Abgesang | Weihnachts-/Neujahrsetüden

Sie wog den kaputten Christbaumständer in ihren Händen und war wieder mal kurz vor der Verzweiflung. Tja, dieses Jahr war noch mehr zerbrochen als die Hoffnung auf eine Zweisamkeit, aus der vielleicht etwas Dauerhaftes hätte werden können; in diesen Tagen vermisste sie ihre Oma besonders, die sie immer dazu angehalten hatte, während der Rauhnächte keine Wäsche zu waschen, weil sich darin die Percht bei ihrer wilden Jagd verfangen würde, und das brächte ganz sicher Unglück. Ihr Einwand, dass sie ihre Wäsche nie über Nacht draußen ließe, hatte die alte Dame nicht interessiert. Ebenso wie den Mann, dessen Namen sie nicht mal denken wollte, weil es viel zu weh tat, ihre Zukunftswünsche. Immerhin musste sie jetzt nie wieder diesen fürchterlich schmeckenden Karpfen zubereiten, den beide so geschätzt hatten, was aber auch fast das Einzige gewesen war, worin sie sich einig gewesen waren. Egal, morgen begann das neue Jahr, und die falsche Weihnachtsseligkeit würde sie gleich mit allem anderen Seelenmüll entsorgen.

Als ihr Telefon kurz darauf klingelte, schien es ihr, als bestätigte sie das Schicksal: Eine erkrankte Freundin bot ihr Karten für eine große Silvesterparty an. Alles ist besser, als allein in den Sekt zu heulen, dachte sie, und nahm kurz entschlossen an. Würde sie ihre Wunderkerzen eben allein unter Fremden zu hoffentlich guter Musik schwenken. Sie atmete tief durch und beschloss, sich auf das Leben zu verlassen.

 

2017 weihnachten neujahr 2 lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die Weihnachts-/Neujahrsetüden, Wochen 52.17 + 01.18: (mindestens) 3 Wörter, maximal 10 Sätze. Meine Wörter stammen dieses Mal aus der Weihnachts-/Neujahrsetüden-Wörterliste und lauten: Christbaumständer, Karpfen, Rauhnächte, Wunderkerze.

Diese Etüde wollte heute noch unbedingt geschrieben und veröffentlicht werden, ziemlich außerplanmäßig, wie das manchmal so ist.

Dazu gibts bei mir David Gilmour – Live at Pompeji (bald schauen, Mediathek)

 

Also, wem ich es noch nicht gewünscht habe: Kommt gut rüber, schönes neues Jahr, wir lesen uns!

 

 

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Nachhauseweg | Weihnachts-/Neujahrsetüden

„Papa, weinst du?“ fragte der kleine Junge, als sie langsam in Richtung des Autos gingen. Der Mann schüttelte den Kopf, ließ aber für einen Moment seine Hand los, um sich die Nase zu schnauben. Mit dem anderen Arm hielt er eine Frau an sich gezogen, die offensichtlicher zwischen Weinen und Lachen schwankte.

„Tim, du hast gerade deine Eltern angeschrien und ihnen Hinterhältigkeit und Heuchelei vorgeworfen, und das alles für Finn und mich, bist du sicher, dass es das wert war?“

„Ach, Schatz, ich hatte doch heute Morgen schon versucht, es dir zu erklären, dass es jedes Jahr so ist“, nickte der Mann, „nach der Weihnachtsgans zum Mittagessen wird weitergetrunken, und nachmittags, wenn die erweiterte Familie zu Besuch kommt, haben oft beide schon Schlagseite, sagen alles, was sie sich sonst nicht trauen, und schaukeln sich hoch. Je nachdem, ob der Krawall mit meinen Onkeln ausartet, landet später gern schon mal einer in der Notaufnahme, nicht nur wegen Alkohol, deshalb bin ich so schnell weg mit euch, ich weiß, wie das ausgehen kann. Dir zu unterstellen, du hättest dich nur deshalb an mich herangemacht, damit ihr versorgt seid, war da noch relativ harmlos.“

