Kriegsgewinnler | abc.etüden

Die wochenlangen Baggerarbeiten am Flussbett – Vorbereitungen für den Brückenausbau – waren für die kleine Anliegergemeinde schon mit viel Lärm und Schmutz verbunden gewesen. Als man jedoch die Leiche verdreht hängend in der Baggerschaufel entdeckte, kamen sie abrupt zum Stillstand. Dass der Tote als bekannter Politiker identifiziert wurde, der in den letzten Tagen als Held der Nation gefeiert worden war, weil er unerwartet in einer viel beachteten Umweltfrage (aus Gewissensgründen, wie breit gestreut wurde) im Europaparlament mit Nein gestimmt hatte, brachte das Dorf endgültig in alle Schlagzeilen. Die Wahrscheinlichkeit eines nicht-natürlichen Todes erhöhte sich mit jeder Spekulation darüber, wem er auf die Füße getreten war – und warum.

Der Einzige, der sich auf die langwierigen Untersuchungen geradezu freute, war der Inhaber der Bäckerei im Ort. Ob Kripo, Medien oder Bauarbeiter, für ihn waren sie alle gleich: Zahlende Kunden, die rund um die Uhr Kaffee und seine frischen, belegten Brötchen wollten. Er ging davon aus, dass jemand dem Toten Betonschuhe verpasst hatte, weil dieser nicht gespurt hatte, und er nahm nicht an, dass das jemals ans Licht der Öffentlichkeit gelangen würde. Sollten sie sich alle doch ein Ergebnis nach Wunsch zusammenklöppeln, es kümmerte ihn nicht, Hauptsache, sein Laden lief.
Ob das Ferienhaus des Politikers am Ortsrand wohl demnächst zum Verkauf stehen würde? Er musste mal mit seiner Bank sprechen, nur für alle Fälle.

 

2017_48.17_eins_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 48.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Frau Myriade (laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com) und lauten: Flussbett, langwierig, klöppeln.

Ich kenne „klöppeln“ tatsächlich am ehesten in der oben genutzten Bedeutung von „sich etwas zurechtmachen/-schieben“, und ja, ich HABE mich geärgert …

 

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Spätherbst

 

XLII.

Verdroß’nen Sinn im kalten Herzen hegend,
Reis’ ich verdrießlich durch die kalte Welt,
Zu Ende geht der Herbst, ein Nebel hält
Feuchteingehüllt die abgestorbne Gegend.

Die Winde pfeifen, hin und her bewegend
Das rothe Laub, das von den Bäumen fällt,
Es seufzt der Wald, es dampft das kahle Feld,
Nun kommt das Schlimmste noch, es regen’t.

(Heinrich Heine, XLII., aus: Neue Gedichte, 1844, Quelle)

 

Vor dem Winter

Kein Himmel in der Frühe,
nach halben Schritten wird es still,
und wie das Blatt vom Baume fiel,
verzuckt ein Lichtlein ohne Will,
grämt sich und hat nicht Mühe.

Es will der Tag nicht raten.
Als löste sich von unserm Mund
das Blatt, so sind die Worte wund.
Im Nebel rinnen Stund um Stund,
verrinnen unsre Taten.

Allein in letzter Höhe
steht noch ein Blatt und zittert bald
und wird im Sterben voll Gestalt;
ein Wind als wie ein Messer kalt
nimmt auch das letzte Blatt.

(Konrad Weiß (1880–1940), Vor dem Winter, aus: Der ewige Brunnen, München: Beck 1979, S. 316)

 

Herbststurm | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwoche 48.17 | Wortspende von Myriade

Ihr habt es vielleicht gelesen, liebe Etüdenfans, -leser/innen und -schreiber/innen, die Advents-/Weihnachts-/Silvesteretüden werden etwas anders, als das, was ihr kennt, und daher suche ich momentan Wörter für den Advent. Habt ihr schon gespendet? Gut! Wenn nicht, bitte hier entlang!

