Der Wassermaler, Teil II | Etüdensommerpausenintermezzo

Willkommen bei der zweiten Hälfte meines Etüdensommerpausenintermezzos! Es ist die etwas längere Hälfte *hust* – man sollte mir keine Zeit geben, etwas zu überarbeiten, dann findet sich Halbsatz nach Halbsatz ein … Immerhin habe ich nichts mehr wirklich umgeschrieben!  🙂

(Es geht in diesem Intermezzo darum, folgende Wörter in einen Text beliebiger Länge, in dem REGEN irgendwie eine Rolle spielen muss, einzubauen: Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator, Wassermaler.)

So endet der erste Teil:

… Er beschattete mit der Hand die Augen und konzentrierte sich. Da war doch im Tiefen, ein Stück jenseits der Absperrung, eine Badekappe mit einem rosa Schwimmring, oder täuschte er sich? Ihm war gar nicht bewusst, dass er sich in Bewegung gesetzt hatte, als er schon zu der Station der Rettungsschwimmer rannte. Mick und sein Kumpel sahen durch ihre Ferngläser in die Richtung, in die er nach Luft ringend deutete, einer rief „Oh, Scheiße“ und griff nach seinem Funkgerät. Wenige Sekunden später sahen sie einen der Wachgänger ins Wasser rennen und zügig loskraulen.

 

Das Schlimmste war dieses quälende Gefühl des Vorherwissens, was weiter geschehen würde. Die Erinnerung überflutete ihn wieder, er wollte lieber nicht hinsehen, konnte sich aber nicht zurückhalten und wappnete sich irgendwie für das Schlimmste, während er den Weg des Rettungsschwimmers verfolgte. Zu seinem Glück bemerkte er aber noch rechtzeitig, dass an seinem Stand ein Ehepaar darauf wartete, dass er auftauchte, also überließ er das Geschehen halb widerwillig, halb erleichtert dann doch den Profis und ging hin – er konnte es sich nicht leisten, potenzielle Kunden zu ignorieren. Und wirklich, heute war ein guter Tag, sie nahmen zwei Bilder zu einem sehr akzeptablen Preis.
Nachdem sie abgezogen waren und er sich sofort wieder den Hals nach dem Geschehen am Strand verrenkte, sah er lediglich den DLRG-Jüngling mit einem Kind auf dem Arm und dem rosa Schwimmring in der Hand langsam über den Strand wandern und sich seinen Weg zwischen Schirmen und Handtüchern hindurch bahnen. Gott sei Dank. Er atmete tief durch und fühlte sich plötzlich schlapp wie ein angepikter Luftballon und ein bisschen albern. Nichts war passiert, anscheinend, sonst wäre da jetzt die Hölle los.
Alles nur Kino in seinem Kopf.
Schlechtes.
Und ob das Kind die Nicht-Marie war, brauchte ihn jetzt auch nicht mehr zu kümmern. Noch mehr Kids hatten rosa Schwimmringe.
Er beschloss zusammenzupacken und heimzugehen, es sah inzwischen verdammt nach Regen aus, und zwar bald. Genug Aufregung für heute. Schade nur um das Feuerwerk.

 

Sonntag

„Die Rettungsschwimmer haben gesagt, ich solle mich bei dem Wassermaler bedanken, wenn überhaupt, sie hätten nur ihre Pflicht getan und würden nichts dafür annehmen. Das waren doch Sie? Gestern?“
Er sah überrascht von seinem Buch hoch und schob die Lesebrille über den Haarkranz. Kein Wetter zum Malen heute; nach dem Regen, der fast die ganze Nacht über heruntergerauscht war, war es unbeständig und schwül-warm. Aber ihn hielt nichts im Haus, schlechtes Wetter schon mal gar nicht, also hatte er beschlossen, wie jeden Tag zur Seepromenade zu kommen und an der frischen Luft einen Espresso zu trinken. Für alle Fälle lag seine Skizzenkladde neben ihm.

