Der Wintertyp | abc.etüden

Alles war endlich wieder offen. Der Himmel hoch, die Sicht klar. Dass seine Freunde derartige Metaphern für den Herbst- und Winterhimmel … fragwürdig und seine Abneigung gegen Monate ohne -er am Namensende (den Januar ausgenommen) zumindest ein wenig befremdlich fanden, nahm er gelassen hin. Poser nervten ihn sowieso, die hysterische, oberflächliche Geselligkeit der Sommer-Anbeter verursachte ihm körperliche Übelkeit.

„Und es gehen die Menschen hin, zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breit dahinfließenden Ströme, die Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst.“

Wäre es doch noch so, o Petrarca, dachte er bedauernd, heutzutage diente doch alles dazu, den eigenen Instagram-Account zu hypen. Es war entschieden schade, dass Selbstvergessenheit so aus der Mode gekommen war. Aber was kümmerte ihn die Gesellschaft, die seine Werte ablehnte; er wusste jedenfalls genau, was gut für ihn war.
Er verließ das Hamsterrad, verschmolz mit den farbdurchwehten Wäldern und atmete tief durch. Sollten doch die anderen, er war raus bis zum Frühling.

 

2017_41.17_eins_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 41.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Bernd von Red Skies over Paradise (redskiesoverparadise.wordpress.com) und lauten: Monat, fragwürdig, gehen.

Zum Zitat siehe den Wikipedia-Artikel zu Petrarca.

 

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40 Kommentare zu “Der Wintertyp | abc.etüden

  1. Versteh ich 😉
    Vielleicht wird man mit so einer Vorliebe für bestimmte Jahreszeiten geboren. Ich weiß es nicht, es würde mich schon interessieren. Ich bin im sprichwörtlichen Wonnemonat geboren, aber wonniglich finde ich den gar nicht.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. »Er verließ das Hamsterrad, verschmolz mit den farbdurchwehten Wäldern und atmete tief durch.«

    Auf diesen Moment arbeite ich hin.

    »Irgendwann mal muß es sein,
    und dann pfeif ich auf daheim,
    laß alles liegen, wie es ist,
    Segel werden dann gehißt.«
    – Konstantin Wecker, Irgendwann

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    • „Auf diesen Moment arbeite ich hin.“
      Darf ich fragen, wie konkret du aussteigen würdest? Oder ist das mehr der innere Absprung?
      (Ich verstünde die Sehnsucht hinter beidem.)
      Liebe Grüße
      Christiane

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  3. Als Novemberkind liebe ich heute die Sommerhitzemonate und mir kann es gar nicht warm genug sein, aber auf meinen Geburtsmonat lasse ich nichts kommen, der war in den letzten Jahren stets sonniger als der Oktober, jawoll und alle schrieben vom Nebel und Grauingrau, dabei war dem gar nicht so und ich bin gespannt, wie es dieses Jahr wird.
    Deinem Aussteiger würde auf dem Mont Ventoux wahrscheinlich sehr schnell kalt, dort oben pfeift immer ein eiskalter Wind. Ich wünsche ihm ein warmes Stübchen mit einer realen Laura, keine die er fernschmachtend verehren muß -:))).
    Ich mag Deine Menschengeschichten -:)))
    Lieber Gruß in den Abend, Karin

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    • Er muss ja nicht gleich so hoch hinaus, liebe Karin, ich finde es eh schon erstaunlich, dass er sich im Winter absetzt. Und ja, klar, die Frage nach Sozialem bleibt dabei offen, Bindungen, Bindungswillig- und -fähigkeit, etc. etc. Du machst da ein großes Fass ganz gelassen auf … 😉
      Liebe Grüße zurück
      Christiane

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    • Wer will im Winter schon auf diesen berühmten Glatzkopf? Extremsportler, sonst keiner, glaub ich… Einer der wenigen Berge, auf deren Gipfel ich war *g*, aber nicht im Winter, doch im kalten März und im schon sehr windigen September *grins*

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      • Also, gesichert ist, dass Petrarca dort war, was ja auch schon bisschen her ist, aber NICHT, dass der Herr in meiner Geschichte dort hinaufwill, obwohl es heute Thermounterwäsche und anderes Wärmendes gibt … *frier* 😉

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        • ich habs mal nachgelesen. Es ist unglaublich:

          *Am 26. April 1336 besteigt Petrarca den Mont Ventoux, den Berg des Windes, ist tief bewegt, berichtet darüber und schreibt seinem Freund Francesco Dionigi einen bemerkenswerten Brief.
          Die Geburtsstunde des Alpinismus? Womöglich! *

          Wirklich freiwillig und aus meiner eigenen Neugierde heraus wäre ich niemals da hochgestiegen. Aber es gibt zwei verschiedene Aufstiege, den leichteren wählen die Tour de France Teilnehmer nicht und die anderen echten Rennradsportversessenen auch nicht 🙂 Ein Kultberg, der natürlich weit blicken läßt …

          Liebe Morgengrüße von Bruni

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  4. ach, wie schön, ich verstehe ihn sooo gut:

    Es war entschieden schade, dass Selbstvergessenheit so aus der Mode gekommen war.

    Wie oft gehe ich so meine Wege 🙂

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  5. Wie gerne ich diese Etüde gelesen habe, wunderbar komprimiert und alles gesagt! Selbstvergessenheit, ja, die können wir wieder üben.
    Herzliche Spätabendgrüße an dich
    Ulli

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  6. Petrarca – unweigerlich (und nur als Nebenfigur, und das in nicht allzu schmeichelhafter Weise, fürchte ich) ist er bei mir mit dem Gedanken an Christine Brückners wunderbares „Wenn du geredet hättest, Desdemona“ verknüpft – kennst Du das?

    Liebe Grüße
    Maike

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    • „Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“, den Untertitel fand ich damals schon toll. Ich kenne es, besser, ich kannte es, ich bin da ganz sicher. Allerdings haben von Christine Brückner nur die Poenichen-Romane in meinem Bücherschrank überlebt – und ich erinnere mich nicht mehr an Petrarca, tut mir leid.
      Liebe Grüße und willkommen auf meinem Blog!
      Christiane

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      • Ich bin (glaub ich? Wildes Morgengeklicke!) über den Creadienstag und Weiterklicken und final dann auf jeden Fall über die abc.etüden hergestolpert und stöbere gerade vergnügt ein bisschen – Dein Blog gefällt mir gut!

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        • Danke, das freut mich! Okay, dieses Jahr hab ich wenig außer Etüden (und Gedichten) gemacht, aber das ist ja auch ein tolles Projekt! 🙂
          Liebe Grüße
          Christiane

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  7. Mit Flammenschrift war innigst eingeschrieben
    Petrarcas Brust vor allen andern Tagen
    Karfreitag. Ebenso, ich darfs wohl sagen,
    Ist mir Advent von Achtzehnhundertsieben.
    Ich fing nicht an, ich fuhr nur fort zu lieben
    Sie, die ich früh im Herzen schon getragen,
    Dann wieder weislich aus dem Sinn geschlagen,
    Der ich nun wieder bin ans Herz getrieben.
    Petrarcas Liebe, die unendlich hohe,
    War leider unbelohnt und gar zu traurig,
    Ein Herzensweh, ein ewiger Karfreitag.

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