Namen tanzen | abc.etüden

Sternenwandern? Das war ja fast so schlimm wie seinen Namen zu tanzen. Er hatte vor Jahren ohne Bedauern seine Familie hinter sich gelassen, in der man zumindest Letzteres leider nicht brüllkomisch fand. Als Informatik-Student kurz vor dem Diplom lebte er gut damit, nicht mehr ständig von seinem Umfeld gefragt zu werden, ob er in der Oberstufe noch andere Fächer als Klatschen, Singen und Tanzen gehabt hätte.

Aber da war Marie, süß, Biologiestudentin und nervtötend alternativ, die eine Vorliebe für fliederfarbene Hippie-Klamotten hatte und immer ein bisschen nach Räucherstäbchen roch. Marie, die ihn anstrahlte und mit ihrem Lachen machte, dass sein Hirn aussetzte und er wie der komplette Vollidiot in der Gegend herumstand. Die gefragt hatte, ob er mit ihr zum Sternenwandern wolle, sie sei so gern mit ihm zusammen.

Sein Schicksal schien ihm besiegelt. Er atmete tief ein, fühlte seinen Widerstand zu Bruchstücken zerfallen und nickte. Namen tanzen war eigentlich gar nicht so schlimm.

 

abc.etueden schreibeinladung 10.17 3 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

Hab gerade Sehnsucht nach heiler Welt, was Cooles fällt mir nicht ein. Sei es drum.

Sternenwandern, Bruchstücke, fliederfarben. Schreibeinladung zu Kürzestgeschichten, 3 Worte in maximal 10 Sätzen, Woche 10/ 17, Gastgeber ist der Herr hinter dem Textstaub, Wortspenderin in dieser Woche die Frau Westendstorie.

 

 

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34 Kommentare zu “Namen tanzen | abc.etüden

  1. Ich weiß nicht wie es in Hamburg ist. Aber bist du dir sicher, dass die Räucherstäbchen-Ethno-Eso-Fraktion so gut mit Menschen aus der Alternativpädagogik klarkommt? Zumindest unter den jüngeren müssten die sich über „Namenstänzer“ ziemlich beömmeln, meiner Erfahrung nach, aber das kann auch nur hier so sein und ist für deine Geschichte nicht so wichtig.

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    • Ich glaube, die Vorurteile gegen Waldorfschulen/-pädagogik sind überall und altersunabhängig. Meiner Erfahrung nach ist zumindest die Eso-Szene mit den Steiner-Leuten stark verquickt; aber mein Protagonist tut ja nun nach außen so, als habe er mit dem Auszug seine Waldorf-Vergangenheit weeeeeeit hinter sich gelassen, ob Marie also davon weiß, ist durchaus nicht gesagt.
      Liebe Grüße
      Christiane

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      • Steiner ist (meine Erfahrung nach dem was ich davon kenne, bin weiß was auch immer keine Spezialistin) schon gewissermaßen Eso an sich. Ich komme auch in die Anthroposophie bei Beuys nicht rein, zum Beispiel.

        Wenn du irgendwie anders sozialisierst wirst – ich spreche aus Erfahrung -, das lässt du nie hinter dir. Du kannst dich anpassen, du kannst deine Werte ändern, du kannst dem, wo du herkommst kritisch gegenüberstehen, aber du lässt es nie ganz hinter dir. Es kommt durch, ob du willst oder nicht. Dazu ist die Kindheit zu prägend.

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        • Ja, das denke ich auch. Man lässt die Kindheit nie ganz hinter sich. Ist auch *gut* (bitte durch geeigneteres Wort ersetzen) so, diese Erfahrungen machen Identität aus, auch wenn man es eher negativ sieht.
          Daher denke/dachte ich auch, dass ein ehemaliger Waldorf-Schüler mit einer Hippie-Räucherstäbchen-Tante ganz gut können sollte und würde ihnen beiden so ein Alt-68er-Herkunftsmilieu unterschieben.

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        • Das weiß ich natürlich nicht. Die beiden Waldörflerinnen, die ich kannte, eine dürfte jetzt etwa 40-43 sein, die andere um die 30, blieben was den Sozialkreis anging eher unter ihresgleichen, obwohl die eine nach der 4. und die andere nach der 10. Klasse auf staatliche Schulen wechselten. Theoretisch müsste die, die nach der 4. Klasse ging noch bessere Chancen gehabt haben. Wenn man nach der 10. erst wechselt, weiß ich ja selbst, kann es sehr schwer sein.