Bis nächsten Sonntag sind wir aber erst mal in der Textwoche 48.17 angekommen und beschäftigen uns mit den Wörtern, die sich Frau Myriade vom Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée (du wirst mir hoffentlich verzeihen, dass ich den Bandwurm nicht in die Überschrift gepackt habe, ja?) ausgedacht hat. Leicht finde ich die Zusammenstellung auch nicht gerade, und ich bin sehr gespannt, was euch (und mir) dazu so alles einfällt. Hier sind sie:

Flussbett
langwierig
klöppeln.

Ihr wisst, dass es gilt, diese 3 Wörter in maximal! 10! Sätzen unterzubringen und dass die Textform dabei aber völlig wurscht ist. Euren Beitrag verlinkt ihr dann bitte hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von mir, von Frau Myriade und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.

Immer noch entspringen die Illustrationen dem kreativen Hirn des wertgeschätzten Herrn lz., dem Etüdenerfinder, der nach wie vor mit seiner Artpage unter ludwigzeidler.de zu finden ist. Danke, Ludwig!

Ich habe im Moment zu wenig Zeit für alles. Seht es mir also bitte nach, wenn ich nicht mit der üblichen Frequenz dabei bin (war die letzten Wochen schon so), es liegt NICHT an den Wörtern, ich habe ein Zeitproblem und bin froh, wenn es rum ist.

 

2017_48.17_eins_lz | 365tageasatzaday

 

2017_48.17_zwei_lz | 365tageasatzaday

 

Letzte Chance | abc.etüden

„Du willst nicht ernsthaft behaupten, dass du in einem Chor singst, der sich ‚Pissnelken‘ nennt?“

Ach, Hubert, denke ich, als ich ihn nachdenklich betrachte, ich glaube, das wird nichts mehr mit uns. Du bist zwar Arzt und siehst noch gut aus für dein Alter, aber du hörst mir nicht zu: Fis-Nelken habe ich gesagt, und ich ließe maximal noch mit mir streiten, ob es Fis-Dur oder fis-Moll ist.
Macht es Sinn, dass ich dir von uns drei Weibern erzähle, dass wir uns vor 25 Jahren in unserer Heilpraktiker-Ausbildung in einem Phytologie-Kurs kennenlernten und schnell feststellten, dass unser gemeinsames Hobby Gesang ist und wir schon immer in einem Trio schräge Sachen singen wollten? Dass wir uns krümelig gelacht haben, als wir von dem ‚Gemeinen Weidenröschen‘ auf den ‚Gemeinen Löwenzahn‘, dann auf ‚Pissnelken‘ und davon schließlich auf Fis-Nelken gekommen sind, als wir einen ausgefallenen Namen mit was Blumigem gesucht haben?
Ach, Hubert: Ich fürchte, es bringt nichts.

„Wir singen ja auch schräge Lieder“, habe ich dir geantwortet, und unvorsichtigerweise den Kreisler mit dem Taubenvergiften im Park erwähnt, den kennen halt viele, ich wollte dir den Einstieg leichtmachen. Konnte ich ahnen, dass du inzwischen PETA-Mitglied bist und daher meinst, solche Lieder politisch unkorrekt finden zu müssen, obwohl ich sicher bin, dass auf dem Balkon deiner Stadtvilla auch keine Kacktauben brüten dürfen? Und jetzt sitze ich hier, verdrehe innerlich die Augen und überlege mir, ob ich deinen Kaffee aus besten äthiopischen Hochlandbohnen umstoßen muss, damit du endlich zu schwafeln aufhörst und ich versuchen kann, den Mann von damals wiederzuentdecken, den ich mal geliebt habe.
Ach, Hubert, ich habe lange gezweifelt und mich auf unser erstes Treffen nach so langer Zeit gefreut, aber wenn ich ganz ehrlich bin: Sorry, es war kein Fehler zu gehen.

 

2017_47.17_eins_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 47.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Bettina (wortgerinnsel.wordpress.com) und lauten: Pissnelke, krümelig, verdrehen.

