Aufruf! Balladenwochenende: Die Brück‘ am Tay

Balladen sind, kurz erklärt, Romanhandlungen in einem Gedicht zusammengefasst. Das macht das Gedicht in der Regel länger, jawohl, und zumindest wenn es eine klassische Ballade ist, macht es das Gedicht auch gereimt, auf jeden Fall gibt es so etwas wie ein Versmaß. Und meist ist es dramatisch (was sehr oft wörtliche Rede bedeutet), womit es dann erstens (hoffentlich) nicht langweilig ist und zweitens gleich drei Literaturgattungen vereint: Lyrik, Epik, Drama.

Klingt eigentlich ganz nett? Ist es auch. Wäre es noch viel mehr, wenn nicht ungezählte Schüler/innen in ungezählten Jahrgängen damit geplagt worden wären, eines dieser Trümmer auswendig lernen und aufsagen zu müssen. Ich hatte auch diese Sorte Lehrer, die einem alles versauen können. Bei mir haben sie es nicht geschafft, aber wenn ich Balladen nicht vorher schon gekannt und geliebt hätte, wäre es knapp geworden. Ich vermute mal, ihr habt da eigene Geschichten.

Daher und auch, weil es ein grau-weißer, kalter, stürmischer Freitag der 13. im Winter ist und ich finde, dass wir alle „Lieder vor dem Ofen zu singen“ brauchen und singen sollten, damit die Welt bunt bleibt, mein Aufruf an euch: Macht mit beim Balladenwochenende! Füllt drei Tage lang eure Blogs mit Balladen! Postet eure Lieblingsballaden bei euch, stoßt ein Fenster in andere Welten auf, erzählt, warum ihr diese Ballade besonders liebt oder hasst oder was euch mit ihr verbindet! Ich freue mich, wenn mein Bildchen benutzt wird und/oder ihr hierher verlinkt, aber das steht euch natürlich völlig frei.

 

Blog goes Ballade | 365tageasatzadayQuelle: Bild Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Meine Freitags-Ballade, die mich damals unglaublich beeindruckt hat, basiert auf einem wahren Vorfall.

 

Theodor Fontane: Die Brück‘ am Tay (Quelle)

(28. Dezember 1879)
When shall we three meet again?
Macbeth

»Wann treffen wir drei wieder zusamm?«
»Um die siebente Stund‘, am Brückendamm.«
»Am Mittelpfeiler.«
»Ich lösche die Flamm.«
»Ich mit.«

»Ich komme vom Norden her.«
»Und ich vom Süden.«
»Und ich vom Meer.«

»Hei, das gibt einen Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.«

»Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund’?«
»Ei, der muß mit.«
»Muß mit.«

»Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand!«

Auf der Norderseite, das Brückenhaus —
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu,
Sehen und warten, ob nicht ein Licht
Übers Wasser hin »Ich komme« spricht,
»Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
Ich, der Edinburger Zug.«

Und der Brückner jetzt: »Ich seh’ einen Schein
Am anderen Ufer. Das muß er sein.
Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,
Unser Johnie kommt und will seinen Baum,
Und was noch am Baume von Lichtern ist,
Zünd’ alles an wie zum heiligen Christ,
Der will heuer zweimal mit uns sein, —
Und in elf Minuten ist er herein.«

Und es war der Zug. Am Süderturm
Keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,
Und Johnie spricht: »Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
Die bleiben Sieger in solchem Kampf.
Und wie’s auch rast und ringt und rennt,
Wir kriegen es unter, das Element.

Und unser Stolz ist unsre Brück’;
Ich lache, denk’ ich an früher zurück,
An all den Jammer und all die Not
Mit dem elend alten Schifferboot;
Wie manche liebe Christfestnacht
Hab’ ich im Fährhaus zugebracht
Und sah unsrer Fenster lichten Schein
Und zählte und konnte nicht drüben sein.«

Auf der Norderseite, das Brückenhaus —
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu;
Denn wütender wurde der Winde Spiel,
Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel’,
Erglüht es in niederschießender Pracht
Überm Wasser unten… Und wieder ist Nacht.

