Namen tanzen | abc.etüden

Sternenwandern? Das war ja fast so schlimm wie seinen Namen zu tanzen. Er hatte vor Jahren ohne Bedauern seine Familie hinter sich gelassen, in der man zumindest Letzteres leider nicht brüllkomisch fand. Als Informatik-Student kurz vor dem Diplom lebte er gut damit, nicht mehr ständig von seinem Umfeld gefragt zu werden, ob er in der Oberstufe noch andere Fächer als Klatschen, Singen und Tanzen gehabt hätte.

Aber da war Marie, süß, Biologiestudentin und nervtötend alternativ, die eine Vorliebe für fliederfarbene Hippie-Klamotten hatte und immer ein bisschen nach Räucherstäbchen roch. Marie, die ihn anstrahlte und mit ihrem Lachen machte, dass sein Hirn aussetzte und er wie der komplette Vollidiot in der Gegend herumstand. Die gefragt hatte, ob er mit ihr zum Sternenwandern wolle, sie sei so gern mit ihm zusammen.

Sein Schicksal schien ihm besiegelt. Er atmete tief ein, fühlte seinen Widerstand zu Bruchstücken zerfallen und nickte. Namen tanzen war eigentlich gar nicht so schlimm.

 

abc.etueden schreibeinladung 10.17 3 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

Hab gerade Sehnsucht nach heiler Welt, was Cooles fällt mir nicht ein. Sei es drum.

Sternenwandern, Bruchstücke, fliederfarben. Schreibeinladung zu Kürzestgeschichten, 3 Worte in maximal 10 Sätzen, Woche 10/ 17, Gastgeber ist der Herr hinter dem Textstaub, Wortspenderin in dieser Woche die Frau Westendstorie.

 

 

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Überfließende Himmel verschwendeter Sterne

Überfließende Himmel verschwendeter Sterne
prachten über der Kümmernis. Statt in die Kissen,
weine hinauf. Hier, an dem weinenden schon,
an dem endenden Antlitz,
um sich greifend, beginnt der hin-
reißende Weltraum. Wer unterbricht,
wenn du dort hin drängst,
die Strömung? Keiner. Es sei denn,
dass du plötzlich ringst mit der gewaltigen Richtung
jener Gestirne nach dir. Atme.
Atme das Dunkel der Erde und wieder
aufschau!       Wieder.       Leicht und gesichtslos
lehnt sich von oben Tiefe dir an. Das gelöste
nachtenthaltne Gesicht giebt dem deinigen Raum.

(Rainer Maria Rilke, April 1913, Paris
Gedichte an die Nacht, Quelle)

 

Es ist Montagvormittag, es regnet, und mir ist so … rilkig … zumute. Zeit für ein Montagsgedicht. Dazu passt, dass es eine wunderbare Vertonung dazu gibt (mit Hannelore Elsner), die ich euch natürlich nicht vorenthalten will.

 

 

Kommt gut in und durch die Woche!

 

Sternenwanderer | abc.etüden

Der Priester war fett, so unglaublich fett, dass es Merin jedes Mal ekelte, wenn sie ihn ansah. Aber sie musste ihn auch nicht mögen, er war nur der Mittelpunkt der wichtigsten Zeremonie ihres Lebens, zu der sich das ganze Dorf um das große Feuer versammelt hatte. Schon immer war das Sternenwandern ein Vorrecht ihrer Sippe gewesen. Seit ein paar Monden war sie endlich alt genug, nun war sie an der Reihe, hinauszugehen. Oder bleiben zu müssen, das Feuer würde es sagen.
Als er ihr gebieterisch winkte, legte sie ihm den kleinen Lederbeutel mit den seltenen schwarzen Steinsplittern in die Hand, die sie in den letzten Wochen auf ihren einsamen Wanderungen gesammelt hatte. Er warf die Bruchstücke auf die Blechpfanne, die seit Stunden auf dem Feuer stand und glühte. Ein fliederfarbener Lichtschein erhob sich plötzlich, die Umstehenden raunten beeindruckt, die Steine schienen zu schmelzen und färbten sich blutrot. Der Priester begann auf seinem Hocker gefährlich zu schwanken, als er die Augen so verdrehte, dass Merin nur noch die weißen Augäpfel sah. Mit einer Stimme, die sie noch nie von ihm gehört hatte, rief er schallend: „Merin, Sternenwanderer, wo ist dein Herz?“