Vergesst es sofort wieder, meine Damen und Herren, der Name Fis-Nelken ist belegt. Und neben den Tauben des Herrn Kreisler wäre nachfolgendes Lied („In jeder Frau steckt ein Stück Hefe“) eines, welches die Damen ganz bestimmt sängen, wie man mir sagte … wer auch immer diese (großartigen!) Damen hier sind. Das Original stammt übrigens von Thea Eichholz, auf ihrer Website gibt es nicht nur die Akkorde, sondern auch die Noten im Download.

 

 

Adventsetüden: Wörter gesucht!

Ihr Lieben, dass morgen in einem Monat bereits Heiligabend ist, ist bis eben komplett an mir vorbeigegangen. Wenn ihr ähnlich im Stress steckt, dann wird es euch vielleicht nicht wundern, dass ich mir eine kleine Sonderaktion für die Advents-/Weihnachts-/Silvester-Etüden ausgedacht habe, die euch und mir das Schreib-Leben vielleicht (hoffentlich) ein bisschen leichter machen wird.

Das will ich euch aber noch nicht im Detail verraten, die entsprechende Adventsetüden-Einladung lest ihr am ersten Advent (3.12.) hier. Nur so viel: Bitte spendet mir jetzt in den Kommentaren 3 Wörter für die Vorweihnachtszeit, also für den Advent! (Und keine Angst, Weihnachten kommt auch noch dran.) Ich suche dann aus; Doppelte dürfen sein, wenn ihr meint, das Wort müsste unbedingt in den Topf; die Aktion schließt nächsten Mittwoch (29.11.) um 20:00 Uhr CET.

Ich fang schon mal an:

Weihnachtsmarkt, frostig, umkippen

Bin gespannt auf eure Vorschläge!  :-D

 

Teelichtpyramiden  | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Stille Novembertage

Tage, wie Blätter still

Oft halten sich Tage wie Blätter still,
Der Himmel regnen nur regnen will.
Als wären die Häuser ganz menschenleer,
Es gehen die Menschen wie Schemen umher,
Und einem Verliebten trauern die Ohren,
Er horcht auf ein Lied hinterm Regen verloren.

(Max Dauthendey, Tage, wie Blätter still, aus: Singsangbuch, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 156)

 

Die Winterwolke spricht von Schnee

Kein Vogel fliegt im leeren Strauch.
Das Gras, das gelb beim Erdreich liegt,
Ist tags noch weiß vom nächt’gen Hauch.

O, armes Gras, du tust mir weh,
Bist müde gleich dem Vogelvolk;
Die Winterwolke spricht von Schnee.

Den Weg des Todes zieht die Welt,
So wie das Blut das Herz einst flieht
Und der Gedank’ in nichts zerfällt.

(Max Dauthendey, Die Winterwolke spricht von Schnee, aus: Der weiße Schlaf, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 413/14)

 

Nebelmoor | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwoche 47.17 | Wortspende von wortgerinnsel

Auf die Wörter der anbrechenden Woche, liebe Etüdenfans, liebe -leser/innen und -schreiber/innen, (und eure Beiträge) freue ich mich. Ich habe zwar immer noch nicht wieder Kino im Kopf, wenn ich sie lese, dazu ist besagter Kopf gerade immer noch mit anderem überfüllt, aber sie machen mir gute Laune. Gute Laune ist schon mal eine prima Voraussetzung für Etüden, die ja dennoch nicht unbedingt fröhlich werden müssen (aber dürfen). Das Leben ist ja auch nicht ständig heiter. Also, ran an die Federn, Kulis, Tastaturen, hier kommen die Wörter für die Textwoche 47.17, gestiftet von Bettina von wortgerinnsel.wordpress.com:

Pissnelke
krümelig
verdrehen.

Wie ihr wisst, gilt es, diese 3 Wörter in maximal! 10! Sätzen unterzubringen. Euren Beitrag verlinkt ihr dann bitte hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von mir, von Bettina und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.