Er sah sie zärtlich an und gab ihr einen schnellen Kuss, aber seine Stimme klang resigniert: „Jeder von meinen Brüdern hat ihnen schon Vorhaltungen gemacht und ich habe wenig Hoffnung, dass sich noch was ändert. Die ganzen Jahre habe ich den Schein gewahrt und ihre Sprüche irgendwie an mir abprallen lassen, Lieblingssohn und so, was übrigens auch gelogen ist, ich bin nur der Jüngste. Aber, mein Schatz, seit einem halben Jahr zeigst du, zeigt ihr beide mir, dass man auch anders miteinander umgehen kann, und ich verspreche dir, dass wir es wie meine Geschwister machen und uns die beiden nicht mehr antun – und ganz sicher nicht zu Weihnachten.“

 

2017 weihnachten neujahr 1 lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die Weihnachts-/Neujahrsetüden, Wochen 52.17 + 01.18: (mindestens) 3 Wörter, maximal 10 Sätze. Meine Wörter stammen dieses Mal aus der Weihnachts-/Neujahrsetüden-Wörterliste und lauten: Kuss, Heuchelei, Hoffnung, Notaufnahme.

Falls wir uns nicht mehr lesen sollten vorher: Rutscht gut rüber, ja?

 

Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr

Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr,
da hörst Du alle Herzen gehn und schlagen
wie Uhren, welche Abendstunden sagen:
Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr,
da werden alle Kinderaugen groß,
als ob die Dinge wüchsen die sie schauen,
und mütterlicher werden alle Frauen
und alle Kinderaugen werden groß.
Da mußt du draußen gehn im weiten Land
willst du die Weihnacht sehn, die unversehrte
als ob dein Sinn der Städte nie begehrte,
so mußt du draußen gehn im weiten Land.
Dort dämmern große Himmel über dir
die auf entfernten weißen Wäldern ruhen,
die Wege wachsen unter deinen Schuhen
und große Himmel dämmern über dir.
Und in den großen Himmeln steht ein Stern
ganz aufgeblüht zu selten großer Helle,
die Fernen nähern sich wie eine Welle
und in den großen Himmeln steht ein Stern.
Für Clara Rilke. Weihnachten 1901

 

(Rainer Maria Rilke, Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr, 1901, Quelle)

Ich denke, es passt dazu zu erzählen, dass Rilke Mitte Dezember 1901 zum ersten Mal Vater (einer Tochter, Ruth) geworden war. Wenn es also in Rilkes Vorstellung ein „ideales Weihnachten“ (wir würden das heute vermutlich kitschig nennen) gab, dann war es vermutlich dieses. (Okay, er war erst Mitte 20. Was ich auch immer vergesse: Er ist nur 51 geworden, das ist nicht viel – wie man denkt, wenn man selbst älter ist.)
Wie man hier nachlesen kann, hat er es ziemlich inszeniert …

Friedliche und fröhliche, stille, entspannte, harmonische Tage wünsche ich euch. He – nicht gleich abwehren, ja, auch dir, falls du dich angesprochen fühlst. Eine Idealvorstellung zu haben, in der man sich wiederfindet, ist wichtig. Also: von Herzen.

 

Winternacht | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ich habe hier schon von Schwesterhochfünf geschwärmt. Nun, das folgende Stück ist auch auf der „Adventslieder“-CD.

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 52.17 und 01.18 | Weihnachts- und Neujahrsetüden

Ja, liebe Etüdenfans, -leser/innen und -schreiber/innen, Heiligabend ist nun echt der blödeste Termin für eine Schreibeinladung, zugegeben. Aber heute ist Sonntag, und der Sonntag ist der Tag der Schreibeinladungen, das beizubehalten macht schon Sinn. Finde ich jedenfalls.

