *lach*, ich kannte die erste Strophe und hatte keine Ahnung, wie´s weitergeht. 🙂

    Heute ists noch kälter als gestern. Da schien wenigstens noch die Sonne, heute ists nur grimmig, grauslig, eisig und nur Hartgesottene wagen einen Spaziergang.
    Na ja, ich mußte zur Post und das Autochen mochte nicht anspringen…

    Liebe Grüße zum frostigen Winterabend von Bruni

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    • Ging mir ähnlich, ich kannte die erste Strophe und musste dann schmunzeln, als ich die anderen las.
      Der Abend hier ist nass, ob es noch Eis im Regen ist, weiß ich nicht, muss ich aber heute auch nicht.
      Liebe Grüße
      Christiane 🙂

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  7. Moin Christiane,
    „Denn will er sich tot lachen“? Ich vermute, dass der Wandsbeker Bote hier Stille Post gespielt hat und kann mit überhaupt nicht vorstellen, dass ein Matthias Claudius etwas anderes als „dann will er tot sich lachen“ geschrieben haben kann. 😉
    Aber es stimmt, es war wirklich eisig.
    LG und ein „frohes Neues“!
    Wolfgang

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    • Hey, Wolfgang, frohes Neues auch dir!
      Die von dir bemängelte Wortstellung kann ich vollumfänglich (wo habe ich bloß dieses furchtbare Wort her) zurückweisen.
      1. Zweite Quelle gefunden, Wikisource, die verweisen unter anderem auf den Original-Scan, der Link weist aber nur den Anfang des Gedichtes nach, das (relevante) Ende ist hier.
      2. Der „Wandsbecker Bothe“ (Schreibweise mit „ck“ bis 1879) wurde in den Jahren 1770 bis 1775 von Matthias Claudius als einzigem Redakteur herausgegeben und dann eingestellt. Nicht sehr wahrscheinlich, dass Claudius bei seinem Werk dieser Fehler unterläuft, würde ich denken. Das Gedicht findet sich im 4. Teil der Gesamtausgabe des Wandsbecker Bothen von 1774.

      Wenn die Satzstellung also so gewollt ist, warum denn bloß? Denn eigentlich würde ich auch sagen, dass er hier aus dem Rhythmus fällt. Mir ist aufgefallen, dass ich ein ähnliches Phänomen aus alten Kirchenliedern kenne, wo das geschieht, damit der Text besser singbar ist bzw. bestimmter Inhalt durch gewisse Töne hervorgehoben wird. Nun glaube ich nicht, dass Claudius sein Gedicht gesungen hören wollte, ich vermute aber, dass er diese Stelle aus dem Rhythmus genommen hat, um sie besonders zu betonen. Warum ihm das „todt lachen“ allerdings so wichtig gewesen sein könnte – da passe ich.
      Herzliche Grüße aus dem Nebelgrau
      Christiane

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      • Wow, da bin ich baff… toll, dass Du das klarstellen konntest. Natürlich würde sich der Dichter nicht selbst falsch zitieren. Bei nochmaligem Drübernachdenken komme ich zu dem Schluss, dass der für mich als „richtiger“ empfundene Rhythmus möglicherweise nicht den Sinn ergibt, den der Verfasser beabsichtigt hatte. Bei der von mir vorgeschlagenen Version wäre das Lachen der Wichtige und „tot“ nur ein Zusatz. Matthias Claudius kam es aber wohl gar nicht auf das Lachen an, sondern darauf, dass der Winter mit seiner Kälte normalerweise anderen den Tod bringt und nicht sich selbst, außer eben beim Tot(h)lachen, daher wahrscheinlich die Betonung auf „sich“.
        Danke, mit herzlichen Grüßen zurück aus den selben, wunderschönen Grau
        Wolfgang

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