»Wann treffen wir drei wieder zusamm?«
»Um Mitternacht, am Bergeskamm.«
»Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.«

»Ich komme.«
»Ich mit.«
»Ich nenn’ euch die Zahl.«
»Und ich die Namen.«

»Und ich die Qual.«
»Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.«
»Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand.«

 

Weshalb ich diese Ballade niemals völlig vergessen werde, hat mehrere Gründe. Das Unglück, über das Fontane berichtet, hat es wirklich gegeben, Fontane spricht „vom Einsturz der Firth-of-Tay-Brücke in Schottland am 28. Dezember 1879, der mit einem Eisenbahnzug 75 Menschen in den Tod riss. Die Firth-of-Tay-Brücke war 1871–1878 unter enormem Aufwand erbaut worden und bereits eineinhalb Jahre nach ihrer Eröffnung im Sturm zusammengebrochen“ (Quelle: Wikipedia, seht euch die Bilder an, ich zumindest war damals schon fassungslos).

Ferner ist diesem Gedicht ein Zitat aus Shakespeares „Macbeth“ vorangestellt. Ich will hier überhaupt keine Diskussion über Shakespeare vom Zaun brechen, seine Werke sind (mit anderen) das Fundament, auf dem die moderne Geistesgeschichte steht. Meine Erinnerung an Macbeth ist eine Off-Topic-Erinnerung an den Englischunterricht der Oberstufe, als wir das Teil ungelogen mindestens ein Jahr durchgekaut und alles, wirklich alles, durchdiskutiert haben. (Wir haben uns, trotz der Orson-Welles-Verfilmung, teilweise rechtschaffen gelangweilt. Der Parallelkurs hatte mit „Romeo und Julia“ mehr Glück.) Und drittens geht es um das Wirken von Hexen.

Ich habe schon immer ein Faible für Hexen gehabt. Ich fand es meist doof, wie sie in den Märchen wegkamen, ich hatte immer das Gefühl, dass da mehr dahintersteckte, als man mir erzählte. Auch Fontane benutzt Hexen hier nur scheinbar als Sündenböcke, in Wirklichkeit kritisiert er die Industrialisierung, die Fortschritts- und Technikgläubigkeit der Menschen, die glauben, die Macht der Naturgewalten (hier symbolisiert durch die Hexen, siehe Macbeth) bezwungen zu haben. Kommt mir als Thema heute immer noch sehr vertraut vor.

Und schließlich gibt es da noch Terry Pratchetts Eingangsszene zu „MacBest“.

Wind heulte. Blitze stachen ziellos herab, wie ein ungeschickter Mörder. Donner rollte über das dunkle, regengepeitschte Land. […] Mitten im elementaren Stürmen, neben tropfnassen Stechginsterbüschen, glühte Feuerschein wie Tollheit im Auge eines Wiesels. Das flackernde Licht fiel auf drei Gestalten. Es blubberte im nahen Kessel, und eine unheimliche Stimme kreischte: Wann soll’n wir drei uns wiedersehen?“
Eine kurze Pause folgte.
Schließlich erwiderte eine andere und weitaus normaler klingende Stimme: „Tja, ich hätte nächsten Dienstag Zeit.“

Willkommen auf der Scheibenwelt! Wer jetzt bildlich sehen möchte, worauf Terry Pratchett sich bezieht, klicke hier, dies ist die Eingangsszene von Macbeth in der grandiosen Verfilmung mit Orson Welles.

Reicht das? Das reicht. Also, ich freue mich darauf, eure liebsten Balladen zu lesen.

Und last but not least gibt es nach so viel Shakespeare noch ein Bröckchen Otto Sander zu herrlichen Bildern von William Turner.

 

 

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84 Kommentare zu “Aufruf! Balladenwochenende: Die Brück‘ am Tay

  1. Nicht mein Genre. Aber ich gebe dir dennoch was: Die Texte von Ian Curtis kann man auch als Poesie lesen (er war Fan von unter anderem William Wordworth), ich persönlich halte New Dawn Fades für ein gutes Beispiel. Es ist von Vorteil wenn du das Lied nicht kennst und nur den Text liest. Decades fällt für mich auch da rein, aber das hält nicht jeder aus. Auch nicht zu lesen, man weiß ja was kurz danach passierte.