Ich habe in den letzten Tagen festgestellt, dass gefühlt die Hälfte meines Readers ihre Blogs über die Feiertage und zwischen den Jahren schließt, von daher bin ich gespannt, ob und wer sich überhaupt noch einfindet und Lust hat, sich das Hirn für eine Etüde (oder mehrere) zu verdrehen.
Und da ich hoffe, dass sich das maximal bis Neujahr wieder ändert und manche doch die Lust packt, was Kleines zu schreiben, kommen hier bunt gemischt ein paar Wörter zum gefälligen Amüsement eurerseits, je nach Wunsch mit eher weihnachtlichem oder silvestrigem Hintergrund und wie immer von unserem Etüdenerfinder lz. (ludwigzeidler.de) freundlichst in Szene gesetzt, danke, Ludwig!

Was für die Adventsetüden galt, gilt auch für die Sonderedition Weihnachts-/Neujahrsetüden, Textwochen 52.17/01.18.
Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze, und darf wie schon in den letzten Wochen gern zu einem „mindestens 3 Wörter“ erweitert werden.
Erneut gilt: Ihr sucht euch die 3+ Wörter aus der nachfolgenden Liste (12 Wörter) selbst aus.

Berliner, Bleiklumpen, Christbaumständer, Karpfen, Kuss, Heuchelei, Hoffnung, Neujahrsläuten, Notaufnahme, Rauhnächte, Vorsätze, Wunderkerze

 

Der reguläre Etüdenbetrieb startet wieder im neuen Jahr am 7.1.2018.

Ihr wisst, dass es gilt, 3(+) Wörter in maximal! 10! Sätzen unterzubringen und dass die Textform dabei aber völlig wurscht ist. Euren Beitrag verlinkt ihr dann bitte hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.

Frohe Feiertage euch, heitere, entspannte Tage bei bester emotionaler und körperlicher Gesundheit! Danke für euren Besuch, danke, dass ihr die Etüden im ablaufenden Jahr zu dem gemacht habt, was sie (für mich und hoffentlich auch für euch) sind: ein (sehr ernst genommener und zu nehmender) Riesenspaß!

 

2017 weihnachten neujahr 1 lz | 365tageasatzaday

 

2017 weihnachten neujahr 2 lz | 365tageasatzaday

 

Wunschzettel | Adventsetüden

Es heißt zwar, es gäbe euch nicht, lieber Weihnachtsmann, liebes Christkind, aber an wen soll ich mich denn bitte wenden, mit der Kirche habe ich es ja sonst nicht so. Ich bin es doch, das Sensibelchen, das von jedem kalten Blick Frostbeulen bekommt, die Doofe, die immer das heiße Backblech anfasst, die ewige Verliererin, die nicht nur in der allgemeinen Geschenklotterie immer die Niete zieht, nein, die gefühlt die Niete IST – ihr kennt mich bestimmt, meine Geschenke haben immer Lieferschwierigkeiten.

Wenn ich also mal gleich mit meinem Wunsch mit der Tür ins Haus fallen darf: Ich habe die Einsamkeit so satt – und ihr seid meine letzte Hoffnung, dass sich das noch ändert.
Nee, ich bin optisch und psychisch eigentlich schon noch gut in Schuss, nur bisschen in die Jahre gekommen und bisschen in die Breite gegangen vielleicht; mein Typ wird einfach nicht nachgefragt, oder wenn, dann lediglich wegen meiner Gutmütigkeit: Meinen selbst gebackenen Christstollen wollen immer alle, dann können sie auch nett zu mir sein – und ich falle jedes Mal drauf rein und sitze doch über die Feiertage nur in Gesellschaft von einem fetten Weihnachtsblues herum (wenigstens nicht alleine, haha, selten so gelacht), wenn all die Freunde auf Familie machen, wozu ich dann selbstverständlich nicht gehöre, schon klar, oder?

