Tödliches Artefakt | abc.etüden

Er tigerte unruhig, aber in Hochstimmung vor den hohen Glasfenstern hin und her, die über die Trabantenstadt mit ihren Lichtern hinwegblickten. Nach der Übergabe heute würde er zum Kreis der Interpoler gehören, zu der Kaste, die sich auch in den Polregionen mit ihren Bodenschätzen frei bewegen durfte. Es würde seine Geschäfte beflügeln, ach was, verhundertfachen! Dafür hatte er in all den Jahren das ganze Blut an seinen Händen auf sich genommen: hinauszukommen aus den Betonghettos, in denen die Menschen seit dem großen Zusammenbruch zusammengepfercht dahinvegetierten und wo es entweder kalt oder dunkel war – und oft genug beides.
Auch zwei Generationen nach der Klimakatastrophe hielt das Leben noch nicht wieder viele Freuden bereit, aber mit genügend Geld konnte man es sich nach wie vor recht nett machen.

Das Artefakt, der Schlüssel zu seinem neuen Leben, ruhte in einem kleinen Kasten hinter ihm auf dem Schreibtisch: eine in Silber getriebene Honigpumpe, deren Anwendung ihm im Übrigen völlig fremd und ebenso egal war. Er hatte in seinem Leben nur zwei- oder dreimal echten Honig gegessen, Bienen gehörten in Geschichten aus einer Vergangenheit, die er nicht kannte. Wenn er ehrlich war, hatte es ihm sowieso nicht geschmeckt.

Das Sicherheitssystem signalisierte die Ankunft seiner Geschäftspartner und er ging persönlich zur Tür, um sie willkommen zu heißen.
Sie benötigten nur einen einzigen Schuss.

 

2017_40.17_eins_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 40.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von dergl von den Fädenrissen (faedenrisse.wordpress.com) und lauten: Interpol, Trabantenstadt, Honigpumpe.

Ja, ich hab schon die ganze Zeit befürchtet, dass das was Dystopisches wird, was eher in Richtung Krimi geht, und ich hab mich hartgetan damit. Tut mir ja bisschen leid, dergl, aber ich habe weder was mit Beuys noch mit Interpol am Hut …

 

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31 Kommentare zu “Tödliches Artefakt | abc.etüden

  1. Netter Kurzkrimi. Und so optimistisch: Nach der Klimakatastrophe gibt es immerhin noch zwei Generationen, und nichts am menschlichen Verhalten hat sich geändert. Das lässt doch hoffen, dass die eigenen Nachfahren zu den geld- und schusswaffenhabenden Gewinnern gehören (bewusst nicht gegendert, weibliche Nachbrut ist NICHT mitgemeint und wohl kaum mit Geld und Schusswaffen ausgestattet). 😣

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  2. Es wird vermutlich keinen Knall geben. In den 1980er Jahren sagten wir: Wir gehören vermutlich zu den Menschen, die den Untergang menschlichen Lebens ersterben werden. Inzwischen sind zwei weitere Generation aktiv. Eine ziemlich realitätsnahe Geschichte also, die du uns hier anbietest.

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