Sternenwanderer | abc.etüden

Der Priester war fett, so unglaublich fett, dass es Merin jedes Mal ekelte, wenn sie ihn ansah. Aber sie musste ihn auch nicht mögen, er war nur der Mittelpunkt der wichtigsten Zeremonie ihres Lebens, zu der sich das ganze Dorf um das große Feuer versammelt hatte. Schon immer war das Sternenwandern ein Vorrecht ihrer Sippe gewesen. Seit ein paar Monden war sie endlich alt genug, nun war sie an der Reihe, hinauszugehen. Oder bleiben zu müssen, das Feuer würde es sagen.
Als er ihr gebieterisch winkte, legte sie ihm den kleinen Lederbeutel mit den seltenen schwarzen Steinsplittern in die Hand, die sie in den letzten Wochen auf ihren einsamen Wanderungen gesammelt hatte. Er warf die Bruchstücke auf die Blechpfanne, die seit Stunden auf dem Feuer stand und glühte. Ein fliederfarbener Lichtschein erhob sich plötzlich, die Umstehenden raunten beeindruckt, die Steine schienen zu schmelzen und färbten sich blutrot. Der Priester begann auf seinem Hocker gefährlich zu schwanken, als er die Augen so verdrehte, dass Merin nur noch die weißen Augäpfel sah. Mit einer Stimme, die sie noch nie von ihm gehört hatte, rief er schallend: „Merin, Sternenwanderer, wo ist dein Herz?“

 

abc.etueden schreibeinladung 10.17 4 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

Es gibt Wörter, die sind wie glatt geschliffene Kiesel, sie passen leicht und gefühlt für fast alles, man kann sie schleudern wie Würfel. Die dieser Woche (Sternenwandern, fliederfarben, Bruchstücke) sind dagegen anders, sie sind kantig und schillernd und wunderbar, und es sagt bestimmt etwas über mich aus, dass mein erster Schreibimpuls, der erste Satz, der mir in den Sinn kam (der letzte), in Fantasy-Richtung weist …

Schreibeinladung zu Kürzestgeschichten, 3 Worte in maximal 10 Sätzen, Woche 10/ 17, Gastgeber ist zum Glück wie immer der Herr hinter dem Textstaub, Wortspenderin die famose Frau Westendstorie.

 

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