Rausch | abc.etüden

Er hatte schon immer diese Sekunde geliebt, wenn die Achterbahn ihren höchsten Punkt erreicht hatte und quälend langsam vornüberkippte. Das Gefühl war einzigartig, erschreckte einen schier zu Tode und machte einen süchtig, wenn man aus dem richtigen Stoff dafür war. Aber ihm war das auf die Dauer nicht genug. Er wollte mehr, er brauchte den ultimativen Kick des Abgrunds.

Morgen würde er springen und alles aufs Spiel setzen. In einem Wingsuit dahingleiten wie ein Vogel, für wenige Sekunden wild und frei im Rausch des Lebens.
Er legte den Kopf in den Nacken und sah an den Glasfassaden der Straßenschlucht entlang. In der Mitte blieb sein Blick hängen und wurde in die Höhe gezogen: DER TURM.
Sein Schicksal, morgen.

Morgen Abend um diese Zeit war er entweder betrunken oder tot.

 

lz abc.etueden schreibeinladung 3 wortbehagen 27.17 | 365tageasatzadayvisuals: lz. (ludwigzeidler.de | odradet.de)

 

Was ich über Basejumping und Wingsuit-Fliegen weiß ist wenig mehr als der Eintrag in der Wikipedia: Es wird als der gefährlichste Extremsport der Welt bezeichnet, die Todesrate ist echt hoch. Ich bin aus diesem Stoff nicht gemacht, ich hätte mein Leben gern einigermaßen kontrolliert, danke, meine Abenteuer finden woanders statt. Nur manchmal erwischt mich eine Sehnsucht nach dem Leben jenseits der Grenzen …  😉

Für die abc.etüden, Woche 27.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Bruni (wortbehagen.de) und lauten: Achterbahn, Straßenschlucht, einzigartig.

 

 

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26 Kommentare zu “Rausch | abc.etüden

    • Das legt sich. Irgendwann. Ich weiß noch, da saß ich mit einem Freund in einem Fahrgeschäft auf dem Dom (in Hamburg heißt der große Rummel „Dom“) und mein Körper signalisierte mir: Ich will jetzt bitte sterben bzw. hör auf mit dem Scheiß, sonst kotze ich. Und ich war nicht besoffen. Daraufhin habe ich dann festgestellt, dass ich fahrgeschäftstechnisch besser in die Oma-Klasse wechseln sollte: Kategorie Riesenrad.
      Wenn du mit dem Achterbahn-Gefühl aber den Hunger nach Leben meinst: Ja, klar, aber bitte ohne sterben.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  1. Mir sind all diese Extremsportler fremd; es muss wie eine Sucht sein, von der sie nur los kommen, wenn sie gesundheitlich ausgeknockt werden.
    Du hast diese Sucht nach dem Kick gut beschrieben, dieses Wissen um Leben oder Tod und dem Trotzdem.
    Vom friedlichen, gewitternassem Dach einen lieben Morgengruss an Dich in den Aufstand nach Hamburg, Karin

    Gefällt 3 Personen

  2. Schöne Kürzestgeschichte. Und hey – das „Leben“ (oder Nichtleben) jenseits der Grenzen werden wir doch alle mal kennenlernen. Manche früher, manche später. Die Mortalität aller Lebenden liegt bekanntlich bei 100%. In diesem Sinne einen sonnigen Sommertag!

    Gefällt 3 Personen

      • Danke dir. Ich hoffe, im Nichtleben auf der anderen Seite der Welt entweder in irgendeiner Weise meinem Mann zu begegnen – oder dem absoluten Nichts. Beides wäre nach einem befriedigenden Leben im Hier und Jetzt nicht besonders beängstigend. Aber wer weiß? Vielleicht wird es auch ein Höllenritt. Dann bin ich dankbar dafür, es nicht jetzt schon ahnen zu müssen. Und nein, ich ahne nichts dergleichen ;).

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        • Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es danach „irgendwie“ weitergeht. Über das „Wie“ weiß ich nichts, aber ich halte es für freundlich …
          Jede Kultur bekommt bestimmte Vorstellungen zum Jenseits eingeimpft, und sie sind doch oft sehr unterschiedlich. Ich halte mich aus Spekulationen diesbezüglich raus … und schaue nach vorn.
          Liebe Grüße
          Christiane

          Gefällt 2 Personen

  3. Was für die einen der ulitimative Kick ist, ist für andere (für mich zum Beispiel) nur eine Horrorvorstellung und doch faszinieren mich die Leute, die von Hochhäusern springen oder an senkrechten Wänden hinaufklettern …
    dein Text ist spannend!
    herzlichst
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  4. Als Sportlerin kenne ich den Rausch. Nach schweren Radunfällen auch die Tücken. Nichts geht über Gesundheit. In den Achterbahnen bräche mir mein Rücken durch, selbst auf langen Touren belaste ich ihn nicht so wie bei den heftigen Stopps nach rechts oder links. Adrenalin wird auch ausgeschüttet wenn man vollauf etwas genießt oder der Körper ausdauernd bewegt wird. Vielleicht ist es dann kein ‚Kick‘, sondern strömt eher langsam und verwandelt sich in Zufriedenheit. Dann ist es gesund, das kenne ich von Wanderungen oder langen ausgedehnten Touren mit Pausen, Begegnungen, besonderen Ausblicken. Poetry in motion. Deine gelungene Etüde, das, was Du da beschreibst, dicht und eindringlich, klingt wie Russisches Roulette und ist es wohl auch.
    Einen lieben Gruß von der Fee

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    • Wenn man auf die Webseiten des Basejumping-Verbandes geht, sieht man, dass sie um maximale Sicherheit bemüht sind. Klar, sollte auch so sein.
      Trotzdem, schaut man Videos und lauscht auf die darunterliegenden Emotionen, dann ist da bei vielen mehr. Insofern wollte ich das, was du „Russisches Roulette“ nennst (prima!), unbedingt drinhaben. Danke für deine Bestätigung, dass es mir gelungen ist.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  5. Extremsport? Nein, nie
    *Das Gefühl war einzigartig, erschreckte einen schier zu Tode*
    Bis dahin gehe ich mit, aber keinen mm weiter. Einmal probiert und Grauen gespürt – Das reichte mir.

    Ich bin eher die Hüterin, Sammlerin, auch Eindrücke sammeln gehört dazu. Da stecken auch Wunder und Kicks! Jede Menge.
    Man/frau darf halt nicht an ihnen vorbeirennen … 🙂

    Dein Text ist toll, liebe Christiane. Es ist wirklich sehr interessant, was jeder mit den Worten macht .
    So viele verschiedene Geschichten stecken in nur drei Worten

    Liebe Sonntagsgrüße von Bruni

    Gefällt 2 Personen

  6. Morgän, gehört eindeutig in unsern Totenhemd-Blog: wer extrem Sport treibt muss übers Sterben sprechen … mehr dazu später oder morgen wenn ich deine abenteuerliche Geschichte verlinkt habe …. käme mir nie in den Sinn …. Hilfe!!! … zu sehr Kontrollfreakin :-).
    Tschüss

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    • Moin Petra, ich habe den „Rebloggen“-Button aktiviert, wenn du gerebloggt hast, nehme ich ihn wieder raus.
      Freut mich, dass du die Geschichte magst, mich bekämen da auch keine zehn Pferde hoch …
      Liebe Grüße
      Christiane

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  7. Pingback: mitgelesen: abc.etüden: Rausch | Totenhemd-Blog

Ja, eben. Und du so?

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