Wisst ihr, man spricht zurzeit so viel über die Weihnachtsblase und diese Zuckerorgien aus geheuchelten Gefühlen. Ich sehe das bisschen anders, ich denke, die meisten Leute meinen den Rummel schon ehrlich, die wollen wirklich, dass zu Weihnachten alle, die sie mögen, happy und gut drauf sind, und haben im Gegenzug aber oft tierisch Angst, dass einer keine gute Miene zu dem manchmal ganz schön scheinheiligen Spiel macht, wenn man sich mal wirklich nicht ausstehen kann, kann ja gute Gründe haben, nicht? Dass das Klappehalten letztendlich mit Geschenken erkauft wird und dass das streng genommen nicht funktioniert, wenn man kein Kind mehr ist, das wissen zwar alle, vergessen zu Weihnachten aber geflissentlich, dass Harmonie Zeit und Mühe kostet, und zwar hauptsächlich vorher; Glück kann man eben nicht last minute preisreduziert kaufen, faulen Zauber schon.

Also richte ich mal einen privaten Spendenaufruf an euch, als Vertreter der himmlischen Heerscharen oder so: Schenkt mir doch ein bisschen Freude (nein, keinen Vibrator, danke schön), gerne mit Stern und Glöckchengebimmel von CD, das Wie überlasse ich euch.
Ansonsten besaufe ich mich an Heiligabend mit Feuerzangenbowle, überfresse mich mit Dominosteinen und gröle so laut und falsch peinliche Lieder, dass mich all die feierlichen Kirchgänger hören, die zur Christmette an meinem Fenster vorbeigehen, und mein Ruf vollends dahin ist. Und das Risiko wollt ihr doch zum Fest der Liebe bestimmt nicht eingehen, oder?

 

2017 advent 2 lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die Adventsetüden, Woche 49 + 50 + 51.17: (mindestens) 3 Worte, maximal 10 Sätze. Meine Wörter stammen dieses Mal aus der Adventsetüden-Wörterliste und sind alle, die ich in den beiden vorherigen Etüden noch nicht verbraten hatte, also insgesamt … Trommelwirbel … 14: Angst, Backblech, Blues, Christstollen, Dominosteine, Einsamkeit, Feuerzangenbowle, Frostbeule, Geschenklotterie, Hoffnung, Spendenaufruf, Stern, Zauber, Zuckerorgie.

Ja, ich weiß, ich bin nicht die Einzige, die so was gemacht hat. Ja, ich weiß auch, das sind alles in allem ziemlich überstrapazierte 10 Sätze, aber ich musste einfach der Versuchung nachgeben, es hat so Spaß gemacht!

Und falls wer vergessen haben sollte, dass Sonntag … Sonntag ist: Sonntag, also Heiligabend, gibt es neue Wörter für die Weihnachts-/Neujahrsetüden. Nur dass ihr über Weihnachten und zwischen den Jahren schreiben könnt, wenn ihr mögt.

 

Von Advent bis Weihnachten

 

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

(Rainer Maria Rilke, Advent, aus: Erste Gedichte, 1913, Quelle)

 

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

(Joseph von Eichendorff, Weihnachten, aus: Joseph Freiherrn von Eichendorff‘s sämmtliche Werke. 1. Band, 1864, Quelle)

 

Weihnachtsbaum | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Dies sind zwei Gedichte, die ich seit meiner Kindheit kenne und schätze. Wann, wenn nicht jetzt, wäre die beste Zeit dafür, sie auf den Blog zu stellen? (Ach, Anna-Lena, das sieht jetzt ja vielleicht so aus, als ob – nein, ich hatte dieses Gedicht schon Mitte letzter Woche für heute vorgeplant, nichts für ungut, ja?)

Kommt gut in und durch die letzte Vorweihnachtswoche, und wenn ihr irgendwie könnt, genießt die Tage, bevor sie schon wieder vorbei sind!