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    • Du, spätestens mit Bob Dylan als Literaturnobelpreisträger sollte sich überall herumgesprochen haben, dass es (gesungene) Balladen gibt, die hohe Literatur sind und richtig viel Spaß machen. Ich liebe derartige Geschichten seit jeher, Kategorie: Was man zur Gitarre singen kann. Aber hier ging und geht es mir um die ausgewiesenen Gedichte, die Schätze (klassisch oder nicht, deutsch oder nicht), die ruhig mal wieder gehoben werden könnten.
      Liebe Grüße
      Christiane

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      • Dachte ich mir. Mit Gedichten kann ich nicht ernstllich aufwarten. Möglicherweise hat(te) Thomas Kling was im Reportoire, das dazu passt, aber von ihm kenne ich nicht genug, nur ein paar einzelne gelesen.

        Ansonsten würde ich vielleicht noch Erich Fried und „Krank“ dareinzählen oder „Ich will“ von Bucay, aber das ist meine sehr eigenwillige Perspektive und es entsprechen beide eigentlich nicht der Balladengattung.

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        • Ich hätte es auch nicht ironisch verstanden. Vielleicht so vor 16/17 Jahren, das war zum Teil schwer in der Bibliothekarinnenausbildung zu sagen, das und das mag ich nicht oder habe ich in der Schule nicht gehabt (wir hatten sehr selektiven Deutschunterricht, ich habe auch Probleme mit grammatikalischen Termini. Ich kann dir das erklären, aber ich weiß die Fachwörter nicht. Irgendwann wird das Atelier-Kind mich lehren…), Fakt ist aber, es interessiert mich als Gattung und Genre einfach nicht, genauso wie ich mit Fantasy oder Science-Fiction oder Frauenromanen nicht kann. Das ist schon okay so.

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  2. Moinsen Christiane, uuh, damit haben sie mich im Deutschunterricht auch gequält. Balladen bevorzuge ich seitdem als Musik. Es gibt eine ganze Reihe toller Songs.
    Kaffee und ein Stückchen Marzipan-Mandel-Kuchen, den ich sogar gebacken habe? 😉 Liebe Grüße, Annette
    P.S. Hat euch der Schnee erwischt?

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  3. ‚Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand‘
    Diese Worte wuchsen mich groß, nur diese weiß ich noch aus der Kindheit. Ich lernte in der Schule nur Herrn von Ribbeck und statt den zu behalten und ehrend zu erinnern, lernte ich lieber den Rilke- weil ich in seine Gedichte verliebt bin und den Herrn von Ribbeck zwar auch sehr mag, doch ihn auffrischen müsste um ihn munter unter die Birnen zu intonieren.
    Balladen müssen fesseln, eindringlich vorgetragen sein, bis man diese schottische Fontanenacht unterm Shirt frieren fühlt als klammes Grauen. Eine hohe Kunst, wer das richtig kann. Balladensänger. Ich hatte so eine in der Familie.
    Liebe Grüße von der Fee

    Gefällt 5 Personen

  4. purer Zufall: ich hatte für heute eine moderne Ballade bei mir im Blog programmiert

    https://11sternschnuppe11.wordpress.com/2017/01/13/ich-wollte-meinen-koenig-toeten-eine-ballade/

    Da ich im Gegensatz zu meinen Klassenkameraden schon immer zu Schulzeiten gern auswendig gelernt habe, habe ich sie sogar freiwillig damals alle (Goethe, Schiller usw.) vorgetragen. Den Ring lernte ich an einem Abend (heute könnte ich ihn nicht mehr ganz auswendig).
    Ich besitze ein schönes Balladenbändchen (Ausgabe des Deutschen Bücherbundes) Was nie verstummt Hrsg. Hans Fromm, in dem auch moderne Balladen zu finden sind; hier noch eine Kostprobe von Arno Holz, es war meine Lieblingsballade, ich konnte sie sogar auf Platt:

    Een Boot is noch buten!

