Schnurr um dein Leben | abc.etüden

Beim Öffnen der Wohnungstür unverhofft auf die ältliche Madame von der Hausverwaltung zu treffen war erheblich unangenehmer, als wöchentlich im Beichtstuhl erfundene Sünden zu gestehen.

„Frau Neumann, es heißt, Sie hielten eine Katze, Sie wissen …“

Zuerst war ihr erster Impuls, alles abzustreiten, aber das Kätzchen machte ihre Bestrebungen zunichte, indem es sich zwischen ihrem Bein und dem Türrahmen hindurchdrängte und sich vor ihr auf die Fußmatte setzte. Marie nahm es sofort auf den Arm, wo es kräftig nieste und prompt durchdringend zu schnurren begann.

„Sie lag fast verhungert unten in einer unserer Mülltonnen!“

Mehr sagte sie nicht, mehr war auch nicht nötig, die Anklage gegen die Welt reichte aus. Fasziniert beobachtete Marie die Verwandlung im Gesicht der plötzlich sehr mütterlich wirkenden Verwalterin von Haus und Hof, die vorsichtig einen Zeigefinger ausstreckte, um das schwarz glänzende Geschöpfchen hinter den Ohren zu kraulen, was mit noch lauterem Schnurren und behaglich zusammengekniffenen Augen quittiert wurde. „Was für eine Knutschkugel“, seufzte sie schließlich, „nein, die Kleine konnten Sie unmöglich sich selbst überlassen, die ist ja höchstens acht Wochen alt!“

Sie gab sich einen Ruck und gewann einen Teil ihrer gewohnten Strenge zurück: „Okay, sehen Sie zu, dass sie ruhig bleibt und keiner der Nachbarn sich beschwert. Was mich angeht, ich war offiziell nie hier, ich werde so lange wie möglich tun, als wüsste ich von nichts.“

 

2017_37.17_zwei_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 37.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von lz. und lauten: Knutschkugel, Verwandlung, Beichtstuhl.

 

Merken

Merken

Merken

61 Kommentare zu “Schnurr um dein Leben | abc.etüden

  1. Wer kann schon einer – noch dazu kleinen – schnurrenden Knutschkugel widerstehen? -:))
    Hausmeisterin/Verwaltungsbeirat ist ein undankbarer Job, weil wirklich aller Müll/Frust dort abgeladen wird, ihre Erbitterung kann ich nachvollziehen und dennoch ha sie sich ihr Herz bewahrt. Eine tröstliche Etüde und ich füge ihr ein Ständchen bei:

    Dir, liebe Christiane, ein schönes (trockenes) Wochenende, wünscht
    Karin

    Gefällt 6 Personen

    • Genau meine Rede, liebe Karin! Kann kaum eine/r, ich ganz sicher nicht.
      Hausverwalter ist auch deswegen ein tückischer Job, weil sie unglaublich viel Macht ausüben können, und das geht nicht immer gut, ich würde sogar sagen, das ist eher die Regel. Wo Macht ist, ist auch Machtmissbrauch. Daher habe ich eine Ausnahme konstruiert, eine gestrenge Madame mit einem weichen Herzen …
      Das Katzenduett habe ich schon bei dir bewundert, ich erinnere mich genau!
      Katzenliebende Grüße zum Freitag
      Christiane :-D

      Gefällt 2 Personen

      • Unser Hausmeister wohnt 10 km weit weg und ich als Verwaltungsbeirat muss mir meist den Frust der Hausbewohner anhören, wobei ich festgestellt habe, dass komischerweise alleinstehende Damen ihn mit großer Freude versuchen, zu schikanieren. Es werden Taschentücher / Zigaretten vom Balkon in die Hecke geworfen und dann kontrolliert, ob er sie bei seinem wöchentlichen Einsatz auch entsorgt hat usw.usf. und es sind Eigentumswohnungen, wir haben nur wenige direkte Mieter! Die Verwaltung selber ist froh, wenn sie nicht unterrichtet wird, wobei die Besitzer inzwischen doch gelernt haben, dass ich eben kein Hausmeister bin. Aber da macht jeder andere Erfahrungen, oft ist es Glücksache. Man muss sich manchmal Respekt verschaffen. Vielleicht muss ich mit einem Kätzchen im Arm auftauchen, damit sie hinschmelzen? -:)))
        …auch katzenliebende Grüsse……-:))

        Gefällt 2 Personen

        • Klingt für mich nach: Haben die nichts Besseres zu tun? ;-)
          Ich glaube, dass es generell einen riesigen Unterschied zwischen Häusern mit Eigentumswohnungen und Mietshäusern gibt, aber ganz sicher gibt es überall I… komische Leute ;-)
          Ich glaube, kleine Katzen (auch kleine Hunde übrigens) lösen ähnliche Gefühle aus wie kleine Kinder, also mach ruhig, es hilft bestimmt, Leute auf ihrer „menschlichen Seite“ zu erwischen … ;-)
          Fellträgerverrückte Grüße
          Christiane

          Gefällt 3 Personen

  2. Du hast eine sehr feine und herzerwärmende Geschichte geschrieben, liebe Christiane. Da muß ein Herz schon hart wie Stein sein, wenn es so einem niedlichen kleinen Dings auf der Fußmatte widerstehen kann.

    Lächelnde Grüße von Bruni

    Gefällt 2 Personen

    • Eben, liebe Bruni. Wider die Beamtenmentalität! Nicht wollen, aber so tun, als müssten sie. Sie hier entscheidet sich aktiv fürs Nichtwissen, das ist schon mal viel, falls dieses imaginäre Haus wirklich keine Haustiere erlaubt.
      Liebe Grüße
      Christiane mit Fellpelzträger in den besten Katerjahren

      Liken

  3. Sie toleriert das Kätzchen schon mal, das ist gut, und in einer Eigentümerversammlung könnte sie den Punkt Haustierverbot mal zur Diskussion stellen. Vielleicht könnten Ausnahmen eingefügt werden. (Wenn da nicht nur verstockte Holzköpfe sitzen)

    Liebste Grüße von Bruni

    Gefällt 1 Person

  4. In beidem muß man die Menschen um einen herum gut kennen und auch mögen, damit jeder die Meinung des anderen tolerieren kann. Dann funktioiert das Zusammenleben fast störungsfrei *g*

    Liebe Sonntagsgrüße von Bruni

    Gefällt 1 Person

    • Ja, wobei ich denke, dass ein Mietshaus zusammengewürfelter ist als ein Haus mit Eigentumswohnungen. Bisschen Verstand und guter Wille hilft aber auf jeden Fall.
      Guten Morgen, Bruni! Schönen Sonntag dir!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  5. Bisschen Verstand und guter Wille hilft aber auf jeden Fall.

    Genau, liebe Christiane!
    Nur so geht eigentlich alles im zwischenmenschlichen Bereich

    Liebste Grüße zurück

    Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.