 

Rückwärtsgang | Adventsetüden

„… man haut ja auch nicht bei voller Fahrt plötzlich den Rückwärtsgang rein“, dozierte der alte Mann mit großer Gebärde und sah die fröstelnden Passanten auf dem Weihnachtsmarkt mit leicht zusammengekniffenen Augen an, „nein, man bremst ab, bis man steht, und wechselt dann den Gang, dann nimmt keiner dabei Schaden, nicht das Auto, nicht man selbst.“ Schneeflocken rieselten sachte herab und verfingen sich in seinem grauen Rauschebart, was ihn nicht weiter störte, er nippte vorsichtig an seinem Glühwein – mit Amaretto, denn er mochte es gern heiß und süß. „Aber nein, was passiert? Fünf vor Weihnachten kommen die Leute komplett im Stress nach Hause gerast, und dann soll husch, husch alles wie von selbst easy und feierlich sein!“ Er schnaubte und nahm lieber noch einen Schluck, bevor er sich ernsthaft aufregte.

„Früher“, brach es dann doch aus ihm heraus, „früher wussten die Leute noch, dass man keinen Schalter umlegt, um Feierlichkeit zu empfinden, dass das eine Zeit der innerlichen Vorbereitung braucht, deshalb hieß der Advent auch die stille Zeit. Aber heute, heute ist inzwischen alles, was sie können, sich volllaufen lassen – ja, das ist auch ein Schalter, nur fühlt man sich hinterher meist nicht heilig, sondern hat einen mehr oder weniger bösen Kater, was ganz sicher nicht im Sinne des Erfinders ist. Und schon schimpfen wieder alle auf Weihnachten, anstelle auf die Idee zu kommen, dass sie vorher die Heiligkeit hätten kurz trainieren können, ruhig hinsetzen, kein Handy, kein Fernseher, kein Computer, bloß paarmal zehn Minuten bisschen Kerzenschein oder Lichterketten und Musik und Klappe halten und so.“

Er winkte resigniert ab, schwankte ein bisschen und verschwand schließlich in der Menge, die seinen Blick sowieso schon befremdet gemieden hatte. Nur ein kleiner Junge drehte sich um und ihm schien es, als würde durch den jetzt stärker fallenden Schnee ein weiter, roter Mantel und ein prall gefüllter Sack auf dem Rücken des Mannes schimmern – aber das konnte ja nicht sein, oder?

 

2017 advent 2 lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die Adventsetüden, Woche 49 + 50 + 51.17: (mindestens) 3 Worte, maximal 10 Sätze. Meine Wörter stammen dieses Mal aus der Adventsetüden-Wörterliste und lauten: Glühwein, Kater, Kerzenschein, Lichterketten, Schnee, Stress, Weihnachtsmarkt.

Ja, doppelt oder nichts, wenn ich schon mal dabei bin oder so. Mein Vorweihnachtsstress reduziert sich gerade erheblich, ich hoffe auf eine recht ruhige Vorweihnachtswoche.

In eigener Sache: Ihr, die ihr dies lest, habt ihr schon Wörter gespendet für die Weihnachts-/Neujahrsetüden? Nein? Dann bitte husch, hier entlang! Danke!

Euch allen unverdrossen einen schönen 3. Advent!

 

Weihnachts-/Neujahrsetüden: Wörter gesucht!

Ihr Lieben, ich hoffe, euch gefällt das System der Wörter zum Aussuchen für die Adventsetüden? Fein! Dann muss ich euch nicht weiter erklären, was mir über Weihnachten und Silvester vorschwebt?! Es geht nämlich noch weiter!

Bitte spendet mir Wörter, die für euch mit Weihnachten und Silvester/Neujahr/Jahreswechsel zu tun haben, und bitte, tut es fix, denn ich schließe die Annahme dieses Mal schon in zwei Tagen, am Dienstagabend, 19.12., um 20:00 Uhr CET.

