Ich bin der Typ, der alles in sich reinfrisst

Als mich Madame Flamusse ansprach, ob ich Interesse hätte, bei ihrer Blogparade „Mein Körper (und ich)“ mitzumachen, habe ich zuerst gezögert und mich lange gefragt, ob mir das nicht zu nahe geht, ob ich da nicht zu viel ausplaudere, was ich normalerweise eben nicht auf dem Marktplatz öffentlich erzählen würde – denn nichts anderes ist ein Blog. Inzwischen sage ich: Danke, dass du gefragt hast, das Sortieren und Schreiben hat eine Menge zurechtgerückt!
Denn dann habe ich mir Folgendes überlegt: Ja, es ist auch ein Thema meines Lebens, das ist kein Geheimnis, und alles, was mir selbst zu persönlich wird, kann ich erweitern, indem ich einen fiktiven Dialog daraus mache und die Erfahrungen von Bekannten und Freundinnen miteinbeziehe und hineinschreibe. Also bitte, es ist nicht ganz so autobiografisch, wie es sich liest.
Hier also meine Gemengelage (ich mag das Wort). Bin auf eure Kommentare gespannt.

—–

Sie stand vor dem Spiegel und fand sich scheiße. Aus dem Spiegel starrte die dicke Frau mürrisch zurück und hielt ihrem Blick stand. Ja, nee, klar, sie war fett, das war keine neue Erkenntnis, das war eine Feststellung, die ihr nicht mehr als ein Achselzucken abrang. Mit diesen Körperformen war man nicht mehr übergewichtig, da war man eindeutig fett, sprich: adipös. Ja, nun. Sie hasste das Wort, vor allem dieses zickige PÖ. AdiPÖs. PÖ. PÖse.

Was neu war und ihr in diesem Moment den Boden unter den Füßen wegzog, war das fatale, jämmerliche Gefühl von: Oh, verdammt, wer ist denn das, das bin doch nicht ich. SO furchtbar sehe ich doch nicht aus. Wer ist diese Frau?
Sie weigerte sich, sich zu erkennen. Half nicht.
Das war viel schlimmer als der Kater nach einer durchgefeierten Nacht, wenn man nur noch unter die Dusche und ins Bett wollte.
Offensichtlich hatte sie ziemlich lange ziemlich gründlich weggeguckt.
„Selektive Wahrnehmung“ nannte man das wohl.

Sie nahm sich einen Kaffee, mit Sahnehäubchen, darauf kam es jetzt auch nicht mehr an, und ließ sich schwer auf die Couch fallen. Die Zeit verging, der Kaffee wurde kälter. Sie dachte nach. Wie hatte das passieren können, dass sich ihr inneres Bild so weit von der offensichtlichen Realität entfernt hatte? Sie beschloss, auf dem Eingemachten vorerst den Deckel draufzulassen. Wichtiger war die zweite Frage: Und jetzt? Wenn sie es angehen wollte, jetzt, sofort, bevor sie alles wieder aufschob oder ignorierte – Prokrastination war schließlich ihre Spezialiät –, brauchte sie als Erstes eine Waage, um das Problem in Zahlen zu fassen. Warum hatte sie eigentlich keine mehr?

Wenn ich das bin, die im Spiegel, ist das jetzt mein … Schicksal? Großes Wort. Und dann? Ich sehe nicht nur nicht gut aus, ich finde, ich sehe auch nicht sonderlich gesund aus. Ich habe gedacht, das ist das Alter, man wird halt so, wenn man älter wird. Alle wurden so, wenn ich mich in meiner Familie umgucke, aber vielleicht irre ich mich ja und kann aus der Spirale noch raus?
Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich schon länger nicht mehr richtig gesund. Ich sage nie was, aber so richtig gut geht es mir nicht, so wie früher. Ich werde eben nicht jünger, die ersten Freunde aus meinem Umfeld sind schon tot … ach, ich vermisse sie so.
Das ist nicht das, was ich mir vom Leben gewünscht habe.
Ich mag es nicht zugeben, ich mag auch nicht zum Arzt gehen und mich auslachen lassen und Tabletten fressen, davon wird man nicht gesünder.
Ich habe Angst.
Ich will unbedingt was tun. Ich will nicht, dass es so bleibt. Ich will mich wieder mögen können!

Ihre Unruhe war so groß, dass es sie sofort vor die Tür trieb, also ging sie einkaufen. Kaufte eine Waage und blieb in ihrer Lieblingsbuchhandlung hängen, wo sie auf dem Bestsellertisch ein Buch zum Thema Abnehmen und Diät-Mythen ansprang. Na, dachte sie, du kommst gerade wie gerufen, dann nehme ich dich mit. Den Klamottenladen umging sie. Nur noch in die Sachen aus der XXL-Abteilung zu passen, verdarb eh die Laune und heute ganz bestimmt.