Auch in dieser Woche weise ich wie immer darauf hin, dass die Illustrationen dem kreativen Hirn des wertgeschätzten Herrn lz. entsprungen sind, dem Etüdenerfinder, der nach wie vor mit seiner Artpage unter ludwigzeidler.de zu finden ist. Danke, Ludwig!

Ich habe im Moment zu wenig Zeit für alles. Seht es mir also bitte nach, wenn ich nicht mit der üblichen Frequenz dabei bin (war die letzten Wochen schon so), es liegt NICHT an den Wörtern, ich habe ein Zeitproblem und bin froh, wenn es rum ist.

 

2017_47.17_eins_lz | 365tageasatzaday

 

2017_47.17_zwei_lz | 365tageasatzaday

 

Löffelliste oder die Sache mit dem Apfelbäumchen

 

Ach komm, geh weg! Annäherung.

Ich kann nicht mit Listen, grummele ich, das ist doch voll unkreativ und engt nur ein. Ich mache mir höchstens Einkaufslisten, so! Aber Listen haben doch was mit Struktur zu tun? Struktur(en) finde ich sehr nützlich. Und Kreativität braucht auch Struktur, da erzähl mir keiner was anderes, am besten eine selbst entwickelte.
Außerdem liebte mein Vater Listen, daher KANN das schon mal nichts Schlechtes sein. Ja, sehr logisch, weiß ich. Hm. So weit, so gut.

Okay, Löffelliste. Du hast zugesagt, dass du mitmachst (Aufruf zur Challenge im Totenhemd-Blog, da war ich noch hoffnungsfroh, dass es easy werden würde, danke, Petra!), also setz dich hin, schreib eine: Was willst du in deinem Leben unbedingt noch auf die Reihe kriegen, bevor du den Löffel abgibst?

„Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Okay, die erste Assoziation mal beiseite, darum geht es nicht. Wer weiß, dass er bald stirbt, wird das Bedürfnis haben, in seinem Leben ein paar Dinge zu klären und etwas dafür zu tun, dass ihn was überlebt. Klar.

Ich habe nicht mal Lust, mir Gedanken zu machen, meutere ich innerlich. Nicht darüber, den Löffel abzugeben, das ist unausweichlich, das juckt mich nicht, jetzt noch nicht, aber dieser ganze Bucket-List-Kram (das ist der englische Begriff dafür), das erinnert mich so furchtbar an „100 Orte, wo du im Leben gewesen sein musst“, „100 Dinge, die du gemacht haben musst, bevor du 30/40/50/60 bist“ – solche Sachen. Diese Listen zu lesen, das ist manchmal ja schon ganz witzig, aber genauso oft denke ich dabei, ich bin echt im falschen Film. Warum soll ich das jetzt machen oder wollen, wer hat mir das vorzuschreiben, das hat doch mit mir null zu tun? („Hast du schon mal bei Liebeskummer im Bett gesessen und einen ganzen Becher Eis gegessen, weil du im TV gesehen hast, dass man das dann so macht?“ Äh, nein, bin ich bescheuert?)

Aus mir ist in diesem Leben keine Reisende geworden, aber als Kind habe ich mir schon gewünscht, die Welt zu sehen, das bedaure ich irgendwo, die Zeit ist fast rum, wo das easy geht. Aber so viel von diesem ganzen hippen Scheiß von den Listen passt einfach nicht auf mich und mein kuscheliges Leben. Ich bin weder wahnsinnig gut (und begeistert), was Heim, Küche und Familie angeht, noch im Job der finanzielle Überflieger, noch der Fashion-/Party-/Serienvictim mit dem großen Freundes- und Bekanntenkreis und dem ach so aufregenden Leben, mit dem andere ihre Blogs und Bücher füllen. Das ist das Gefährliche, was die Medien einem vorleben und die Twitter- und Instagram-Kultur nachlebt: Die Messlatte liegt hoch, und wenn es nicht klappt mit der coolen Selbstinszenierung, fühlt man sich wie der letzte Versager. Das passiert mir ab und an, manchmal fällt es mir gar nicht leicht, das zuzugeben.