Die Schreibeinladung für die Weihnachts-/Neujahrsetüden erscheint Heiligabend, der ja blöderweise (für die Etüden) auf einen Sonntag fällt, also am 24.12.2017. Der „normale“ Etüdenbetrieb geht weiter am 7. Januar 2018.

Ich leg schon mal vor:

Gans, Großeltern, Vorsätze

Bin schon sehr gespannt auf eure Vorschläge!

 

Jahreswechsel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Einen schönen 3. Advent wünsche ich euch!

 

Vom Schenken

Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten die Gabe wiegen,
sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
was in dir wohnt
an Meinung, Geschmack und Humor,
so dass die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
dass dein Geschenk –
Du selber bist.

(Joachim Ringelnatz, Quelle)

 

vogel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

Und weil ich am Wochenende auch noch Adventsmusik live hatte und auch von daher in ein bisschen weich gespülter Stimmung bin, ein neu entdecktes Highlight:

Schwesterhochfünf: Maria durch ein Dornwald ging

 

 

 

 

 

 

Mit 66 Jahren …

Wer oft hier liest, der weiß, wie selten ich irgendwas reblogge. Und eigene Sachen eigentlich nie.
Bis jetzt.
Aus Gründen, wegen heute und so.

Alles Liebe zum Geburtstag, mein Lieber, du fehlst mir immer noch wie blöde, so oft, so unmittelbar, und ja, doch, anders als noch letztes Jahr. Ich weiß, du wärest erstaunt darüber, glaub mir, ich bin es auch, ich hab es weder gewollt noch damit gerechnet. Du auch nicht, ja, klar. Trotzdem.
Ach, Mensch, warum nur.

 

***

Adventszeit. Die Unruhe hatte sie nachmittags aus dem Haus getrieben. „Kommst du mit, Weihnachtsbäume zählen?“, hatte sie früher ins Telefon gerufen. Das Auto hatte wie von selbst die vertraute Route eingeschlagen. Es war schon dämmerig, und rechts und links blinkten immer wieder Nikoläuse und Rentiere an den Straßen. Und bunt beleuchtete Tannenbäume. Schön war das.
Wie so oft entspannte sie sich beim Autofahren. Schön und schrecklich und kitschig und doch auch ein bisschen feierlich. Sie spähte aufmerksam in eine Seitenstraße. Hatte dort hinten nicht immer dieses riesige Monster von einem Santa hervorgelugt, kletterte der dieses Jahr auch wieder die Hausfassade hoch? Ja, tat er. Vergnügt bog sie ab und passierte ihn kopfschüttelnd. Vielleicht hätte sie doch die Kamera mitnehmen sollen.

Der, mit dem sie am liebsten unterwegs gewesen wäre, war nicht mehr dabei. Ein Teil ihrer Freundschaft hatte daraus bestanden, dass sie miteinander im Auto durch die Stadt gekutscht waren, sie, die gern fuhr und ihre Stadt so liebte, er, der es genoss, etwas zu sehen, ohne sich großartig bewegen zu müssen und immer für eine dumme Idee zu haben gewesen war. An Gesprächsstoff hatte es ihnen nie gefehlt, auch wenn sie durchaus nicht immer einer Meinung gewesen waren. Rauchen durfte nur er in ihrem Auto, seine schmalen filterlosen Selbstgedrehten, er war sich der Ehre bewusst. Und wenn die kleine Karre noch eine Kaffeebar beherbergt hätte, wäre alles perfekt gewesen.

„Ach verdammt, warum bist du nicht hier“, sagte sie laut und erschrak über ihre eigene Stimme. Sie unterhielt sich in Gedanken öfter mit ihm, erzählte ihm, was los war, fragte ihn hin und wieder, was er davon hielt und versuchte zu erspüren, was er vielleicht geantwortet hätte. Manchmal hatte sie das Gefühl von Erheiterung, manchmal von interessierter Anteilnahme, meistens war da einfach gar nichts. Aber viel zu oft nagte dann einfach noch das Alleingelassensein an ihr und sie wütete in Gedanken und warf ihm vor, wie es ihm einfallen konnte, einfach so wegzusterben. Viel zu jung und so. Überhaupt, hatten sie nicht miteinander alt werden wollen?

