Unwiderstehlich | abc.etüden

Groß, geschmeidig, elegant: So sahen Schwierigkeiten aus, er wusste es. Er hatte sie schon die ganze Zeit beobachtet, wie sie die Terrasse des Cafés überquerte und über die Treppenstufen nach drinnen steuerte. Wo sie ihn entdecken und auf ihn zuhalten würde, es war nur eine Frage der Zeit. Er hatte eben diese Wirkung.

Seine Mutter hingegen würde wieder einmal ausflippen. Neulich erst hatte sie ihn vor ihrem Damenkränzchen als egoistischen Genussmenschen beschimpft, der keinerlei Rücksicht auf ihre angegriffene Gesundheit nähme und dessen Impulsivität sie noch einmal ins Grab brächte.

Und wer dachte eigentlich an ihn, fragte er sich, als sie an seinem Tisch angelangt war und ihn anstarrte. Vorsichtig stellte er den Milchkaffee auf den Tisch und schob seinen Stuhl zurück. Ein Wort genügte: „Komm!“

Die graue Katze sprang auf seinen Schoß, reckte Kopf und Schwanz nach oben und schnurrte los, als er sie zu kraulen begann.

 

textstaub abc.etueden schreibeinladung 15.17 | 365tageasatzadayQuelle: textstaub.wordpress.com | atelier lz

 

Für die abc.etüden, Woche 15/ 17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Carmen | gingerpoetry (Wortwabe) und lauten: Treppenstufen, Milchkaffee und Komm!

 

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28 Kommentare zu “Unwiderstehlich | abc.etüden

  1. Das ist eine ‚Short-Short-Story! Mark Twain, der Erfinder der klassischen Short Story, hätte seinen Spaß gehabt und dann erst Baudelaire, der große Katzenverehrer…
    Fein geschrieben.
    LG von der Fee

    Gefällt 6 Personen

  2. In das Wort ‚Kürzestgeschichten‘ vom Herrn Textstaub bin ich verkuckt weil es so schön und präzise ist. Und obendrein ein langes Wort, das Kürzestes beschreibt. Ich liebe sich in sich selbst verselbständigende Widersprüche, sie sind kleine Wunderdinger.😉

    Gefällt 5 Personen

    • Sprache kann so unglaublich präzise sein. Ich freue mich immer wieder darüber, wenn es mir gelingt, die Worte so zu setzen, dass das gesagt wird, was ich will, und keine schlampigen, blumigen Umschreibungen. Ich erziehe mich sozusagen selbst. :-)

      Gefällt 4 Personen

    • Liebe Ulrike, ich danke dir herzlich und bekenne, dass ich dieses Mal besonders auf den Spannungsbogen geschielt habe – dass man wirklich erst im letzten Satz merkt, um was es geht.
      Danke und liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  3. Der Einladung wäre ich auch gefolgt, obwohl nur kurzbeinig -:))) herrlich dieser Spannungsbogen!
    Zur Short-Story in Amerika nur so viel, nicht Twain war der Erfinder, es war Washington Irving und durch Vorgaben der Illustrierten und Magazine, die von den Autoren eine Kurzform verlangten, übernahmen viele Schriftsteller diese Form, viele in Anlehnung an die europäische Novelle .
    Wir lesen gerade Lydia Davis im Litclub, auch sie eine Meisterin , allerdings gewöhnungsbedürftig, (Deine sind mir lieber) der Kürzestgeschichten; die kürzeste aus dem Sammelband: „Plötzlich verängstigt“ weil sie das Wort dafür, was sie war, nicht aufschreiben konnte: eine Fa Auf Rauf Aur Fura
    Das Schnurren sehr vermissend, sende ich liebe Grüße an Dich, Karin

    Gefällt 2 Personen

    • Dankeschön, liebe Karin, wieder bisschen klüger! Stimmt, Lydia Davis hattest du mir neulich schon empfohlen, ich erinnere mich. (Mist, vergessen.)
      Ich denke oft an dich und den Abwesenden.
      Liebe Grüße und danke
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

      • …gestern Nacht hatte die Fee Besuch. Von Washington Irving und Edgar Allan Poe. Sie waren sehr verärgert mit mir und protestierten über ihr Übergängnis und von wegen Erfinderspirit. Über Mark Twain war ich verärgert, denn der glänzte durch Abwesenheit und überließ mich schmählich dem gerechten Zorn der hohen Geister. Ach, was soll ich dazu sagen, liegt es mir ja doch im Magen: Die Fee ist halt doch nie kein Meister, noch fällt sie aus dem Himmel. Drum sagt sie Dank den belesenen Geistern, ein Rappe ist halt kein Schimmel….🐰🌈

        Gefällt 1 Person

  4. liebe Christiane, großartig! Ein super switch am Ende – völlig unerwartet! Ausgerechnet in „meiner“ Woche war ich in Urlaub und hatte 1.) permanenten Frischluftschock und 2.) nicht ganz so prickelnde Internetverbindung auf den Bergen…deshalb kommt mein Beitrag zu meiner Wortspende zeitversetzt…du hast ja die Latte ganz schön hoch gelegt :-)
    Liebe Ostergrüße nach Hamburg
    Carmen

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    • Liebe Carmen, endlich! Hab dich schon vermisst! Wenn du all „deine“ Geschichten lesen willst, dann solltest du auf die Schreibeinladung von letztem Sonntag gehen, ich habe sehr darauf gedrungen, dass alle irgendwie verlinkt sind.
      Guckst du hier!
      Liebe Grüße
      Christiane

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  5. *lach*, ach, ist DIE schon, diese kürzeste Kurzgeschichte von Dir!
    Großes Lob von mir jetzt auch dafür.
    Hoffentlich kann ich bald alle Deine Kurzgeschichten in einem Büchlein lesen, oder wird es etwa gar ein Buch werden *g* ?

    Liebe Ostermontagsgrüße von Bruni

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