Natürlich erkannte er sie sofort. Die Mutter des Mädchens, das bestimmt nicht Marie hieß. Sie war es also doch gewesen! Heute trug sie einen knallroten Rock und darüber ein schwarzes, ärmelloses Top, das verkündete, sie stünde mit beiden Beinen fest im Glitzer. Na dann.
„War ich“, sagte er, stand auf und streckte ihr die Hand hin, „darf ich mich vorstellen, mein Name ist Max Hansen. Sagen Sie Max.“ Sie ergriff sie.
„Helene Matthies, und sagen Sie bloß nicht Helene, so nennt mich nur meine Oma. Ich bin Lena.“
„Setzen Sie sich, Lena, und trinken Sie einen Kaffee mit mir.“
Ein schneller Blick auf die Uhr.
„Ja, gern.“
„Wie geht es Ihrer Tochter, hat sie den Schreck überstanden? Wie konnte sie überhaupt ins offene Wasser geraten?“
Lena seufzte.
„Lilli behauptet, und ich sage nicht, dass ich ihr das so glaube, dass sie gar nicht bemerkt hätte, dass sie schon jenseits der Absperrung war. Außerdem wären auch noch andere Kinder dabei gewesen, zumindest am Anfang. Und sowieso hätte sie alles voll unter Kontrolle gehabt und sie verstünde gar nicht, warum ich mich jetzt so aufregen würde. Ehrlich gesagt halte ich das mit der Absperrung für einen Fall von ‚Das Gras ist auf der anderen Seite vom Zaun grüner.‘.“
Er lachte los, er konnte sich nicht zurückhalten.
„Sie lachen“, sagte sie und grinste dabei auch ein bisschen schief, „okay, der Rettungsschwimmer, der sie gestern zurückgebracht hat, hat ihr einiges über ‚ablandigen Wind‘, ‚Sog‘, ‚gefährlich‘ und ’sich nicht überschätzen‘ erzählt. Sie findet ihn total toll und will jetzt auch Rettungsschwimmerin werden. Immerhin will sie ihn nicht gleich heiraten. Ich frage mich, was das erst gibt, wenn sie in die Pubertät kommt.“ Sie verdrehte gespielt genervt die Augen.
„Aber Sie hätten das Gezeter gestern Abend hören sollen, weil das Höhenfeuer ausfiel! Wo sie mir schließlich abgetrotzt hatte, dass sie so lange aufbleiben durfte, wegen Ferien und so! Als ob ich gemacht hätte, dass es zur Strafe regnet und das Feuerwerk nicht stattfindet! Und heute Morgen hat sie die ganze Zeit gequengelt, dass ich ihr doch jetzt nicht etwa verbieten würde, zum Schwimmkurs zu gehen, wo sie doch jetzt schon richtig gut wäre. Hatte ich nie vor, muss ich sagen, ich bin ja heilfroh, dass sie so easy schwimmen lernt und Spaß hat. Und überhaupt, meint sie, das gestern sei doch nur ein kleines Missgeschick gewesen. Manchmal frage ich mich, woher sie mit sieben so viele Wörter kennt. Von mir hat sie das nicht.“

„Finde ich gut, dass sie sofort wieder ins Wasser will, das ist wichtig“, sagte er. „Marie, also meine Tochter, war auch so. Nicht aus dem Wasser zu kriegen, nachdem sie erst mal damit vertraut geworden war.“
„War?“, fragte Lena behutsam. Eine Pause entstand, in der er kurz überlegte, ob es fair war, sie mit seinem Kummer zu belasten. Ach, warum nicht.
„Ein Segelunfall“, platzte er heftiger als beabsichtigt damit heraus, „als sie acht Jahre alt war. Der Jüngsten-Segelschein. Auch so ein Kurs, bei dem nie was passiert, wie diese Seepferdchenkurse. Eine plötzliche Windböe, drei Optimistenjollen rasseln zusammen und kentern, ein Kind gerät unglücklich unter Wasser und kann nicht rechtzeitig wiederbelebt werden …
Es ist jetzt gut zehn Jahre her, aber es verfolgt mich manchmal noch immer in den Schlaf. Und Ihre Lilli sieht ihr ähnlich, das muss ich zu meiner Verteidigung sagen.“
„Oh Gott, wie furchtbar!“, stieß sie hervor. „Das muss schrecklich gewesen sein! Entschuldigen Sie bitte, dass ich gefragt habe, ich wollte gewiss keine bösen Erinnerungen aufrühren. Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn Lilli etwas passieren würde. Seit Lillis Vater uns verlassen hat, habe ich nur noch sie.“
Er nickte.
„Ging uns damals auch so. Meine Frau und ich, wir sind beide auf unsere Art damit nicht fertiggeworden. Ich dachte, ich müsste ihr den starken Mann vorspielen und war dabei vielleicht mindestens ebenso bedürftig wie sie, nur halt anders. Habe ihr ständig erzählt, dass sie nach vorn blicken müsste. Und als sie es dann endlich konnte, bin ich eingeknickt und habe sie hängen lassen, weil ich nicht dazu fähig war. Eineinhalb Jahre nach dem Unfall haben wir uns getrennt. Es ging nicht mehr. Ich bin hierher zurückgekommen, weil ich nicht weit weg geboren bin und es dort bei ihr nicht mehr ausgehalten habe.“
Er atmete tief durch und zwang den letzten Schluck kalten Espresso hinunter.
„Hört sich schlimm an, ich weiß, war auch schlimm. Inzwischen geht es mir wieder einigermaßen. Die Zwischenstadien erspare ich Ihnen. Aber so ist dann ganz langsam ein etwas kauziger Wassermaler aus mir geworden.“