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        • Deine Erfahrungen unbenommen, aber ich glaube eigentlich nicht, dass eine Waldorf-Kindheit so ein großes Drama ist, wenn alle anderen Parameter einigermaßen stimmig waren.

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        • Ich sage nicht Drama und es ist auch nicht per se schlecht. Im Gegenteil. Wenn du anders sozialisiert wirst, egal wie, als die meisten Menschen, dann bleibt aber diese Prägung. Auch wenn du später was ganz anderes machst/denkst/willst. Das sieht man zum Beispiel auch bei Menschen, die einfach nur z.B. in irgendeinem gläubigen Elternhaus aufwuchsen, oder – wenn da auch schon etwas anders der Fall – bikulturell, selbst wenn man sich später entscheidet, dass das was man als Kind mitbekam nicht das ist was man leben möchte, ein bisschen was, das sich auf alles andere abfärbt, wenn auch nur leicht, bleibt immer. Das wirkt bei Schullaufgängen mit alternativen Konzepten nur so stark hervor, weil es weit weniger bekannt oder sofort durchschaubar ist für die meisten Leute als zum Beispiel der liberal freikirchlich erzogene Mitschüler oder so was. Der sticht dann vielleicht vor allem wegen irgendeinem biblischen Vornamen hervor oder so, aber der Waldörfler/Montessori/etc., der nach 10 Jahren neu in die Klasse kommt, der wirkt erstmal als sei er vom Mars, wenn er den Mund aufmacht. Da muss die Erziehung nicht aus einer subjektiven Sicht schlecht gewesen sein.

          Geht aber auch so: Auf einer der Internationalen Schulen, an denen ich arbeitete kam ein Mädchen nicht mit dem System zurecht und musste runter, aber der ersten Schule mit dem deutschen Schulsystem hatte die tierische Probleme. Ein Mädchen aus deutscher Familie, viel Kontakten und Vereinen etc., die also wusste wie Gleichaltrige sind, weil sie das von der Freizeit kannte. Die hat auch nie ganz in die „normale“ Schule und später zu den „normalen“ Studenten gepasst.

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        • Ja, die Prägung bleibt, umso mehr, wenn man sich dessen eigentlich gar nicht bewusst ist (wie auch in dem Alter) oder sein will, hatte ich dir darin nicht schon zugestimmt? Aber danke für die Beispiele, die mir aus meiner entsprechenden Zeit fehlen.

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        • Doch, aber ich habe deinen letzten Kommentar aus einer anderen Richtung verstanden. Ich bin heute etwas flüchtig mit Aufmerksamkeit. Vielleicht hast du das in Herne in den Nachrichten gesehen oder gehört. Das ist nicht bei uns, aber der Typ wird in ganz Deutschland gesucht und verstärkt natürlich in NRW. Das Atelier-Kind geht normalerweise – heute nicht, wollen die Eltern nicht – alleine zur und von der Schule. Viele Leute sind auch hier etwas quer im Kopf (es fahren wohl S-Bahnen bis Herne durch).

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        • Alles gut, ich hatte mich bisschen gewundert.
          Ja, hab ich gehört. Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass da viele Eltern (und nicht nur die) ziemlich neben sich stehen. Furchtbar. 😦

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        • Der einzige „Vorteil“ – und es ist traurig, dass man so denken muss -, ist, dass sofort klar war, der Täter ist blonder Deutscher. Sonst ginge das ab wie letztens in Heidelberg, wo die Polizei in Mannheim erst auf twitter etwas direkter werden musste, weil so viele Gerüchte gestreut wurden. Dann hätten wir hier richtig Stress. Der Typ von Berlin soll zeitweise in Oberhausen und Duisburg gemeldet gewesen sein – der Aufruhr reichte bis hier. 😦

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  2. Es kommt einfach darauf an, wie du auf die Dinge schaust. Mit den Augen Maries betrachtet ist dein Protagonist auch mit dem „Namentanzen“ ausgesöhnt 🙂 Tatsächlich sind die Vorurteile immer noch diesselben, mein Sohn ist 17 und die Waldorfschule direkt neben seinem Gymnsium…er selber war im Waldorfkindergarten und ich hätte es gerne gehabt, dass er auf die Waldorfschule geht. Ich finde das Konzept wunderbar, aber er wollte nicht. Der Kindergarten war einfach toll, ich würde es immer wieder so machen. Die Eurhytmie ist ja nur ein kleiner Teil, was einfach schön ist, dass nicht nur Kopfarbeit geleistet wird sondern auch viel Kreatives und Handwerkliches vermittelt wird. Hingegen im Lehrplan der staatlichen Schulen Bildende Kunst und Musik nur jedes 2. Jahr drankommt, weil im G8 gar kein Platz mehr ist dafür. Zumindest in Baden-Württemberg ist das so. Die meisten Vorurteile gegen die Waldorfschule kommen von den Leuten, die noch nie eine von innen gesehen haben.
    Liebe Grüße Carmen