Fakt ist für mich: Ich stehe am Rand, egal wovon. Das verbessert zwar den Überblick (finde ich), aber verschiebt die Prioritäten.

 

Gesagt …

Es geht hier nur um die Löffelliste, hallo, komm mal wieder runter! Deine wird also nicht in die Top 100 der angesagtesten Listen kommen, aber was sollte denn nun rauf?

Okay, okay. Ich unterteile mal in den Teil, den man mit Geld kaufen kann, und in den ohne, und ich fange mit letzterem an, der ist kürzer.

Klar, es gibt eine Menge Sachen, die ich noch erreichen möchte, die ich noch machen möchte, wo Geld nur die nachgeordnete Rolle spielt. Ich möchte zum Beispiel wieder fit genug werden, zu Fuß auf den Michelturm steigen zu können. 452 Stufen (83 Meter), ist (noch) nicht drin, ihr seht den Turm in der Ferne auf einem der Bilder, da gibt es eine Plattform oben über der Uhr (und einen Fahrstuhl). Tolle Aussicht übrigens auch von da.
Lebensträume, Ziele, es gibt dafür viele Worte. Eins ist aber sicher: Davon wird hier nichts stehen, das geht die Öffentlichkeit schlichtweg nichts an. Schreibe nichts im Internet, was du nicht auch auf einem Marktplatz erzählen würdest. Danke also, nein.
Zu gegebener Zeit vielleicht, wenn was konkret ist und ich den Blog noch habe. Dann komme ich vielleicht auch auf die Sache mit dem Apfelbäumchen in meiner Fasson zurück (ein Zitat, das definitiv nicht von Luther stammt).

Würde mir dagegen dieser berühmte Pott mit Gold in den Schoß fallen, würde ich schon gern reisen. Ostafrika ist tatsächlich ein alter Traum, auch Neuseeland (ja, Herr der Ringe, ich geb’s zu), den Westen von Kanada würde ich ebenfalls gern sehen, die USA sind inzwischen mit einem weinenden Auge dauerhaft von der Wunschliste gestrichen, Asien lockt mich nicht, die Südsee muss auch nicht sein und mit Kreuzfahrten kann man mich jagen (okay, da gäbe es bei genauem Nachdenken mindestens eine Ausnahme). Mein Europa hat auch noch jede Menge weiße Flecken.
Wird mein Alltag ohne Lottogewinn aber eher nicht hergeben, und nein, das ist keine selbsterfüllende Prophezeiung, das sagt ein nüchterner Blick auf mein Bankkonto. Denn bevor ich reisen kann, muss der Alltag stehen, und wenn ich für eine hypothetische Reise auf den Ausflug am Wochenende, den Restaurantbesuch mit Freunden, Klamotten oder Bücher verzichten muss, um zu sparen, ich greife jetzt einfach mal was raus, dann weiß ich, was ich wähle, und bedaure es nicht.

Dann gibt es das, was ich in meiner Löffellisten-Etüde als „kreative Unwesentlichkeiten“ benannt habe. Das sind die Sorte Wünsche, bei denen ich entzückt „Oh ja, wollte ich auch immer mal“ sage, die Wünsche, bei denen ich breit grinse, wenn ich daran denke, und wo mein Herzchen hüpft. Wichtig, klar, gut für die Farbe im Leben. Aber „unbedingt haben müssen“? UNBEDINGT?