    »Ahoi! Klas Nielsen und Peter Jehann!
    kiekt nach, ob wi noch nich to Mus sind!
    Ji hewt doch gesehn dem Klabautermann?
    Gottlob, dat wi wedder to Hus sind!«
    Die Fischer riefen’s und stießen ans Land
    und zogen die Kiele bis hoch auf den Strand,
    dumpf an rollten die Fluten;
    Han Jochen aber rechnete nach
    und schüttelte finster sein Haupt und sprach:
    »Een Boot is noch buten!«

    Und ernster keuchte die braune Schar
    dem Dorf zu über die Dünen;
    schon grüßten von fern mit zerzaustem Haar
    die Frau’n an den Gräbern der Hünen.
    Und »Korl!« hieß es und »Leiw Marie!«
    »T is doch man schön, dat ji wedder hie!«
    Dumpf an rollten die Fluten.
    »Un Hinrich, min Hinrich? Wois is denn dee?!«
    Und Jochen wies in die brüllende See:
    »Een Boot is noch buten!«

    Am Ufer dräute der Möwenstein,
    drauf stand ein verrufnes Gemäuer,
    dort schleppten sie Werg und Strandholz hinein
    und gossen Öl ins Feuer.
    Das leuchtete weit in die Nacht hinaus
    und sollte rufen: O komm nach Haus!
    Dumpf an rollen die Fluten.
    Hier steht dein Weib in Nacht und Wind
    und jammert laut auf und küßt dein Kind:
    »Een Boot is noch buten!«

    Doch die Nacht verrann, und die See ward still,
    und die Sonne schien in die Flammen,
    da schluchzte die Ärmste: »As Gott will!«
    und bewußtlos brach sie zusammen!
    Sie trugen sie heim auf schmalem Brett,
    dort liegt sie fiebernd im Krankenbett,
    draußen plätschern die Fluten;
    dort spielt ihr Kind, ihr »lütting Jehann,«
    und lallt wie träumend dann und wann:
    »Een Boot is noch buten!« –

    Es gibt auch eine gesungene Version von Achim Reichelt, sie erscheint mir aber zu unernst

    So, Hausaufgaben gemacht -:))) und Dein Otto Sander/Turner: zusammen ein Gedicht bzw. eine Ballade.

    Lieber Gruß in Freitag, den 13., ich bin hier oben fast weggeflogen heute Nacht.

    Karin

    Gefällt 9 Personen

    • Ja, du bist im Zentrum des Sturms (gewesen), nicht? Wir hier nicht, zum Glück. Hier schneeregnet und tropft es wie blöde, und der Fellträger kam aufgeplustert und maunzend vom Nachtgang hereingeschossen 😉
      Danke für Arno Holz, die kenne ich auch, klar, mir war nur der Dichter entfallen. Und ich bin deiner Meinung, Achim Reichel hat bessere Vertonungen von Balladen abgeliefert als diese. ABER er macht es, und er macht es modern, und prinzipiell finde ich dieses ganze Projekt toll. Es ist halt so wie mit dem Rilke- und dem Hesse-Projekt auch: Man muss die Musik dazu mögen bzw. sich langsam daran gewöhnen, es ist wirklich eine Erweiterung des Hörens.
      (Otto Sander ist mir hier übrigens fast zu schnell. Aber ach, Turner …)
      Liebe Grüße, halt dein Dach und den Pelzigen gut fest
      Christiane

      Gefällt 3 Personen

  5. Guten Morgen liebe Christiane, ich konnte schon früh alle klassischen Balladen auswendig und hatte Bücher darüber, also konnte mich kein Lehrer quälen 😉 Gerne mache ich mit, aber eine Lieblingsballade habe ich nicht, doch es wird eine schöne sein, versprochen!

    Gefällt 3 Personen

    • Gerne, lieber Arno, da bin ich gespannt! Und wir haben ja auch noch morgen und übermorgen: BalladenWOCHENENDE! 🙂
      Meine Lieblingsballade (eine meiner) darf aus diesen und jenen Gründen nicht zitiert werden, aber das ist eine andere Geschichte 😦
      Liebe Grüße
      Christiane

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  6. Ich sage mal erfreut über deinen Edit. Danke und lese mich da fein hinein.
    Ich bin auch so ein „schulballadenhasser“
    Mit 15 bestand für mich die Welt am wenigsten aus Balladen und diesem anderen trockenem Rezitiertexten.
    Da wurde krampfhaft versucht an junge Menschen etwas heranzutragen was 99% aus meiner Schule grauenvoll & total daneben fanden.
    Da teilten sich Welten zwischen Lehrkörper und Weltentdeckern.
    Und bis heute habe ich da wenig Zugang & denke ich werde auch ohne Ballade sterben.
    Es sei denn Tom Waits hustet in Versen während ich mit den Engeln tanze.