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    • Ha, den letzten Satz unterschreibe ich sofort, und geärgert habe ich mich mehr als einmal darüber.
      Dass man als junger Mensch genervt ist, auf ein Vorurteil reduziert zu werden (mein Protagonist) und endlich untertauchen will, ist, denke ich, ein Selbstgänger. Auch, dass ihn dieses Mädchen anspricht, die auch nicht gerade der coole, glatte Mainstream ist.
      Heute würde ich sagen, dass ich gern selbst auf eine Waldorfschule gegangen wäre, aber damals gab es das schlicht nicht in erreichbarer Nähe, und es wäre vermutlich am Geld gescheitert …
      Ich finde es übrigens gut, dass du deinen Sohn hast entscheiden lassen.
      Liebe Grüße
      Christiane, die G8 für ziemlichen *bittehöflichesWortfürSchwachsinneinsetzen* hält

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      • G8 ist in der Tat Schwachsinn – ich habe ein Riesenglück, dass Benedict – mittlerweile- so eine stoische Grundhaltung hat und das Schulthema dennoch mit beträchtlichem Erfolg durchzieht.Aber es blieb der Klavierunterricht auf der Strecke, er hat kaum mehr Zeit bzw. Energie mal ein Buch zu lesen, das nicht auf dem Lehrplan steht. Die wenige freie Zeit braucht er tatsächlich zum ERHOLEN. Dafür ist er dann mit 17 mit dem Abi durch – super 😦 Als ob er mit 17 besser wüsste was er machen will als ich damals mit 20 (habe einmal geparkt).Und zum Thema Waldorfschule: ich wäre die perfekte Waldorfschülerin gewesen – aber bei uns gab es keine in der Nähe und vermutlich wäre es auch am Geld gescheitert. Ich bin ja auch ein typisches Kind der 60er Jahre, die erste in der Familie, die Abi gemacht hat usw. Damals war für Mädchen aus Nicht-Akademiker-Familien maximal die Realschule vorgesehen, denn „sie heiraten ja doch, dass lohnt sich nicht“. .Ist alles noich gar nicht soooo lange her –
        mit lieben Grüßen aus dem völlig verregneten Schwabenland
        Carmen

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        • Richtig, sie heiraten ja doch, die Mädchen *nicknicknick*. Wobei wir dann damit auch den gestrigen Weltfrauentag abgehakt hätten.
          Und was mensch wirklich tun will … also ich habe das auch mit 25 nicht gewusst, da allerdings hatte ich dann schon ein paar unerwartete Talente entdeckt, die meinen Horizont erweiterten …
          Hier ist alles grau in grau, noch ohne Regen, aber der ist angesagt.
          Ganz liebe Grüße zurück
          Christiane

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  3. Das mit der Sehnsucht nach der heilen Welt mag ja sein, Christiane. Toll fnde ich, dass deine kleine Geschichte trotzdem nicht auf ironische Brechung verzichtet. („… nicht mehr ständig von seinem Umfeld gefragt zu werden, ob er in der Oberstufe noch andere Fächer als Klatschen, Singen und Tanzen gehabt hatte.“)

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  4. Schöner Text…ich mag den Duft von Räucherstäbchen…
    und dieses Wahnsinnsgefühl, das weiche Knie macht und Herzflattern und dazu führt, daß man zwar auf keinen Fall was Falsches sagen möchte, aber die Worte sich beim Denken schon verwirren, wenn man in so glänzende Augen schaut…
    liebe Grüße

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  5. Sie ist einfach nur wunderschön, Deine kleinen Geschichte, liebe Christiane, die ganz und gar nicht cool ist und genau so ist sie auch gut und gefällt mir sehr.
    Es passte alles, fügte sich leicht und harmonisch in den Rahmen ein und ich könnte schwören, daß Du sie in kurzer Zeit unbeschwert und locker geschrieben hast.
    Sie ist wie aus einem Guß und so sollte eine solche Geschichte sein.

    Läüchelnde Grüße von Bruni

    Gefällt 3 Personen

Ja, eben. Und du so?

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