Davon kann ich gern etwas teilen, die Reihenfolge ist keine Wertung:

  • Heißluftballon fahren
  • Tandemsprung Paragliden von irgendeinem Berg oder größerem Hügel
  • Käse selber machen
  • Einen Tag mit Greifvögeln verbringen
  • Bei „Voice of Germany“ im Publikum sitzen, gern bei den Blind Auditions
  • Zu Silvester um Mitternacht auf der Cap San Diego (siehe Bild) das Horn betätigen (wer jemals Silvester im Hamburger Hafen war, weiß, wovon ich spreche)
  • Einen Baum pflanzen und ihn über Jahre hinweg wachsen sehen, und zwar NICHT in meinem Vorgarten, ja, siehe oben, dürfte auch ein Apfelbaum sein, ich mag Äpfel …

Falls es wer bemerkt hat, ein zweites Tattoo steht NICHT auf der Liste. Jedenfalls nicht im Moment, ich schließe langfristig nichts aus.

 

… getan!

Es ging auch darum, von der Liste irgendwas abzuhaken. Was hast du nun davon schon gemacht?

Zur letzten Kategorie gehörte eindeutig auch die Feststellung, dass ich mal in die Elbphilharmonie muss, sehr low-level, das Ziel. Nicht zwangsläufig ins Konzert, wobei ich das bestimmt auch noch hinbekomme, aber wenigstens mal rein, nachdem ich das Teil während des Baus nach Kräften ignoriert habe, und mich jetzt erst so langsam an die prägende Silhouette ohne Baukräne gewöhne. Man sieht das Ding gefühlt wirklich von überall, wenn man in der Stadt unterwegs ist. Über die Umstände, unter denen sie erbaut worden ist, Stichwort „Millionengrab“, rege ich mich dagegen immer noch auf.

In die Elbphilharmonie kann man auch so rein, nämlich in/auf die sogenannte Plaza (hier mehr darüber lesen), erreichbar mit Zugangskarte (um den Zulauf der Massen zu steuern) über die „Tube“ (Röhre), eine gebogene, lange Rolltreppe. Dort passiert zwar nicht sehr viel außer dem Elbphilharmonie-Shop und einem Café bzw. dem Restaurant (und Hotel) und den Aufgängen zum Großen und Kleinen Saal, also den eigentlichen Eingängen ins Konzerthaus, und den Aufzügen zu den Wohnungen, zum Hotel, dem Parkhaus etc., aber man kann dort ins Freie („Außenplaza“) und auf einem Drittel Höhe quasi einmal um die Elbphilharmonie herumgehen. De facto ist die Plaza eine Aussichtsplattform auf 37 Meter Höhe, nämlich an der Stelle, wo diese monströse Glas-Dingsda-Konstruktion auf den alten Kaispeicher A (Kakao, Kaffee, Tee) aufgesetzt worden ist. Deshalb stehen daneben auch (wieder) drei alte Schiffsentladekräne (Halbportalkräne), um zu zeigen, dass Hamburg die Geschichte des Ortes nicht vergessen hat *augenroll*.

Die Plaza ist schon sehr beeindruckend, aber sie hat den Charme eines neuen Bahnhofswartesaals, es herrscht Rauchverbot auch draußen auf der Außenplaza, es ist ein Eldorado für Fotografen, die Spiegelungen und Aussichten lieben, aber es zieht wie Sau, trotz dieser unglaublichen geschwungenen Glaswände. Mag bei Wärme ja ganz nett sein, ich spare mir jetzt aber weitere Ausführungen zum Thema Hamburg und Sommer. Die Aussicht jedenfalls ist zum Niederknien umwerfend, die Temperatur ist es ebenso, jedenfalls zurzeit *hust*.

Wer fotografiert, und ihr wisst, dass ich das tue, versteht, dass man da hoch MUSS. Ich habe also ein paar Außenaufnahmen, ein paar Innenaufnahmen und ein paar Aufnahmen von Blicken über Hamburg, gemacht von der Plaza, für euch. Wenn es wieder wärmer ist, gehe ich unbedingt noch mal hin. Ob der Kaffee taugt, weiß ich nämlich noch nicht; aber für die Schneekugel wäre ich mit EUR 29,90 dabei gewesen. Und jetzt kommt ihr.