    Dir dennoch meinen tiefen Respekt und gutes Balladieren.

    Gefällt 1 Person

    • Es gibt genügend Balladen in gesungener Form, und ich bin ziemlich sicher, dass du viele davon kennst. Ansonsten gibt es ja auch moderne Balladen („modern“ im Gegensatz zu meinen eher klassischen): Wirst du mit Brecht warm, was das angeht?
      Und wenn nicht, dann eben nicht *phhh*. Kann nicht jeder alles wissen und mögen, ich schrieb es schon. Alles gut, und Tom Waits würde ich dann auch gern zuhören … 😉
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  7. Die Brücke am Tay kannte ich nicht.
    Danke für diese tolle, für mich ganz und gar neue Ballade.
    Ich mochte so viele und mag sie immer noch, einen echten Liebling hab ich da auch nicht.
    Sie sind spannend in meinen Augen und haben eine Dramatik, die mich meist sehr mitreißt.
    Ich denke nur z. B. an Trutz Blanke Hans von Detlef Liliencron,
    da bekomme ich immer Gänsehaut:

    Heute bin ich über Rungholt gefahren,
    die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
    Noch schlagen die Wellen da wild und empört
    wie damals, als sie die Marschen zerstört.
    Die Maschine des Dampfers schütterte, stöhnte,
    aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte:
    Trutz, Blanke Hans!

    Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,
    liegen die friesischen Inseln im Frieden,
    und Zeugen weltenvernichtender Wut,
    taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.
    Die Möwe zankt schon auf wachsenden Watten,
    der Seehund sonnt sich auf sandigen Platten.
    Trutz, Blanke Hans!

    Mitten im Ozean schläft bis zur Stunde
    ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde.
    Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand,
    die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand.
    Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen
    und treibt ihn, sechs Stunden, wieder von hinnen.
    Trutz, Blanke Hans!

    Doch einmal in jedem Jahrhundert entlassen
    die Kiemen gewaltige Wassermassen.
    Dann holt das Untier tiefer Atem ein
    und peitscht die Wellen und schläft wieder ein.
    Viel tausend Menschen im Nordland ertrinken,
    viel reiche Länder und Städte versinken.
    Trutz, Blanke Hans!

    Rungholt ist reich und wird immer reicher,
    kein Korn mehr faßt selbst der größeste Speicher.
    Wie zur Blütezeit im alten Rom
    staut hier alltäglich der Menschenstrom.
    Die Sänften tragen Syrer und Mohren,
    mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren.
    Trutz, Blanke Hans!

    Auf allen Märkten, auf allen Gassen
    lärmende Leute, betrunkene Massen.
    Sie ziehn am Abend hinaus auf den Deich:
    „Wir trutzen dir, Blanker Hans, Nordseeteich !“
    Und wie sie drohend die Fäuste ballen,
    zieht leis aus dem Schlamm der Krake die Krallen.
    Trutz, Blanke Hans!

    Die Wasser ebben, die Vögel ruhen,
    der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen,
    der Mond zieht am Himmel gelassen die Bahn,
    belächelt den protzigen Rungholter Wahn.
    Von Brasilien glänzt bis zu Norwegs Riffen
    das schlafende Meer wie Stahl, der geschliffen
    das Meer wie schlafender Stahl, der geschliffen“. (1)
    Trutz, Blanke Hans!

    Und überall Friede, im Meer, in den Landen.
    Plötzlich, wie Ruf eines Raubtiers in Banden:
    das Scheusal wälzte sich, atmete tief
    und schloß die Augen wieder und schlief.
    Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen
    kommen wie rasende Rosse geflogen.
    Trutz, Blanke Hans!

    Ein einziger Schrei- die Stadt ist versunken,
    und Hunderttausende sind ertrunken.
    Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,
    schwamm andern Tags der stumme Fisch.—
    Heut bin ich über Rungholt gefahren,
    die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
    Trutz, Blanke Hans!