Sie schwiegen beide. Er las in ihren Augen, dass er ihr irgendwie leidtat. Na ja, das war normal. War es auch normal, dass er sich irgendwie befreit fühlte, wie von einer Last? Er sprach selten über Marie, und schon gar nicht mit Fremden.
Auf jeden Fall war es ein gutes Gefühl.
„Es ist mir schrecklich peinlich, ausgerechnet jetzt aufbrechen zu müssen“, sagte Lena, „aber in zehn Minuten ist Lillis Seepferdchenkurs aus, und danach bin ich mit ihr bei der Rettungsschwimmer-Station verabredet, weil sie sich bedanken und natürlich schauen will, ob ihr Held von gestern heute auch da ist. Wollen Sie mitkommen? Lilli freut sich. Sie hat gestern nämlich bestimmt dreimal gefragt, ob das auch ganz sicher Sie gewesen wären.“

Früher hätte er abgelehnt, hätte die Situation irgendwie komisch oder doof gefunden und keinem zur Last fallen wollen. Aber auch ein alter Esel konnte lernen.
So nickte und lächelte er und erwiderte schon im Aufstehen: „Wissen Sie was? Die Rettungsschwimmer arbeiten alle ehrenamtlich für ’n Appel und ’n Ei, aber ich kann Ihnen verraten, dass das Café, vor dem wir gerade sitzen, verdammt guten Kuchen hat. Wenn Sie also eine Runde ausgeben wollen, hier böte sich eine gute Gelegenheit. Ich helfe Ihnen gerne tragen.“

ENDE

 

Na, alle noch da? Oder hab ich euch breit gequasselt? Geschieht euch recht!  😀

 

intermezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

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44 Kommentare zu “Der Wassermaler, Teil II | Etüdensommerpausenintermezzo

    • Du bist vom Fach. Mir fehlt zum Beurteilen von fiktiven Texten ein bisschen das Instrumentarium, daher bin ich immer besonders aufmerksam, wenn du was schreibst. Wie würdest du das beschreiben, was mir hier (offensichtlich gut) gelungen ist? Ich habe mich nämlich die ganze Zeit gefragt, ob die Geschichte nicht zu flach bleibt.
      Liebe Grüße, und natürlich freue ich mich, dass/wenn du die Geschichte magst
      Christiane

      Gefällt 1 Person

      • Danke für die Blumen, aber ich bin absolut nicht „vom Fach“! Ich bin/war nur eine kleine Redakteurin für Technik-Texte, Belletristik ist nichts als mein Hobby. Daher bin ich leider die Falsche für ein Feedback in diesem Fall. 🙂 Aber der Text gefällt mir, weil er unterhaltsam ist und nicht gleich die Schwere der ganzen Welt in sich trägt.

