Der Erleuchtete | abc.etüden

Gehen in Achtsamkeit und Bewusstheit, das hatte sich in der Kursbeschreibung so toll gelesen und war genau der Ausgleich, den er zu der anstrengenden Arbeit auf den höheren Ebenen dringend nötig hatte. Er hatte eine harmonische Location und spirituelle Teilnehmer erwartet, die über seine kleinen Unzulänglichkeiten lächelten, ihn in ihre Mitte aufnahmen und ihn für seine natürliche Autorität bewunderten. Schließlich war auch er nur ein Mensch.

Nun, der Erfolg ließ noch etwas auf sich warten. Seine Füße schwollen beim stundenlangen Gehen an und er patschte mühsam hinter den anderen her. Flundernplatt waren seine armen Füße, groß und riesig breit und ganz sicher blasenübersät, er wollte eigentlich gar nicht erst hinsehen. Vor lauter Verzweiflung visualisierte er sprudelnde Fußbäder und warf imaginäre Handvoll Badesalz hinein, berauschte sich an dem Duft von Lavendel, Rosenöl und Sandelholz.

Er war auserwählt, aber die Welt war einfach noch nicht bereit für das, was er ihr zu geben hatte. Sein Lehrmeister hatte ihm dies in ihrer astralen Kommunikation vorausgesagt. Ach: Es war wohl sein Schicksal, verkannt zu bleiben.

 

lz abc.etueden schreibeinladung 2 elke böhm 25.17 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler

 

Disclaimer: Ich treffe immer wieder mal auf ziemlich humorlose spirituelle Leute und kann nicht ausschließen, dass sich in der geschätzten Leserschaft meines Blogs auch der eine oder die andere befindet, der/die sich jetzt aufs Ego getreten fühlt. Daher möchte ich in aller Deutlichkeit sagen: Du bist nicht gemeint bzw. nur dann, wenn du dir das ans Bein bindest!
Dieser „Erleuchtete“ hat seine Vorbilder in zwei Männern, die ich vor über 15 Jahren kurz kannte und die (unabhängig voneinander) angaben, Kontakte zur/in der Astralwelt zu haben, welche ihnen Allmachtsgedanken einpflanzten. Der eine hat es nicht überlebt (eine längere Geschichte, die ich gern bei einem Bier erzähle), der andere war eine in jeder Hinsicht verkrachte Existenz – ein netter Typ, aber niemand, an den man sich wenden sollte, um mal kurz die Welt zu retten.

Ach, und selbstverständlich latscht man in einem Kinhin (buddhistische Gehmeditation, hier mehr) als Anfänger auch nicht stundenlang durch die Gegend.

Für die abc.etüden, Woche 25.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Elke (elke-boehm.de) und lauten: Badesalz, flundernplatt, Lehrmeister.

 

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20 Kommentare zu “Der Erleuchtete | abc.etüden

  1. Schön, die Kommis zu lesen 🙂
    Und schön schmunzelig, die Geschichte Deiner Erleuchtung, ähm, die Deines Erleuchteten, der latscht und sich verkannt fühlt und wieder mal erkennt, daß er sich am falschen Ort zu befinden scheint.
    Die Astralwelt, bzw. Engelwelt, von der mir vor Jahren erzählt wurde, hat mich damals in Angst und Schrecken versetzt.
    Eine falsch verführende Welt wurde für eine Gruppe von Schwerstkrebskranken, die dort Trost fanden, wo wirklich keiner war …, erfunden Es ist 1o Jahre her und es ärgert mich noch heute.
    Liebe Grüße an Dich

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    • Weißt du, liebe Bruni, gerade in so einem Umfeld frage ich mich, ob es nicht okay ist, wenn es den Betroffenen in irgendeiner Form hilft. Ganz krass gesagt: Wenn es sie glücklich macht, lass sie doch.
      Nein, ich rede natürlich nicht von irgendwelchen Heilsversprechen, davon, viel Geld für irgendwas zu zahlen, das Schwerstkranke quasi über Nacht gesunden lässt, irgendwelchen Manipulationen etc., klar.
      Aber es gibt viel mehr, als die Schulmedizin weiß, auch klar, und ich würde das durchaus unterstützen, auch wenn es für Uneingeweihte obskur klingt.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  2. in diesem speziellen Fall, liebe Christiane, war es nur lächerlich und gemein, es wurde mit einer seltsamen Hoffnung gespielt und viel Geld genommen von den Menschen, die inzwischen nur noch von unterstützenden Menschen lebten.
    Es war mein überaus kluger Chef, der es erleben mußte. Hoffnung ist immer gut, das ist klar, aber hier ging es nur um Geld, um gezielte Ausnutzung und falsche Versprechen

    Liebe Grüße von Bruni

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