    Da in wortbehagen nur von mir selbst geschriebene Gedichte oder andere Wortwerke stehen und ich gerade bei den vier Elementen bin, mache ich nur hier, aber sehr gerne mit, liebe Christiane.

    Herzlichst Bruni

    Gefällt 3 Personen

    • Ha, Bruni, da haben wir aber gerade wirklich getauscht! Klar kenne ich die Rungholt-Sage, „das Atlantis des Nordens“, da kommt man nicht drumherum, wenn man hier oben lebt, aber ich kann mich nicht erinnern, die Ballade jemals gelesen zu haben. (Kann eigentlich gar nicht sein.) DankeDankeDanke!
      Morgen geht es weiter!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

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  9. Guten Morgen junge Frau !

    Das ist ja mal was. So ein Thema so gar nicht für mich als eher unbelesenen Menschen. Nein – kein Widerspruch sei geduldet- es ist wie es ist, es geht um die Relation. Klar hats mir die Schule vermiest, aber ich war ja auch Teil dieses Systems und vielleicht zu dieser Zeit – vorsichtig gesprochen – meiner Zeit nicht gerade voraus.
    Also Balladen, klar, da fallen mir die Murder Ballads von Cave ein und diverse Historik-Bands, aber dir gehts um verstaubte Klassiker, oder nicht verstaubte.
    Auswendig lernen in der Schule, ja, schnell und gut, aber schnell keine Lust mehr dazu, andere Dinge gemacht.
    Sei es drum, es ist rum. Irgendwie aber sollte ich doch mein Deutschtrauma nun mal aufarbeiten, und bevor ich wieder in die Pause gehen, warum nicht heute? Bevor mir jetzt einer mit einem Grund kommt, voilà! Die Stadtgedichte waren in der Schulzeit ganz lustig, weil wir dann im Unterricht eigene Stadtgedichte … ach und so weiter, der übliche Quatsch.
    Ich hab mal was gesucht aus dem guten alten Schwäbischen aber den Schiller wollt‘ ich nicht, also ists der Uhland geworden.

    Lustige Grüße nach Elphiburg.

    Gefällt 4 Personen

    • Ich bin schwer angetan von deinem Werk und dem von Herrn Uhland. Du bist echt eine Wundertüte, Herr Autopict, und ich hoffe/frage mich, ob du morgen noch mal mitmachen willst (natürlich nur zur Traumabewältigung), dann geht es in die Schlussrunde …
      Ja, die Elphi wird abgefeiert, was sollen sie sonst auch machen, lang genug hats gedauert und genug hat sie gekostet … und jetzt schwamm drüber und alles hübsch. *phhh*.
      Ich will irgendwann mal auf die Plaza, da, wo das gemeine Volk hindarf, und mir die Aussicht reinziehen. Ohne Kräne macht sie ja wirklich was her. Wetter abwarten …
      Liebe Grüße aus dem leicht beschneiten Hamburg
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

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  19. Hallo Christiane, schöner Aufruf! 🙂

    Deine heutige „Füsse-im-Feuer“ Ballade hat mich erst hierher gebracht … dachte ich doch:
    Sie schreibt von den Hugenotten und dann noch Schillers Glocke ….

    … okeee ich schreib mit nämlich zur Glocke.
    Muss ich aber nicht alles abschreiben gell? 😉
    Auf jeden Fall gibt es schon was dazu im Totenhemd-Blog … das bringe ich dann alles zusammen.
    Schönen Sonntag noch.
    Tschüss vom Sofa am verschneiten Zürichsee.

    Petra

    Gefällt 1 Person

    • Was? Ich habe einen „Glocke“-Fan unter meinen Leser/innen? Petra, du seltenes Gewächs!
      Ich bin gespannt … nein, abschreiben musst du sie nicht *augenroll*, aber wie wäre es mit reinkopieren *duck*? Okay, aber prominent verlinken wirst du sie schon, oder? Falls wirklich jemand dieses Juwel deutscher Dichtkunst erfolgreich verdrängt hat … 😉
      Liebe Sonntagsgrüße aus dem nur ganz wenig verschneiten Hamburg
      Christiane

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Ja, eben. Und du so?

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