 

abc.etueden schreibeinladung 10.17 4 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

Es gibt Wörter, die sind wie glatt geschliffene Kiesel, sie passen leicht und gefühlt für fast alles, man kann sie schleudern wie Würfel. Die dieser Woche (Sternenwandern, fliederfarben, Bruchstücke) sind dagegen anders, sie sind kantig und schillernd und wunderbar, und es sagt bestimmt etwas über mich aus, dass mein erster Schreibimpuls, der erste Satz, der mir in den Sinn kam (der letzte), in Fantasy-Richtung weist …

Schreibeinladung zu Kürzestgeschichten, 3 Worte in maximal 10 Sätzen, Woche 10/ 17, Gastgeber ist zum Glück wie immer der Herr hinter dem Textstaub, Wortspenderin die famose Frau Westendstorie.

 

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Albtraum | abc.etüden

Ihr Leben: ein Fragment, eine Nussschale in der tobenden See. Sie fühlte sich den Elementen ausgeliefert. Kontrolle: keine. Das Gefühl, dass etwas bedrohlich nahe kam, wurde immer stärker. Ihre Angst: uferlos.
Mari schreckte hoch und hörte neben sich das Schnurren der Katze, die sie aus schmalen Augen beobachtete. „Nur ein böser Traum, Pantherchen“, vergewisserte sie sich und bat: „Kannst du ein bisschen auf mich aufpassen, damit ich noch mal schlafen kann?“ Wie zur Antwort streckte sich die Katze und drückte damit ihren Rücken an Maris Bauch.
Mari schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Tier: Der gleichförmige Rhythmus übertrug sich, als beide die Geschwindigkeit ihres Atems unbewusst aneinander anpassten. Dann driftete Mari erneut ins Land der Träume …

 

abc.etueden schreibeinladung 09.17 2 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

Noch eine Kürzestgeschichte für den Textstaub’schen Aufruf der KW 9/ 17 mit den Worten Atem, uferlos und Fragment.

 

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Abgehauen | abc.etüden

Mari lehnte sich schwer atmend an die Hauswand, ihr Atem und ihr Herz rasten, als ob sie um ihr Leben gerannt wäre. Ihr Zorn auf diesen … diesen … Mann war immer noch so uferlos, dass sie am liebsten laut geschrien hätte. Stattdessen hatte sie die Tür mit der albernen Milchglasscheibe zugepfeffert und war auch nicht stehen geblieben, als sie das Klirren gehört hatte. Die lag jetzt wohl in Scherben, in Fragmente zersprungen, so wie ihr gemeinsames Leben, so ein Pech aber auch.

Sie spürte eine Berührung am Bein und erschrak: „Mau“, sagte eine entschiedene Stimme, die zu einer schmalen, schwarzen Katze gehörte. Gedankenverloren nahm sie sie auf den Arm und kraulte sie, bis das pantherhafte Wesen laut schnurrend die prüfenden Augen schloss und sie trotz allem lächeln musste.
„Komm mit, wenn du magst“, sagte sie nach einer gefühlten Ewigkeit und stellte sie wieder auf die Füße, „etwas Besseres als den Tod finden wir überall.“ So war das eben mit ihr: Andere zitierten den Zauberer von Oz, sie die Bremer Stadtmusikanten.
Mari stieß sich von der Wand ab und brach auf in eine ungewisse Zukunft. Die Katze reckte den Schwanz wie eine Fahne in die Luft und folgte ihr.

 

abc.etueden schreibeinladung 09.17 1 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

Ohne Etüde fehlt mir was! Nun war ich diese Woche ja wirklich nicht untätig, aber was sprang mir gestern Abend in den Kopf? Eine kleine, feine Kürzestgeschichte für den Textstaub’schen Aufruf der KW 9/ 17, zu dem die famose Poeta Sandra Blume die wunderbaren Worte Atem, uferlos und Fragment beigesteuert hat. Vielen Dank!

 

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