        Gefällt 3 Personen

    • Guten Morgen, liebe Karin! Na, da bin ich ja froh, dass mein Ende nicht zu … irgendwas ist.
      Hey, es hat ja wohl keiner geglaubt, dass ich das Mädchen ertrinken lasse, oder?????
      Liebe Grüße
      Christiane

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        • Boah, nee, ich hatte mal keine Lust auf äußerliches Drama, das stumpft auf Dauer so ab.
          Ja, der Begriff ist toll, das dachte ich auch, als ich ihn sah. Und: Oh, warum fällt mir so was nie ein?
          (Der ist von Ludwig, was ich wieder mal sehr bezeichnend finde, übrigens.)
          Liebe Grüße
          Christiane

          Gefällt 1 Person

  1. Wirklich sehr lebendig und schön, liebe Christiane. Das Leid des Wassermalers tritt doch durch die Begegnung und das Überleben der Kleinen in den Hintergrund. Und zwischen den beiden Erwachsenen könnte sich in einem weiteren Teil doch so einiges entwickeln…

    Wie du in deinem Kommentar schreibst, ist meine Geschichte sehr viel drastischer.
    Der Gedanke kam schon letzte Woche (sie war auch schon ein paar Tage fertig) durch eine Nachricht aus dem Bekanntenkreis, da fing mein Kopfkino an und zum anderen ist es eine dritte Geschichte mit diesen Wörtern, die nun mal in eine traurige Richtung geht, so wie das Leben manchmal auch. Das sollte man nie vergessen, denn nicht immer gibt es ein happy end…

    Herzliche Grüße
    Anna-Lena

    Gefällt 3 Personen

    • Stimmt, das Leben hält Geschichten aller Art bereit, das ist so, manche liegen offen, manche sind versteckter … 😦
      Ich glaube nicht, dass sich zwischen meinen beiden „was entwickeln“ wird, sie trennt ein größerer Altersunterschied und ich glaube, er ist nicht wirklich scharf auf eine Beziehung.
      Klar könnten sie miteinander bekannter werden …. hm. Ich habe auch schon dran gedacht, aber noch habe ich keinerlei Idee.
      Danke und liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  2. Gute Geschichte. Vor allem dann die Kombination mit „Wassermaler“, was noch eine ganz andere Dimension reinbringt .

    Überarbeiten … auf meinem Blog schreibe ich über die SOL 87, Ich hab‘ die eine abc.etüden-Geschichte noch reingegeben, passte thematisch und war kurz. Normalerweisemache ich da nur Endredaktion, also Lektorat und Korrektorat auf PDF … die PDF mit meiner halbseitigen Geschichhte hab‘ ich dann original fast eine Woche behalten und über einzelne Wörter gegrübelt. Bah!

    Gefällt 2 Personen

    • Mhm. Und dann ändert man ein Wort, und dann liest es sich anders und irgendwie komisch, passt nicht mehr so in den Rhytmus, dann ist es ein Halbsatz, vielleicht dann auch ein ganzer Satz, dann muss der wieder eingepasst werden … ja …
      Perry Rhodan ist absolut nicht mein Universum, aber sonst … 😉
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

      • PERRY RHODAN ist eine WElt für sich. Eigentlich will ich die Besprechungen völlig auf den Geisterspiegel und ins Corona-Magazin verlagern,und meinen blog wieder als reinen „Privatblog“ betreiben. Jetzt hat mich aber der Mannheimer Stammtusch grad freundlicherweise verlinkt … sobald wir herausgefunden haben, wie die Verlinkung auf meine Geisterspiegel-Autorenseite geht, schreibe ich in meinem Blog mehr, zur Zeit ruht der fast. Und dann kommen halt nur Geschichten und persönliche Anmerkungen und meine Fotoposts.

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        • *kopfkratz*
          Ja, klar, und Leser, die über eine Verlinkung kommen, will man ja auch nicht vor den Kopf stoßen.
          Anyway, im September starten die Etüden wieder neu durch, ich zähl auf dich, nur falls du noch einen Anschub brauchst … 😉

          Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Der Wassermaler, Teil I | Etüdensommerpausenintermezzo | Irgendwas ist immer

  4. 🙂 , ich kenne es gut ganz genau so …,
    obwohl ich immer gerne alles kläre, doch es geht halt meist nicht so, wie ICH es gerne hätte und mir wünschen würde …

    Schlaf gut und träume vom Meer und seinen wilden Wellen

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  5. Pingback: Etüdensommerpausenintermezzo – danke! | Irgendwas ist immer

Ja, eben. Und du so?

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