 

Und die Moral von der Geschicht’? Ich für mich, ich weiß immer noch nicht, wofür für mich eine  Löffelliste dienlich sein soll. Was ich allerdings immer gut finde, ist, sich über seine Prioritäten im Klaren zu sein. So als Beitrag zu dem viel größeren und unendlich spannenden Thema „Erkenne dich selbst“. Wer bin ich, wer könnte ich vielleicht sein, was will ich (überhaupt, noch)? Sich dafür eine (Löffel-) Liste zu schreiben und sich auf diese Weise (von hinten durch die Brust ins Auge) auf die Spur zu kommen, tiefer in die eigene Seele einzutauchen, sich sich selbst und seinen Sehnsüchten, auch den enttäuschten, zu stellen, dafür ist so eine Liste nur eine Möglichkeit von vielen – und dann wiederum finde ich sie voll korrekt.

Tut mir leid, ist wohl ’n bisschen länger geworden. Schön, dass ihr alle noch da seid.  ;-)

 

 

 

 

 

Scheitern | abc.etüden

Ihre Freundinnen hatten sie schon gewarnt gehabt, dass das Ende manchmal sehr banal daherkäme. Das hatte sie ihnen nicht so recht geglaubt, warum auch? Sie hatten gemeinsam das Haus gebaut und abbezahlt, die Kinder groß gezogen und zu prächtigen Menschen heranwachsen sehen, die wiederum eigene Familien gründeten, hatten Krankheiten überstanden, die ihnen beiden Angst eingejagt, sie aber auch zusammengeschweißt hatten. Immer hatten sie gemeinsam nach vorn geblickt. Dachte sie.

Als er anfing, für den besser bezahlten Job länger zu arbeiten und öfter mal auf Dienstreise zu gehen, belegte sie Yogakurse. Es schien beiden gutzutun.

Bei einem ihrer hässlichen Streits, die in der Folgezeit immer häufiger aufbrachen, bezeichnete er ihren Yogalehrerkurs als Jodeldiplom. Da er das völlig ernst gemeint hatte – sie kannte ihn schließlich lange genug –, realisierte sie endlich, dass sie vielleicht in die gleiche Richtung geschaut, aber einander aus den Augen verloren hatten, und brach zusammen. So ein kleiner Satz: eine Stilblüte, nichts als eine traurige Fußnote in der Geschichte ihrer Scheiterns.

 

2017_46.17_zwei_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 46.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Petra Schuseil (wesentlichwerdenblog.wordpress.com) und lauten: Stilblüte, banal, jodeln.

Als Nicht-mal-Süddeutsche habe ich wenig Bezüge zum Jodeln, und der stärkste scheint bei mir tatsächlich das Jodeldiplom zu sein, an dessen Erfinder Bernd in seiner Biographie-Etüde erinnert hat …

 

November

Graue Winde schütteln den Wald,
Winde rütteln am Haus,
In den Eichen Regengebraus,
Regen hämmert aufs Dach.
Mein leer Herz liegt wach,
Lauscht auf das Schütteln und Gießen.
Mein Herz kann nicht mehr weinen um mich,
Herz, die Himmel weinen für dich.

(Max Dauthendey, Graue Winde schütteln den Wald, aus: Reliquien, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 115)

 

Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
Drängt die Welt nach innen;
Ohne Not geht niemand aus;
Alles fällt in Sinnen.

Leiser wird die Hand, der Mund,
Stiller die Gebärde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
Träumen Mensch und Erde.

(Christian Morgenstern, Novembertag, Quelle)

 

Baum im Nebel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!  :-D

 

Schreibeinladung für die Textwoche 46.17 | Wortspende von wesentlichwerden

Die neuen Wörter, liebe Etüdenfans, -leser/innen und -schreiber/innen, halte ich in dieser Kombination für eine echte Herausforderung. Ich weiß nicht, wie es euch so geht, aber in meinem Hirn bildet sich oft schon eine Geschichte, wenn ich die Wörter zum ersten Mal lese. (Meist sieht sie hinterher dann ganz anders aus. Macht ja nix.) Dieses Mal nicht. Dieses Mal bin ich echt auf die umherflatternde Muse angewiesen, dass sie mal kurz bei mir stoppt. Hm.
Anyway, die Wörter für die Textwoche 46.17 spendete Petra Schuseil (wesentlichwerdenblog.wordpress.com) und sie lauten:

Stilblüte
banal
jodeln.