Klar darf ich aussehen, wie ich will. Ist doch okay, keiner soll sich  für seinen Körper schämen müssen. Kurvige Models sind schließlich gerade wieder mal der große Hype. Ich sehe noch fettere Mädels als mich in Skinny Jeans. Und obwohl ich deren Mut bewundere – also, schön ist anders. Was ich NICHT laut sagen würde, schon aus Respekt.
Wer fragt eigentlich mich? WILL ich überhaupt so aussehen wie jetzt?
Nein, will ich nicht.
Ich fand mich irgendwie noch nie richtig gut, aber früher fand ich mich besser.

Das Wiegen zu Hause war keine so angenehme Angelegenheit. Um den Schock besser zu verdauen, hatte sie das Gefühl, sich die Pizza zum Abendessen verdient zu haben. Mit doppelt Salami.
Dann begann sie in dem neuen Buch zu lesen. Es traf einen Nerv und machte ihr irgendwie Mut, die Situation anders anzugehen.

Ich will nicht mehr so aussehen.
Ich muss abnehmen. Kann ich überhaupt noch abnehmen? Früher war das so einfach, da habe ich zwei Tage gehungert, dann hatte ich zwar Kopfweh, aber auch zwei Kilo unten. Das kann ich heute nicht mehr, seit ich älter bin, sitzt das Fett irgendwie fester. Vermutlich stimmt es doch, dass der Stoffwechsel immer langsamer wird, wenn man älter ist.
Irgendwas ist falsch mit mir. Ich kann immer essen. Ich habe immer Hunger. Ich kann doch nicht so wenig essen, dann hungere ich doch. Ich will nicht hungern, ich will gut für mich sorgen.

Sie las lange und schlief erst spät ein.
Am nächsten Tag ging sie in der Mittagspause spazieren. Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie viele Leute, die gleich alt oder sogar älter waren als sie, joggend an ihr vorbeizogen. Sie hasste Joggen aus tiefstem Herzen und hatte nicht vor, ihre lieb gewordene Abneigung aufzugeben, aber die konnten etwas, wozu sie körperlich nicht mal entfernt in der Lage war. Warum eigentlich nicht?
Sie setzte sich auf eine Bank in der Sonne und genoss die Aussicht.

Es stimmt gar nicht, dass ich immer Hunger habe. Aber ich esse einfach gern, es schmeckt alles so gut! Außerdem bin ich ein Frustesser und auch ein Belohnungsesser, und natürlich esse ich auch, wenn ich glücklich bin oder … das Gegenteil halt. Eigentlich wird fast jede Gelegenheit mit was zu essen besser.
Houston, ich glaube, so betrachtet habe ich ein Problem. Mindestens eins.

In ihrer Nähe war ein Gasthaus, wo es die besten Pommes gab, die sie kannte. Mit Außer-Haus-Verkauf. Es roch, nein, duftete verdammt gut bis hinüber zu ihr. Sie horchte in sich hinein. Kein Hunger, leider, aber bei dem bloßen Gedanken an Pommes mit Mayo lief ihr schon das Wasser im Mund zusammen.

„Ein Wunder, dass du bei all dem vielen Essen noch nicht geplatzt bist“, stichelte eine innere Stimme. Sie fuhr auf und stockte dann.

Mach mich bloß nicht doof von der Seite an, blaffte sie zurück. Ich meine, ich weiß es ja, Grenzen setzen, mich trauen, früher wütend zu werden, nicht erst „Nein“ zu sagen, wenn es eigentlich zu spät ist – all der Scheiß, den die Bücher predigen. Nachts den Kühlschrank zu überfallen, weil mich die große Leere anspringt, ist auf Dauer jedenfalls keine wirklich gute Idee. Ich fürchte, ich bin der Typ, der immer alles in sich reinfrisst, weißt du?

„Weiß ich“, sagte die Stimme, „du musst gar nicht auf reuige Sünderin machen, bei mir kommt’s nämlich an. Das Essen. Ich bin übrigens dein Bauch, nur mal so angemerkt.“

Sie schwieg.

Gib mir einen Rat, wenn du schon mal da bist. Ich bin so unglücklich. Was soll ich nur tun?

„Ach, du wirst mich dafür verdammen, aber ich sag dir jetzt was Praktisches, auch wenn du es nicht hören willst. Hör auf damit, mich vollzustopfen, ich kann’s nicht mehr so gut ab wie früher. Nimm dieses plärrende innere Gör an die Hand und den inneren Schweinehund an die Leine, gib ihnen meinetwegen einen Schokokeks, EINEN!, und dann geh mit ihnen Gassi! Wie das aussehen soll, kannst du das wichtigtuende Hirn entscheiden lassen, dem wird schon was einfallen. Und mach mehr Sachen, die Spaß machen! Keine Leistungsschau, für niemand, versteh mich bloß nicht falsch, aber was Albernes, Unbeschwertes ist gut für die Laune. Stichwort Glück und so. Die entsprechenden Hormone schicke ich dann rechtzeitig an den Start. Kannst dich drauf verlassen. Deal?“

Sie überlegte. Eigentlich wusste sie gar nichts mehr. Vielleicht war das ja gerade gut, dann auf den Bauch zu hören.

„Deal“, sagte sie zu ihrer eigenen Überraschung laut. „Ich kann’s ja mal versuchen.“

 

Frau auf Waage | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

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