Aufbruch | abc.etüden

Sie hätte ja wohl sozusagen einen Hyperknall, hatte Alina, die Tochter ihrer besten Freundin, ihr unverblümt gesagt, ob ihr denn gar nicht klar wäre, dass das mit der wiedergefundenen Schwester auch nichts als eine Riesen-Abzocke sein könnte, ihre Mutter sei ja bloß zu höflich, um es auszusprechen, weil sie Sybilla nicht verletzen wollte, aber wahrscheinlich würde es doch nur auf Geld hinauslaufen. Sie solle um Himmels willen doch nicht zu jener Frau auch noch hinfahren!

„Weiß man doch alles noch gar nicht“, hatte Sybilla sich gewehrt und „seid doch nicht immer alle gleich so negativ“ gesagt, aber geholfen hatte es nichts, auch nicht ihr Grübeln. Wie konnte sie den Freunden auch die Gewissheit vermitteln, die sich ihr wie eine Wanderdüne näherte – langsam, aber unaufhaltbar –, dass das alles sehr wohl seine Richtigkeit haben konnte. Es würde so viel erklären, nicht nur die Kürze, mit der ihre Mutter auf Nachfragen nach ihrem Leben unter der russischen Besatzung in Königsberg immer reagiert hatte – Verachtung, Hunger, Krankheiten, Übergriffe –, sondern auch ihre zurückgezogene Art, mit der sie das Leben meisterte. Heute würde man das als Trauma erkennen und hoffentlich entsprechend behandeln, damals gab es das nicht, da schämte man sich dafür und schwieg, dachte Sybilla.

Nun, ihre Mutter hatte ihr Geheimnis mit ins Grab genommen, wenn es denn eins gab, und Sybilla glaubte nicht, dass sie von irgendwelchen ihrer Gynäkologen Auskünfte erhalten würde, vorausgesetzt, dass die überhaupt noch praktizierten. Also hatte sie der älteren Frau am Telefon versichert, dass sie sich treffen würden, und zwar schon nächste Woche, jawohl, Olga Petrowa, und dann gern über alles sprechen könnten.
Wie immer, wenn sie endlich eine schwierige Entscheidung gefällt hatte, fühlte sie sich pudelwohl und war völlig euphorisch. Ob sie einander wohl ähnlich sahen?

 

2017_44.17_eins_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 44.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Rina.P (geschichtszauberei.wordpress.com) und lauten: Hyperknall, Wanderdüne, pudelwohl.

Dies ist eine Etüde über etwas, das hätte Wirklichkeit sein können, auch wenn ich nicht Sybilla heiße oder heißen möchte. Hier ist der quasi erste Teil.

„Und die Düne kam und deckte sie zu.“ Ich möchte gern meine Assoziation zu „Wanderdüne“ mit euch teilen. Es ist eine Ballade: Agnes Miegel, Die Frauen von Nidden. Ich war auch schon in Nidden.

 

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