Bitte diese 3 Wörter in maximal! 10! Sätzen unterbringen, ihr wisst es längst. Euren Beitrag verlinkt ihr dann bitte hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von mir, von Petra und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.

Auch in dieser Woche weise ich wie immer darauf hin, dass die Illustrationen dem kreativen Hirn des wertgeschätzten Herrn lz. entsprungen sind, dem Etüdenerfinder, der nach wie vor mit seiner Artpage unter ludwigzeidler.de zu finden ist. Danke, Ludwig!

Ich habe im Moment einen sehr eng getakteten Alltag. Das führt dazu, dass ich zwar viel am Rechner hänge, mich aber nur bedingt um den Blog kümmern kann. Und Etüden kann (und will) ich nicht „auf Halde“ produzieren, die kommen, wenn sie kommen. Seht es mir also bitte nach, wenn ich nicht mit der üblichen Frequenz dabei bin (war die beiden letzten Wochen schon so), es liegt NICHT an den Wörtern, ich habe ein Zeitproblem und bin froh, wenn es rum ist, zum Glück scheint es absehbar zu sein.

 

2017_46.17_eins_lz | 365tageasatzaday

 

2017_46.17_zwei_lz | 365tageasatzaday

 

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Löffelliste | abc.etüden

Sie saß vor dem Laptop und dachte über das Ansinnen nach, eine LÖFFELLISTE zu schreiben, wobei allein das Wort sie eigentlich schon nervte, viel zu glatt, viel zu Social-Media-tauglich. Wieder mal würde sie zielsicher aus dem Trend fallen – keine Lebensträume, die unbedingt noch öffentlichkeitswirksam erfüllt werden mussten, keine Leistungsschau kreativer Unwesentlichkeiten, je schräger, desto lieber, mit denen sie mit den anderen konkurrieren konnte. Eine ihrer Freundinnen wollte unbedingt in diesem Leben noch auf Chinareise, eine andere auf den Kilimandscharo krabbeln, das wusste sie von beiden schon lange. Schön, gestand sie sich ein: Ostafrika, Safari, Städte, Menschen, wilde Tiere, Natur, das wär’s schon, sie hatte es nämlich nicht so mit Asien. Und aus ihrer Zeit als Au-pair in Kanada lag immer noch das echte Zuckerahornblatt getrocknet im Atlas, gehütet wie ihre Erinnerungen an Ahornsirup und den ersten kanadischen Kuss.

Aber um das Auffallen geht’s doch gar nicht, hörte sie die anderen in Gedanken aufschreien, es geht darum, was du im Leben noch erreichen willst, um deine Träume! Eigentlich, dachte sie, wollte sie bloß gesund und lebendig in Kopf und Herz älter und alt werden, wollte Zeit und genug Geld haben, um sich große und kleine Wünsche zu erfüllen, die dann sicherlich beizeiten die Hand heben würden.

Zu unspektakulär für eine LÖFFELLISTE, entschied sie. Pah, schon wieder so eine „Mein Haus, mein Boot, mein Auto“-Variante, und sie wäre beinahe darauf hereingefallen. Gelassen klappte sie den Laptop wieder zu.

 

2017_45.17_eins_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 45.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Elke H. Speidel (transsilabia.wordpress.com) und lauten: Ahornblatt, Chinareise, krabbeln.

Ich umkreise das Thema „Löffelliste“, dazu dann nächste Woche noch mehr, denn das ist keineswegs der letzte Stand der Dinge. Wer einen Hinweis zum Thema haben möchte, lese dazu hier im Totenhemd-Blog.