Sie nannte ihn „Zaunkönig“ | abc.etüden

Wer zum letzten Mal aus dem Heim auscheckte, der hinterließ selten mehr als einen Koffer und einen Karton voller Habseligkeiten: Marie, die Großmutter von Tom „King“ Hartmann, war da keine Ausnahme. Nun saß er da, vor sich auf dem Tisch das ausgebreitet, was sie bis zum Schluss bei sich hatte haben wollen, und wollte eigentlich gar nicht hinsehen.
Neben dem Alltäglichen lagen da Bilder von der Familie, klar, ihr Ehering, alter und neuer Schmuck. Darunter ein tropfenförmiger, klarer Anhänger aus Gießharz, bisschen größer als eine Murmel, darin eingegossen eine Haarlocke von ihm aus der Zeit, als er noch klein gewesen war und unglaubliche blonde Locken gehabt hatte, und ein Bild von einem Zaunkönig. Als Junge hatte er nicht gewollt, dass sie ihn „Spatz“ nannte, da hatten sie sich auf „Zaunkönig“ geeinigt, klein und frech und laut auch der. Und hey, ein König!
Der Anhänger war selbst gemacht und er hatte ihn immer völlig peinlich gefunden, aber sie hatte ihn geliebt und oft getragen. Er griff danach, fädelte ihn auf ein Lederband und hing ihn sich um den Hals. Was kümmerte ihn sein Geschwätz von früher. „Ach, Omi“, sagte er leise und spürte ein paar Tränen seine Wangen hinabrollen, „verdammt.“

 

abc.etueden schreibeinladung 12.17 1 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

Für die abc.etüden des Herrn lz: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Marion (Findesatz) und lauten: Murmel, Habseligkeiten und Zaunkönig.

 

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