Orpheus. Eurydike. Hermes

Wie jetzt, werdet ihr sagen, schon wieder Rilke? Ach, es ist mir egal, dass heute „Tag der Arbeit“ ist und man sicherlich trefflich über den Wandel der Zeiten spotten kann und könnte. Natürlich kann man das. Kann man immer.
Aber ich, ich habe dieses Gedicht neulich wiederentdeckt und war wie beim ersten Mal bezaubert von seiner Sanftheit und seiner Leichtigkeit … und der Trauer.

 

Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
Wie stille Silbererze gingen sie
als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.
Sonst war nichts Rotes.

Felsen waren da
und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres
und jener große graue blinde Teich,
der über seinem fernen Grunde hing
wie Regenhimmel über einer Landschaft.
Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,
erschien des einen Weges blasser Streifen,
wie eine lange Bleiche hingelegt.
Und dieses einen Weges kamen sie.

Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,
der stumm und ungeduldig vor sich aussah.
Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg
in großen Bissen; seine Hände hingen
schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten
und wußten nicht mehr von der leichten Leier,
die in die Linke eingewachsen war
wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums.
Und seine Sinne waren wie entzweit:
Indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,
umkehrte, kam und immer wieder weit
und wartend an der nächsten Wendung stand, –
blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.
Manchmal erschien es ihm als reichte es
bis an das Gehen jener beiden andern,
die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.
Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang
und seines Mantels Wind was hinter ihm war.
Er aber sagte sich, sie kämen doch;
sagte es laut und hörte sich verhallen.
Sie kämen doch, nur wärens zwei
die furchtbar leise gingen. Dürfte er
sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun
nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,
das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen,
die beiden Leisen,die ihm schweigend nachgehn:

Den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,
die Reisehaube über hellen Augen,
den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe
und flügelschlagend an den Fußgelenken;
und seiner linken Hand gegeben: sie.

Die So-geliebte, daß aus einer Leier
mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;
daß eine Welt aus Klage ward, in der
alles noch einmal da war: Wald und Tal
und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier;
und daß um diese Klage-Welt, ganz so
wie um die andre Erde, eine Sonne
und ein gestirnter stiller Himmel ging,
ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen – :
Diese So-geliebte.

Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
Sie war in sich, wie Eine hoher Hoffnung,
und dachte nicht des Mannes der voranging,
und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.
Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein
erfüllte sie wie Fülle.
Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel,
so war sie voll von ihrem großen Tode,
der also neu war, daß sie nichts begriff.

Sie war in einem neuen Mädchentum
und unberührbar; ihr Geschlecht war zu
wie eine junge Blume gegen Abend,
und ihre Hände waren der Vermählung
so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes
unendlich leise, leitende Berührung
sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.
Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,
die in des Dichters Liedern manchmal anklang,
nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland
und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.

Sie war schon aufgelöst wie langes Haar
und hingegeben wie gefallner Regen
und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.

Sie war schon Wurzel.

Und als plötzlich jäh
der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf
die Worte sprach: Er hat sich umgewendet -,
begriff sie nichts und sagte leise: Wer?

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
stand irgend jemand, dessen Angesicht
nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses selben Weges
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

(Rainer Maria Rilke: Orpheus. Eurydike. Hermes, aus: Neue Gedichte 1907, Quelle)

 

George Frederick Watts: Orpheus und Eurydike

 

Genießt den Feiertag und kommt gut in die Woche!

 

40 Kommentare zu “Orpheus. Eurydike. Hermes

  1. Pingback: Rilke gelesen und erinnert | voller worte

    • Ich dachte mir, dass du dazu vielleicht noch mal einen anderen Bezug haben könntest, liebe Gerda.
      Danke und einen schönen ersten Mai auch dir!
      Liebe Grüße
      Christiane

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  2. Liebe Christiane!

    … die Dinge singen hör ich so gern …

    …und der werte Herr Rilke lässt sich ja zu beinahe jeder Gelegenheit hervorholen. Wie immer, ein sehr schönes Gedicht.
    Die Bloghüttenalm wünscht ebenfalls einen wunderschönen ersten Mai, hoffentlich nicht so verregnet wie hier im Süden :)

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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    • Nein, werte Dame, hier oben ist der 1. Mai strahlend sonnig, wenn auch recht kühl. Ich hoffe, dass es zumindest heute noch so bleibt und enteile nach Sichtung der Blogkommentare vermutlich nach draußen Richtung Deich …
      Liebe Grüße auf die Alm ;-)
      Christiane

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  3. oh ja, der Meister schrieb
    und stille wurden seine Sinne
    nichts störte ihn
    er schrieb im Rausch

    und sooo, liebe Christiane, las ich ihn jetzt auch,
    denn mir ging es wie Gerda, ich kannte es auch nicht …

    Herzlichst aus dem Regentag Bruni

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    • Ja, das ist keines von denen, die man in jeder Rilke-Gedächtnisausgabe findet. Meiner Meinung nach völlig zu Unrecht. Ich mag es sehr.
      Feiertagsgrüße aus dem sonnigen Norden
      Christiane

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  4. Liebe Christiane,
    das literarisch-mythische Thema von Orpheus & Eurydike hat mich schon als Jugendliche begeistert und berührt. Es ist immer wieder bedenkens- und hinspürenswert. Und in Begleitung von Rilke wird es lyrisch ausgesprochen standesgemäß reanimiert!
    Hab‘ Dank für den poetischen Tiefgang! :-)

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      • Alles eine Sache der zwanglosen Hörübung ;-) , dafür kann ich mir z.B. Heavy Metal nicht mit Genuß anhören.
        Es ist gut, daß wir uns unsere Musik aus einer Riesenvariantenfülle aussuchen können und dürfen.
        Harmonische Grüße
        Ulrike

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        • „Zwanglos“ ist so eine Sache … Wie schrecklich wäre es, wenn wir alle denselben Geschmack hätten oder haben müssten. Und das Ambiente/ die Mithörerschaft spielt ja auch immer eine Rolle.
          Sei herzlich gegrüßt, gern auch (phil-) harmonisch ;-)
          Christiane

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