Wie jedes Jahr hielt sie an einer bestimmten Straßenecke und betrachtete die Jugendstilvilla einer Immobilienfirma, die alle 15 Sekunden in einer anderen Farbe angestrahlt wurde. Rot-violett-grün-blau. Künstlerisch ohne Zweifel wertvoll. Sie hatten sich beide gefragt, wie man die Farbwechsel die ganze Nacht aushielt, ohne verrückt zu werden. Rot-violett-grün-blau. Au-gen-ter-ror. Aber vielleicht wurde das Teil ja später am Abend abgeschaltet.
Neben ihr schien der Schatten plötzlich dunkler zu werden. Als sie anfuhr, hatte sie das Gefühl, dass sie nicht mehr allein war. Sie schüttelte den Kopf. Mach dich nicht verrückt.

Als sie auf ihrer Lieblingsstraße entlang der Elbe dahinrollte, riskierte sie erneut einen Blick auf die Beifahrerseite. Hm. Hier waren die Lichterketten der Weihnachtsdekorationen deutlich dezenter und seltener, die Gegend war erheblich teurer. Dafür waren die Ausblicke auf und über das Wasser Richtung Hafen bei jeder Tages- und Nachtzeit unbezahlbar schön. Sie stoppte in einer Parkbucht und blickte auf die schimmernden Lichter des Hafens, die niemals schliefen. Hier hatten sie öfter gestanden, gegessen, gelacht, diskutiert, meist tagsüber, wenn der Imbiss am anderen Ende aufhatte.

„Na?“ dachte sie. „Schön, dass du vorbeischaust. Wie geht es dir so?“
Ein Schwall von Liebe und Wärme traf sie völlig unvorbereitet. Für einen Moment meinte sie, seinen charakteristischen Geruch zu riechen. Eine Welle von Sehnsucht schwappte hoch und trieb ihr sofort die Tränen in die Augen. „Hab ich alles nicht so gewollt“, brummelte es in ihrem Kopf.
„Weiß ich doch“, schniefte sie und griff nach einem Taschentuch.

Vor ihr knallte es irgendwo. Zischend starteten ein paar Raketen. Über dem Hafen regnete es Licht. Idioten, die waren wirklich früh dran mit dem Feuerwerksgeballer dieses Jahr! Okay, dann war das wohl das Zeichen. Sie schob die trüben Gedanken weg und griff neben sich in die Tasche. Mit sicheren Handgriffen entkorkte sie die mitgebrachte Sektflasche und zog eine Handvoll Wunderkerzen hervor. „Komm mit raus“, bat sie sicherheitshalber.

Draußen hockte sie sich auf die Lehne einer Bank, entzündete nicht ohne Mühe die Wunderkerzen alle auf einmal und bewunderte ihre funkensprühende Faust. Sie nahm einen großen Schluck Sekt, verschluckte sich und trank noch mal. Er hatte keinen Sekt gemocht, aber sie vermutete, dass das jetzt eh egal war. Dann hob sie die Flasche, goss einen kräftigen Schluck auf den Boden, drehte sich in alle Himmelsrichtungen und prostete ihm zu.
„Happy birthday, Alter. Nur Gutes dir. Wo immer du auch bist.“

***

 

Dieser mein Text erschien am 10. Dezember letzten Jahres für und bei die/der überaus wertgeschätzte/n Frau Graugans im Rahmen ihres Projektes „Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.“. Beim Wiederlesen habe ich gemerkt, dass er immer noch verdammt gut passt und dass ich ihn sehr mag. Und vielleicht kennt ihn der eine oder die andere ja noch nicht. Und nein, Udo Jürgens ist gewiss keine Option, musikalisch gesehen. Mit 66 Jahren … tja. Verdammt.

Dieses Jahr hab ich die Runde durch die Stadt noch nicht gemacht.

Update: Ich glaube, ich muss aber noch was richtigstellen. Bei einigen scheint mein Text den Eindruck erweckt zu haben, wir wären noch ein Paar gewesen, er und ich, als er starb. Dem war schon viele Jahre nicht mehr so, unsere Beziehung war einer tiefen, starken Freundschaft (mit Höhen und Tiefen) gewichen, die – selbstverständlich – auch andere Partner zuließ. Er war zum Zeitpunkt seines Todes nicht alleine, und daher gebührt es mir einfach nicht, dass der Anschein entsteht, ICH sei zu jenem Zeitpunkt die Frau an seiner Seite gewesen. Seine Partnerin ist Social-Media-abstinent, liest, soweit ich weiß, auch meinen Blog nicht, hat ihre eigene Verbindung zu ihm und ihre eigene Art zu trauern, so wie ich meine habe. Das ist alles okay und gut so, aber, wie gesagt, die Federn der „Partnerin“ gebühren mir nicht (mehr).

 

wunderkerzen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Strandgut – Neuerscheinung

Wer noch Weihnachtsgeschenke sucht (vielleicht ja auch für sich), dem sei dieses Büchlein meiner wertgeschätzten Blog-Freundin Anna-Lena ans Herz gelegt. Sie hat mir verraten, dass auch Etüden drin wären …
Schaut doch mal rein!

Anna-Lenas Lesestübchen

Über dieses Buch

„Strandgut“ ist eine Sammlung von kleinen Geschichten und Gedichten.

Tagtäglich treffen wir auf Begebenheiten, Begegnungen oder bekommen Eindrücke, die haften bleiben, uns beschäftigen und uns gar nicht mehr loslassen wollen.

Manchmal verfestigen sie sich zu einem Bild im Sinne einer konkreten Vorstellung oder entwickeln sich von ganz alleine weiter, werden zu Gedanken, die sich formieren und oftmals entstehen daraus kurze oder längere Texte. So ist auch dieses Buch entstanden, mit der Absicht, der Leserin und dem Leser ein geistiges Luftholen vom Alltag zu ermöglichen.

Gaby Bessen
Paperback
136 Seiten
ISBN-13: 978-3-7460-1681-8
Verlag: Books on Demand
Erscheinungsdatum: 09.11.2017
9,90 €

Bestellungen sind direkt über den Verlag möglich oder auch bei mir, gern mit Widmung.

Als  e-book ist es nun auch erhältlich.

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Der Anfall | Adventsetüden

Sie starrte über den Adventskranz hinweg aus dem Fenster in die Finsternis und sah rein gar nichts. Die Erinnerungen überschwemmten sie wie eine Welle und rissen sie mit, sie sah ihn, hörte ihn, roch ihn, fühlte ihn; die Erinnerungen spülten ihr das Herz in den Verstand und ließen die Sehnsucht aus ihren Augen perlen.

Wo bist du, geht es dir gut? Denkst du noch an mich? Es war doch so schön. Warum konnte es nicht gut gehen mit uns, wir waren doch wie füreinander gemacht.

Im Radio dudelte inzwischen „Do they know it’s Christmas“. Ihr war das gerade völlig egal, sie hockte mit hochgezogenen Knien auf ihrer Couch, schniefte und fror innerlich, müde von dem Herunterschlucken der Tränen. Da halfen weder Kuschelsocken noch Hochprozentiges, sie musste irgendwo Rückgrat auftreiben, um aufrecht durch die Nacht zu kommen. Das Fest der Liebe, ha, toller Witz.

 

2017 advent 2 lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die Adventsetüden, Woche 49 + 50 + 51.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen dieses Mal aus der Adventsetüden-Wörterliste und lauten: Adventskranz, Finsternis, Kuschelsocken.